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Abgang der Artischocke

Von Daniel Bischof

Politik

Maria Vassilakou hat wie kaum eine Politikerin Zorn und Bewunderung hervorgerufen.


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Wien. Es gibt diese Gemüsesorten, die liebt oder hasst man. Die Artischocke beispielsweise. So mancher Esser verzieht schon das Gesicht, wenn er sie nur auf seiner Pizza liegen sieht, während ein anderer die Eigenheiten des Gemüses über alles schätzt.

So wie die Artischocke die Geschmäcker spaltet, so sehr polarisiert auch Maria Vassilakou in der Wiener Stadtpolitik. Mit ihrer Ankündigung vom Sonntag, sie werde nicht mehr bei der anstehenden Wien-Wahl 2020 für die Grünen kandidieren, geht der Bundeshauptstadt ihre streitbarste Politikerin abhanden.

Denn Vassilakou, die spätestens bis Juni 2019 ihren Stadtratsposten an ihren Nachfolger übergeben will, rief wie kaum eine andere Politikerin Emotionen hervor. Für die einen ist sie die durchsetzungsstarke Galionsfigur der Grünen, die die Partei einte und vorwärtsbrachte. Andere wiederum sehen in ihr den grünen Gottseibeiuns, der seinen Lebenszweck nur darin sieht, den Autofahrern das Leben zu vermiesen.

"Irgendwann ist es entglitten"

"Dass eine Grünen-Politikerin in Wien polarisiert, ist gewollt. Es liegt in der Logik der Grünen und einer Kleinpartei", sagt Politologe Peter Filzmaier. Denn eine Partei, die von Grund auf bei rund zehn Prozent liege, müsse polarisieren, um ihre Wähler zu erreichen.

"Irgendwann ist es aber vom Ausmaß her entglitten", meint Filzmaier. Dazu habe auch die eigentümliche Dynamik der modernen Politik- und Mediengesellschaft beigetragen: "Da wird alles sehr stark auf die persönliche Ebene verlagert." Angeheizt wurde diese Polarisierung vom emotionalen Thema Verkehr, das Vassilakou als Planungsstadträtin besetzte. "Beim Autofahren ist es wie beim Fußball - jeder weiß es immer besser", meint der ehemalige Klubchef der Wiener SPÖ, Christian Oxonitsch.

Mit der Neugestaltung der Mariahilfer Straße zu einer Fußgänger- und Begegnungszone begeisterte sie die grüne Basis, verärgerte aber Autofahrer, Geschäftstreibende und die Oppositionsparteien. Auch die Ausweitung des Parkpickerls und der Bau neuer Radwege traf nicht überall auf Gegenliebe. Harsche persönliche Anfeindungen folgten.

"Sie war ein Hassobjekt"

"Sie war ein Hassobjekt in der Bevölkerung. Unpackbar, was sie da ausgehalten hat", sagt Bettina Emmerling, die als Verkehrssprecherin der Wiener Neos mit Vassilakou zu tun hatte. Das sei wohl auch ihrer unmissverständlichen Linie geschuldet, die Vassilakou gefahren sei. "Da haben es Frauen dann besonders schwer - sie gelten als zu bissig, wenn sie klare Meinungen vertreten, ansonsten hält man sie für zu schwach."

Sowohl von der Regierungsseite, aber auch von der Opposition wird Vassilakou im persönlichen Umgang als umgänglich beschrieben. "Sie hat sich für andere Meinungen interessiert", konstatiert Emmerling. "In persönlichen Gesprächen war sie sehr konstruktiv und hatte eine gewisse Handschlagqualität", meint der nicht geschäftsführende Stadtrat Markus Wölbitsch (ÖVP).

Und auch Toni Mahdalik, Klubobmann der Wiener FPÖ, erklärt: "Als Mensch war sie immer sehr freundlich und zuvorkommend. Da hat es nie ein böses Wort zwischen uns gegeben."

"Politisch war sie aber schon stur, was man etwa bei der Mariahilfer Straße gemerkt hat", fügt Mahdalik hinzu. Der freiheitliche Politiker führt das aber auf die "beinharte Autofahrerpolitik" zurück, die die Grünen zugunsten ihrer Klientel gefahren sei.

Der Sozialdemokrat Oxonitsch räumt ein, dass Vassilakou auch innerhalb der SPÖ polarisiert habe. "Die Zusammenarbeit war gut, wenn auch nicht immer einfach." Letztlich habe man aber mit ihr immer eine pragmatische Lösung finden können.

Nachdem Vassilakou mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit zunächst ihre grüne Basis an sich binden konnte, löste sich das Band in den vergangenen Jahren aber mehr und mehr. Unehrlichkeit wurde ihr vorgeworfen, nachdem sie vor der Wien-Wahl 2015 versprochen hatte, im Fall von Verlusten zurücktreten, dieses Versprechen aber nicht einlöste. Die Grünen verloren 0,8 Prozentpunkte, Vassilakou blieb trotzdem.

Eine Rücktrittsdebatte löste die Stadträtin dann 2017 durch ihre Haltung beim umstrittenen Hochhaus-Projekt am Heumarkt aus. Die grüne Basis stimmte bei einer Urabstimmung knapp gegen das Projekt. Vassilakou kümmerte sich um das Ergebnis nicht und stellte im Gemeinderat für den Turmbau die Weichen.

"Keine einfache Geschichte"

Damit sorgte ausgerechnet Vassilakou für parteiinternen Unmut, der nun offen im Lagerkampf zwischen ihren möglichen Nachfolgern David Ellensohn, dem Klubobmann der Wiener Grünen, und Vassilakous ehemaligen Büroleiter und Gemeinderat Peter Kraus zutage tritt. "Man darf nicht vergessen: Die Wiener Grünen waren in den 1990ern und frühen 2000ern unberechenbar. Die auf Linie zu kriegen, war keine einfache Geschichte. Ihre Sprecherfunktion und Nummer-eins-Position hat sie sehr lange gut hingekriegt", so Politikberater Thomas Hofer. Diese Verdienste seien aber in letzter Zeit zunehmend zerbröckelt.

Die Artischocke zieht nicht mehr, selbst Feinschmecker haben sich abgewandt. Die Grünen brauchen ein neues Rezept.

Maria Vassilakou wurde 1969 in Athen geboren. 1986 kam sie nach Wien, wo sie Sprachwissenschaften studierte. Über die Studentenpolitik dockte sie bei den Grünen an, für die sie 1996 in den Gemeinderat einzog. 2005 wird sie Spitzenkandidatin für die Wien-Wahl 2005. Nach der nächsten Wahl 2010 gehen die Grünen mit der SPÖ eine Koalition ein, seitdem ist Vassilakou Wiener Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin.

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