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70 Jahre "Rede über Österreich" von Anton Wildgans

Von Norbert Leser

Politik

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Anton Wildgans, der in der Zwischenkriegszeit der wohl anerkannteste österreichische Schriftsteller und Dichter war, schrieb im Herbst des Jahres 1929 als Auftragsarbeit, die an ihn ergangen war,

um Österreich im Ausland geistig zu repräsentieren, seine "Rede über Österreich", an die anläßlich dieses Jubiläums erinnert zu werden verdient. Er sollte am 12. November 1929, dem zehnten Jahrestag

der Ausrufung der Republik, in Stockholm einen Vortrag zu diesem Thema vor dem schwedischen König und der Elite des schwedischen Staates halten. Doch der damals schon längst schwer herzleidende

Meister brach auf der Reise nach Schweden in Deutschland zusammen, so daß er den Vortrag nicht halten konnte. Dessen ungeachtet veröffentlichten die führenden schwedischen Tageszeitungen den Wortlaut

der Rede. Diese Rede war aber nicht nur für das Ausland bestimmt, sondern vor allem für Österreich und die Österreicher selbst. Am 1. Jänner 1930 verlas sie Wildgans im Wiener Rundfunk, mit großem

Erfolg und Widerhall, sodaß eine ursprünglich gar nicht beabsichtigte Drucklegung erfolgte.

Die Rede ist auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nachgedruckt worden und liest sich auch heute als nicht bloße historische Remineszenz, sondern hat auch den Österreichern von heute einiges zu

sagen, obwohl wir nach all den leidvollen historischen Erfahrungen als Staat und Nation ein Selbstbewußtsein entwickelt haben, das damals noch weitgehend fehlte. Es ist eine Ehrenpflicht, sich jener

zu erinnern und von ihnen zu lernen, die schon damals, als dies keineswegs selbstverständlich war, zu Österreich standen und ihm eine selbständige Mission zusprachen. Ohne die deutschen Wurzeln

unserer Kultur zu verleugnen, hat Wildgans damals dazu aufgerufen, die spezifisch österreichische Wesensart zu pflegen, und zwar nicht im Sinne eines kleinkarierten Provinzialismus, sondern in

Anknüpfung an die großen, universalistischen Traditionen des alten Österreich. Ganz im Geiste des mit ihm befreundeten Hugo v. Hofmannsthal, der damals schon tot war, aber bis heute geistig lebendig

geblieben ist, plädierte er für einen starken österreichischen Beitrag zur "W e l t kultur" und zur "W e l t politik". Im Gegensatz zur vorherrschenden öffentlichen Meinung, die besonders an den

Universitäten vorhanden war und geprägt wurde, sah Wildgans nicht im Anschluß an Deutschland die Lösung aller Probleme und verurteilte auch die Rolle, die Österreich als "Schwerthelfer des

Germanentums" vor dem Ersten Weltkrieg und in ihm gespielt hatte.

Er wagte ein für damalige Begriffe riskantes Eintreten nicht nur für ein selbständiges und geistig ausstrahlendes Österreich, sondern er legte auch ein Bekenntnis zum "österreichischen Menschen" ab.

Und auch dies war nicht im Sinne eines engstirnigen Nationalismus gemeint, hielt es Wildgans doch auch in dieser Beziehung mit Grillparzer und seiner Warnung "vor der Humanität über die Nationalität

zur Bestialität".

Leider haben die Ereignisse dieses Jahrhunderts der von Grillparzer ausgesprochenen und von Wildgans zitierten Mahnung bis auf den heutigen Tag Recht gegeben. Zum Abschluß seiner Rede nahm Wildgans

die Österreicher auch gegen den klischeehaften Vorwurf, Phäaken und bloße Genießer zu sein, in Schutz. Er gab dieser schiefen Charakterisierung unter Rückgriff auf die "Odyssee" des Homer eine

positive Wendung und Sinngebung. Unter Hinweis auf die freundliche Aufnahme, die Odysseus auf dem lieblichen Eiland der Phäaken durch dessen Bevölkerung und die Königstochter Nausikaa fand, ließ er

den Bezug gelten, ja überhöhte ihn mit den Worten: "In d i e s e m Sinne, daß unser mit allen Gotteswundern der Schönheit begnadetes und von freundlichen Menschen bewohntes Land auch weiterhin ein

Eiland des Gesanges sei und daß von ihm die edle Heiterkeit und die starkmütige Ergriffenheit menschlicher Herzen ausgehe, in diesem Sinne wollen wir Österreicher Phäaken sein und bleiben!"

Anton Wildgans verdient aber nicht nur wegen dieser frühen Zeugenschaft für Österreich dankbares Interesse und Anerkennung, sondern auch wegen seines Wirkens als zweimaliger Burgtheaterdirektor, der

unter anderem das Akademietheater als zweites Haus erschloß, vor allem aber als Lyriker, Dramatiker und Epiker. Wildgans war in der Zwischenkriegszeit so etwas wie ein poeta laureatus, ein

staatstragender Dichter, einer der wenigen, der sowohl von rechts als auch von links anerkannt war, weil er die Liebe zur Tradition mit der Idee des sozialen Fortschritts zu verbinden verstand. Er

ist zu seiner Zeit wahrscheinlich überschätzt worden und erregte nicht zuletzt dadurch den Neid von Robert Musil und die Ablehnung durch Karl Kraus. Heute aber wird er, vor allem von jüngeren

Germanisten, sicher unterschätzt und mißachtet, obwohl er sich beim breiten Publikum, vor allem mit seiner Lyrik, großer Beliebtheit erfreut. Aber er ist im Laufe der Zeit im Gegensatz zu den ersten

Nachkriegsjahren, als man sich noch der Verdienste des 1932 allzufrüh Dahingegangenen erinnerte, aus den Lesebüchern der Schulen verdrängt worden, obwohl sich sein Werk als haltbarer erweisen wird

als das heute Hochgelobter. Auch das Epos "Kirbisch", die in Mönichkirchen spielende, aber eigentlich die ganze Welt meinende Geschichte vom Glück und der Schande des Gendarmen, die auch mit Paula

Wessely in der Rolle der reinen Magd Cordula verfilmt wurde, ist ein Meisterwerk. Der Vorwurf des "Verseschmiedes", der oft gegen Wildgans erhoben wird, hängt wohl auch damit zusammen, daß es heute

kaum jemanden mehr gibt, der imstande ist, sich der strengen Form, im Falle des "Kirbisch" des Hexameter, zu bedienen und dieses Unvermögen der Beherrschung, wie auch in anderen Kunstgattungen zur

Theorie erhebt, hinter der man sich leicht verstecken kann. Daß es noch genügend qualifizierte Zeitgenossen gibt, die nach wie vor Trost und Erbauung bei Wildgans finden, wurde demonstriert, als sich

der wahrlich kunstsinnige Otto Schenk zu seinem Abschied vom Theater in der Josefstadt eine Inszenierung des Dramas "Armut" wünschte und auch genehmigte. Jedenfalls ist die Beschäftigung mit Anton

Wildgans keine bloße Denkmalpflege, sondern Dienst am Heute, dem dieser große Österreicher nach wie vor einiges zu sagen hat.