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750 Hinrichtungen in den USA seit 1977

Von Daniel Jahn

Politik

Washington - "Lasst es uns tun" sollen die letzten Worte von Gary Gilmore gewesen sein. Wenige Sekunden später starb er, von mehreren Kugeln des Exekutionskommandos getroffen, in einer stillgelegten Konservenfabrik in Utah. Die Hinrichtung am 17. Jänner 1977 ging in die Geschichte ein. Gilmore war das erste Hinrichtungsopfer in den USA, seit die Todesstrafe nach zehnjährigem Moratorium wieder eingeführt worden war.


Die Hinrichtungen waren seit 1967 ausgesetzt, weil sich das Oberste Gericht mit zwei Klagen gegen die juristischen Prozeduren bei Todesurteilen befasste. 1972 entschied das Gericht, dass die Bundesstaaten ihre Gesetze zur Regelung der Todesstrafe reformieren müssten - dies war aber keine Entscheidung gegen die Todesstrafe an sich. Vier Jahre später billigte das Gericht die Reformen in mehreren Staaten und führte damit die Todesstrafe wieder ein. Die Hinrichtung Gilmores vor 25 Jahren erregte vor diesem juristischen Hintergrund breite Aufmerksamkeit. Obwohl Gilmore rasch sterben wollte, versuchten Bürgerrechtsorganisationen vergeblich, einen Aufschub der Exekution zu erreichen. Sie befürchteten, dass der rasche Vollzug des Urteils einen gefährlichen Präzedenzfall für die anderen Todeskandidaten schaffen würde. Nach seinem Tod wurde der Mörder mit den literarischen Neigungen selbst zur literarischen Figur. Norman Mailer schrieb ein Buch über ihn, der jüngere Bruder Mikal Gilmore ein zweites. Seine überlieferten Worte "Lasst es uns tun" aber waren wie das Startzeichen für eine lange Serie von Exekutionen quer durch das Land. Seit 1977 wurden in den USA rund 750 Menschen von der Justiz erschossen, erhängt, vergast oder per Elektroschock oder Giftspritze getötet.

Internationale Organisationen, ausländische Regierungen sowie Menschen- und Bürgerrechtler drängen seit Jahrzehnten auf eine Abschaffung der Todesstrafe in den USA und weisen auf die Mängel der Prozesse hin. Der "Rassenfaktor" spiele in vielen Verfahren eine wesentliche Rolle, sagen viele Kritiker. Die Staatsanwälte seien häufig "besonders aggressiv" in solchen Fällen, in denen das Opfer weiß und der Angeklagte schwarz sind, betont James Coleman, Rechtsprofessor an der Duke University in North Carolina. Nach Angaben des Informationszentrums über die Todesstrafe in Washington waren 35 Prozent der seit 1977 hingerichteten Menschen von schwarzer Hautfarbe. Dabei machen Schwarze nur etwa 13 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Hinzu kommt, dass die meisten Todeskandidaten arm sind und sich keine guten Anwälte leisten können. Ihre Verteidiger seien meist vom Gericht gestellt, inkompetent und mit schwachen finanziellen Mitteln ausgestattet, sagt Coleman. Dennoch wurden seit 1973 rund hundert Gefangene wieder aus den Todestrakten entlassen, weil ihre Unschuld als erwiesen galt. Auch war erstmals seit 1977 zuletzt die Zahl der Exekution in zwei aufeinander folgenden Jahren rückläufig: 1998 waren es noch 98, 2000 dann 85 und im vergangenen Jahr 66.

Coleman sieht darin ein Anzeichen dafür, dass die Kritik an unfairen Verfahren ihre Wirkung nicht verfehle. "Aus Sorge, eine unschuldige Person hinzurichten", würden die Prozesse inzwischen verlangsamt. Auch der Rechtsexperte Emilio Viano von der American University in Washington sieht einen langsamen Bewusstseinswandel. Die öffentliche Meinung in den USA zur Todesstrafe beginne sich auch unter dem Einfluss der Europäer zu wandeln. Dies wird durch eine Gallup-Umfrage vom Oktober bestätigt. Darin sprachen sich zwar 68 Prozent für die Todesstrafe aus - doch waren dies zwölf Prozent weniger als 1994.

Beide Experten sehen Chancen, dass die Todesstrafe früher oder später in den USA abgeschafft werden könnte. Nach Ansicht von Coleman könnte sich in den 38 Bundesstaaten mit der Todesstrafe die Einsicht durchsetzen, dass sich das Risiko der Hinrichtung unschuldiger Menschen selbst mit aufwändigen juristischen Vorkehrungen nicht ausschalten lässt - oder solche Vorkehrungen schlicht zu teuer werden, um an der Todesstrafe festzuhalten.