Zum Hauptinhalt springen

Abgesang auf den Superzyklus

Von Veronika Eschbacher

Wirtschaft

Vor allem langsamer wachsendes China bremst Nachfrage.|Ende des Rohstoffbooms kann die Weltwirtschaft umkrempeln.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Die fetten Jahre sind vorbei. Zumindest, wenn es nach der Mehrheit der Analysten in der Rohstoffbranche geht. Die globalen Rohstoffriesen vermelden sinkende Gewinne, fahren nach goldenen Jahren erstmals ihre Investitionen zurück und warten ab. Vor allem industriell genutzte Rohstoffe stehen seit Jahresanfang wegen Sorgen um die Weltkonjunktur stark unter Druck. "Der Superzyklus bei Rohstoffen ist vorbei", konstatierten kürzlich etwa Fachleute der UBS.

Die 1980er und 1990er Jahre waren gekennzeichnet von relativ niedrigen Rohstoffpreisen. Spätestens mit dem Jahr 2002 aber explodierten diese global. 2008 dämpfte die Finanzkrise die Entwicklung, aber nicht lange: 2011 verzeichneten Rohstoffe (Energie, Nahrungsmittel und Metalle) wieder historische Höchststände. Ein Superzyklus wie aus dem Lehrbuch: ein langfristiger Aufwärtstrend, der auch von den üblichen Schwankungen der Konjunktur nicht unterbrochen wird.

Hinter dem Preisanstieg standen vor allem zwei Entwicklungen. Einerseits der steile Aufstieg der Schwellenländer, allen voran des gigantischen Rohstofffresser China. Andererseits sind nach dem Platzen der Dotcom-Blase sowie der Immobilienblase frei gewordene Investmentgelder vermehrt in die Spekulation mit Rohstoffen geflossen, und so wurden die Preise hochgetrieben. Da ging es offenbar auch nicht ohne Marktmanipulationen zu: Erst diese Woche etwa deckte die "New York Times" auf, dass der Preis von Aluminium von der US-Bank Goldman Sachs - seit 2003 dürfen Banken mit physischen Rohstoffen handeln - durch ledigliches Verschieben von einem eigenen Lager zum anderen, anstelle einen Verkauf zu tätigen, hoch gehalten wurde. Beziffert wird der Schaden mit fünf Milliarden US-Dollar.

China stark importabhängig

Was China betrifft, hatte der gigantische Rohstoffhunger vor allem zwei Gründe: Einerseits liegt der Anteil an natürlichen Ressourcen im Pro-Kopf-Vergleich im Land der Mitte unter dem weltweiten Durchschnitt. Andererseits wuchs die chinesische Wirtschaft von unter einer Billion US-Dollar im Jahr 1997 auf mehr als acht Billionen im Jahr 2012 - und das durch ein Wachstumsmodell, das rohstoffintensiv war: Vor allem auf die Sektoren Bau und Schwerindustrie wurde gesetzt.

Nun aber scheint der Hype zu verpuffen. Bereits seit einigen Monaten fallen die Preise für Metalle, Energieträger, aber auch Weizen. Sie notieren derzeit auf den niedrigsten Ständen seit ihren jeweiligen Rekordhochs im Jahr 2011: Kupfer etwa verlor minus 35 Prozent im Vergleich zum Allzeithoch, Eisenerz rund vierzig Prozent. Referenzindizes - etwa der GSCI von Standard&Poor - verloren seit Jänner 2013 fast sechs Prozent. Im GSCI sind 24 Rohstoffe aus verschiedenen Branchen gelistet. Zum Vergleich: Aktien stiegen im selben Zeitraum um zwölf Prozent (MSCI World Index).

Experte: keine Schockgefahr

Auf eine durch die schwächelnde Weltwirtschaft sinkende Nachfrage nach Rohstoffen trifft nun ein global steigendes Angebot: Motiviert durch die steigenden Profite wurde über die letzten Jahren verstärkt in Landwirtschaftsflächen, Minen oder Öl- und Gasfelder investiert. Neue Fördertechniken bei Öl und Gas wie etwa die Schiefergas- oder Schieferölförderung trugen das Ihrige dazu bei - wobei die Ölnotierungen bei weiten nicht so stark betroffen waren wie andere Rohstoffe.

Die These vom Ende des Superzyklus wird aber vor allem von der Furcht einer abkühlenden Nachfrage aus China getragen. Mittlerweile trägt China 13 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung bei. Das Land der Mitte hat bereits angekündigt, sein Wachstumsmodell umstellen zu wollen - weg von der Exportorientierung, hin zum Binnenkonsum. Was Hoffnungen für konsumorientierte Branchen wie Auto- oder Nahrungsmittelindustrie schürt, dürfte die Rohstofflieferanten vorerst hart treffen.

Wie tief die von China verursachte Delle vor allem in der Nachfrageentwicklung metallischer Rohstoffe sein wird, bleibt offen. Magnus Ericsson von der Raw Materials Group sieht keinen Anlass für einen regelrechten Absturz der Preise, sondern eher einen moderaten Abwärtstrend. Denn: Das absolute Level von der Nachfrage nach Metallen etwa sei jetzt gut doppelt so hoch als zu dem Zeitpunkt, als der Superzyklus startete. Auch wenn das chinesische Wachstum auf sieben Prozent - die Hälfte des Rekords von 2007 - falle, sei immer noch die gleiche absolute Anzahl an Minen, die jährlich in Betrieb genommen werden müssten, nötig. Er sieht die Metallpreise auf einem ziemlich hohen Level verharren. "Nicht so hoch, wie sie waren, aber es gibt die Möglichkeit einer relativ schnellen Rückkehr zu einem neuerlichen Preisanstieg in sagen wir vier Jahren", so der Analyst zur "Wiener Zeitung".

Die nun sinkenden Rohstoffpreise haben Experten zufolge weitere Konsequenzen, darunter etwa den Wohlstandstransfer von großen Rohstoffexporteuren wie Russland oder den Golfstaaten hin zu den großen Importeuren Indien und China. Dort halten sie zudem die Inflation in Schach und wirken belebend auf die Konjunktur.