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70 Jahre Freude durch Kraft-Wagen

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Jedes fünfte Auto auf Europas Straßen stammt aus jener Blechschmiede, der eine Großstadt ihre Existenz verdankt, obwohl sie vor 70 Jahren erst ganze 1000 Einwohner zählte.


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Um sich von all den anderen "Hoffmännern" zu unterscheiden, fügte der Dichter des Deutschlandliedes, August Heinrich, kurzerhand den Namen seines Heimatfleckens, Fallersleben, hinzu. Auf der Landkarte Niedersachsens wird man dieses mehr als 1000-jährige Örtchen heute kaum noch finden. Höchstens als einen von 40 Stadtteilen einer wesentlich jüngeren Großstadt, in die es 1972 eingemeindet wurde.

Die junge Großstadt ihrerseits ehrte ihren berühmten Sohn mit einem "Hoffmann-von-Fallersleben-Museum". Doch weltberühmt ist sie nicht durch ihren Dichter geworden, sondern durch ihre Metallarbeiter, Ingenieure, Konstrukteure und Designer.

Adolf Hitler war ein Automobil vorgeschwebt, das sich jeder leisten könne und weniger als 1000 Reichsmark koste. Ferdinand Porsche verwirklichte den Plan. "Volkswagen" gab es damals zwar schon etliche, doch keiner war so konkurrenzlos billig wie Porsches KdF-Auto. Wenige Wochen nach der Grundsteinlegung für das Autowerk wird durch Erlass vom 1. Juli 1938 die "Stadt des KdF-Wagens" bei Fallersleben gegründet.

"KdF - Kraft durch Freude" war eine Einrichtung, mit der die Nazis auch die Freizeit der Massen gleichschalten wollten.

Nun wird eine Großstadt aus dem Boden gestampft: In alten Dörfern und ehemaligen Gutsbezirken werden tausende Arbeiterwohnungen errichtet. Schon ein Jahr nach der Gründung hat sich die Einwohnerzahl versechsfacht. Heute leben 121.000 Menschen in der sechstgrößten Stadt im Lande Niedersachsen. Und heuer feiert sie ihren 70. Geburtstag. Ihren endgültigen Namen, Wolfsburg, erhielt sie erst nach dem Krieg, abgeleitet vom nahen Schloss Wolfsburg, einem Bau im Stil der Weser-Renaissance.

Der größte Automobilhersteller Europas hat nicht nur positive Schlagzeilen gemacht. Schon seine Verstrickung mit dem Nazi-Regime und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Dritten Reich waren schlimm.

In den vergangenen Jahren häuften sich die Skandale: 1990 der Devisenskandal, der den Konzern mehr als 170 Millionen Euro kostete; 1996 die Opernball-Affäre, in der sich Gerhard Schröder mit Frau Hiltrud auf Kosten von VW verwöhnen ließ, 1997 die Schmiergeldaffäre um ABB und Skoda, in die führende VW-Manager verwickelt waren, 1998 die Lopez-Affäre um Industriespionage bei Opel, die VW zwang, 100 Millionen Dollar an General Motors zu zahlen und Autoteile im Wert von einer Milliarde Dollar abzunehmen; 2004 die Gehaltsaffäre, die sechs SPD-Abgeordnete auf der VW-Gehaltsliste outete. Und schließlich die Korruptionsaffäre, der sogar Schröder-Intimus Peter Hartz zum Opfer fiel.

Der Beliebtheit der Autos scheint dies keinen Abbruch zu tun. Und die Wolfsburger verdanken dem Konzern nicht nur Lohn und Brot, sondern auch die anhaltende soziale, kulturelle und städtebauliche Blüte. So feiert man heuer eine Reihe weiterer Jubiläen: 65 Jahre Stadtbibliothek, 50 Jahre Rathaus, 50 Jahre CongressPark, 35 Jahre Theater, 25 Jahre Planetarium, 20 Jahre Standort Fachhochschule, 10 Jahre ICE-Anschluss.

Auch findet man hier ausgesprochene Highlights moderner Architektur wie das Kulturhaus mit Bibliothek, die Heilig-Geist-Kirche und die Stephanuskirche des Finnen Alvar Aalto. Der berühmte Erbauer der Berliner Philharmonie, Hans Scharoun, entwarf das städtische Theater. 2005 wurde das Science-Center "phæno" eröffnet, ein viel beachteter Bau von Zaha Hadid.

Ob es der Stadt gelingen wird, ihre Zukunft von der Zukunft des Autos abzukoppeln, werden die nächsten 70 Jahre zeigen.

kauffmannsladen@wienerzeitung.at