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A. Wegener: Revolutionär der Geowissenschaften

Von Sandra Trauner

Wissen

Die vierte Expedition sollte zu seiner letzten werden. Dreimal hatte Alfred Wegener das Abenteuer Grönland überlebt. Von der letzten Reise kehrte er nicht zurück. Der Geowissenschafter starb 1930 um seinen 50. Geburtstag herum im ewigen Eis. Der gebürtige Berliner hinterließ Theorien über die Verschiebung der Kontinente, die damals kaum einer ernst nahm. Im deutschen "Jahr der Geowissenschaften" 2002, zu dem die deutschen Forschungsorganisationen aufgerufen haben, ist längst klar: Wegener hatte Recht.


Als der Wissenschafter am 6. Jänner 1912 vor der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft in Frankfurt behauptete, die Kontinente würden wandern, auseinander driften und zusammenstoßen, lachten die Kollegen. Ein halbes Jahrhundert später wurde seine Theorie der Kontinentalverschiebung bewiesen. Heute gilt Wegener als Begründer der "Weltformel der Geowissenschaften". So kommt es, dass gut 90 Jahre später, am 13. Jänner 2002, im Senckenberg-Museum ein Loblied auf ihn gesungen werden wird - in genau dem selben Saal, in dem er damals ausgebuht wurde.

Wegener hatte nicht als erster bemerkt, dass die Küstenlinien der Kontinente zusammenpassen wie die Teile eines Puzzles, aber er war der erste, der die Sache zu Ende dachte. "Absolut revolutionär und sensationell" sei das damals gewesen, sagt Prof. Wolfgang Franke (Universität Gießen), Vizepräsident der Alfred-Wegener-Stiftung zur Förderung der Geowissenschaften. Bis 1910 hatte Wegener alles zusammengetragen, was seine These der Kontinentalverschiebung stützte: gleiche Gesteinsformationen, ähnliche Pflanzenvorkommen, gleiche Tierarten.

Vor mehreren hundert Millionen Jahren, so der Kern der Idee, bildeten die Kontinente eine einzige Landmasse - den Urkontinent, Pangäa -, die in einem einzigen riesigen Ozean schwamm. Dann brachen die Kontinente auseinander, bewegten sich auf einem fließfähigen Teil des Erdmantels. Seither driften die Landmassen auseinander und stoßen wieder zusammen, wobei sie Gebirge auftürmen. "Die Vorstellung, dass die Erde mobil ist, hat die Köpfe geöffnet für alle möglichen Dinge", sagt Franke. "Wegener hat eine Art Weltformel gefunden für fast alle Erscheinungen, die uns in der Geowissenschaft beschäftigen: Erdbeben, Vulkane, Gesteinsformationen, Tier- und Pflanzenvorkommen."

Einen Makel hatte die Theorie allerdings: Wegener wusste nicht, welche Kräfte die Kontinente auseinander driften lassen. Das klärten erst seine Nachfolger und bewiesen damit Wegeners Ansatz. Entlang großer Bruchspalten drängt unter den Ozeanen Materie aus dem Erdmantel und erstarrt buckelförmig an der Oberfläche. Auf dieser schiefen Ebene gleitet die Erdkruste ab und schiebt die Kontinentalplatten vor sich her. Unter dem Namen "Plattentektonik" gehört Wegeners Ansatz heute zum Allgemeinwissen.

Dabei stand die Kontinentalverschiebung nicht einmal im Mittelpunkt seiner Arbeit. Wegener war auch Meteorologe, Astronom, Geophysiker, Polarforscher und Ballonflug-Pionier. Er entwickelte Methoden, die Temperatur in höheren Luftschichten zu berechnen, erkundete, wie Windhosen oder Wolkenformationen entstehen. Er war der Auffassung, Krater entstünden durch Meteoriteneinschläge. Mit dem Fesselballon überflog er Grönland, um die Küstenlinie aufzuzeichnen. Mit Propellerschlitten überquerte er die größte Arktis-Insel, um die Stärke der Eisdecke zu messen.

1980 wurde das Bremerhavener Institut für Polar- und Meeresforschung nach Alfred Wegener benannt. Es hat wissenschaftliche Projekte in den Polregionen und forscht beispielsweise über Klimaveränderungen, Meeresverschmutzung und Erdölvorkommen.