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Abrupter Stopp für Erfolgsstory

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Exporte: 25 Prozent Minus sind keine Seltenheit. | Autozulieferer stöhnen am meisten. | Nur wenige Firmen spüren die Krise kaum. | Die Vorarlberger Firma AluMet ist ein seltener Ausnahmefall: Das im Aluminiumgeschäft tätige Unternehmen, das Günter Steinacher und seiner Frau Angelika gehört, konnte seinen Umsatz im Vorjahr um 56 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro steigern - mit nur 80 Mitarbeitern, davon 12 in der Bludenzer Zentrale. Erst 1980 gegründet rangiert der Musterbetrieb, der sogar etwas mehr umsetzt als die Telekom Austria, bereits auf Platz 11 der größten heimischen Konzerne.


Mit einem Exportanteil von rund 90 Prozent zählt er obendrein zu jenen rot-weiß-roten Vorzeigeunternehmen, die vor allem im Ausland beachtliche Erfolge schaffen.

Österreichs Exportkaiser à la Steinacher haben seit Jahren einen eindrucksvollen Boom bei den Ausfuhren getragen, der heuer allerdings zu Ende gehen wird. Seit 1995 gab es alljährlich stets eine Steigerung bei den Waren- und Dienstleistungslieferungen ins Ausland. Im Vorjahr etwa sind diese um 2,3 Prozent auf 117 Milliarden Euro gestiegen, wovon nicht weniger als 72 Prozent auf den EU-Binnenmarkt entfielen. Die Exporte in Drittstaaten beliefen sich auf fast 33 Milliarden, wobei - im Gegensatz zum EU-Raum - ein Ausfuhrüberschuss in Höhe von 1,2 Milliarden geschafft wurde.

Die Russland-Exporte nahmen gleich um 15 Prozent zu, ebenso jene nach Indien, die China-Ausfuhren legten um 14 Prozent zu, und die neuen EU-Mitgliedsländer sorgten immerhin für ein Plus von 8,8 Prozent.

Minus in 150 Ländern

Doch plötzlich ist alles anders: Die Exportkrise ist, neben den Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt und den rasant steigenden Staatsschulden, zu einem der größten Probleme der Republik geworden. Gerade jene exportstarken Unternehmen, die bislang verlässliche Wachstumstreiber waren, hat die Flaute auf den Auslandsmärkten am heftigsten getroffen.

Aufgrund der internationalen Konjunkturbaisse sind die Auftragseingänge ruckartig zurückgegangen, sodass in vielen Fällen Kurzarbeit, Kündigungen und Umsatzeinbrüche die logische Folge sind. Auf einmal sind zahlreiche Erfolgsstorys abrupt zu Ende.

Während die ersten spürbaren Rückschläge 2008 noch nicht besonders tragisch genommen wurden - so gingen Österreichs Exporte in die USA bereits im Vorjahr um 10 Prozent zurück, jene nach Japan um 11 Prozent -, kam es im ersten Quartal 2009 faustdick: In fast 150 Ländern setzte es für Österreichs Exportfirmen gleich ein Minus von insgesamt 23 Prozent.

Im schmerzhaftesten Fall Deutschland, dem mit Abstand größten Handelspartner, betrug der Rückschlag 22 Prozent (siehe Grafik).

Naturgemäß verblassen im Moment auch alle positiven Aspekte am Status quo: Von Jänner bis März sind nämlich die heimischen Exporte nach Irland, Albanien, Mazedonien und Weißrussland, in den Irak, Libanon und nach Aserbaidschan beziehungsweise in weitgehend unbedeutende Märkten wie Bangladesh, Laos, Pakistan oder Grönland trotz allem gewachsen.

Das mag zwar für wenige Exporteure durchaus erfreulich sein, ist aber angesichts der winzigen Volumina lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Autocluster gebremst

Während nur die wenigsten Branchen verschont bleiben, spüren Österreichs Autozulieferer die Exportkrise wohl am intensivsten: Speziell die Cluster AC Styria, AC Oberösterreich und Automotive Cluster Vienna Region werden von dramatischen Auftragsrückgängen getroffen und erleben schwierige Zeiten.

So gut wie alle - von A wie AVL List in Graz, dem weltweit größten privaten Unternehmen für die Entwicklung von Antriebssystemen sowie Simulation und Prüftechnik für Pkw-, Lkw- und Schiffsmotoren, bis Z wie Zizala Lichtsysteme in Wieselburg in Niederösterreich, auf Scheinwerferbau spezialisiert - haben hautnah an der internationalen Automobilkrise zu leiden.

Die Wirtschaftsforscher sind derzeit ebenso ratlos wie die Politiker, wie stark die Ausfuhren im Gesamtjahr zurückgehen werden. Derzeit ist es kaum mehr als ein relativ schwacher Trost, dass sie laut IHS-Prognose vom März bloß um acht Prozent rückläufig sein werden.

Die konkreten Maßnahmen der Regierung dagegen wirken jedenfalls relativ bescheiden: Sie stellt für die 2003 gemeinsam mit der Wirtschaftskammer initiierte Internationalisierungsoffensive "go international" für heuer und 2010 jeweils 25 Millionen Euro zur Verfügung. In diesem Zeitraum sollen 2000 weitere Betriebe Gefallen am Exportgeschäft finden und neue Märkte erschließen.

Die Kammern wiederum bemühen sich, bestimmte Branchen auf neue, vielversprechende Länder heiß zu machen.

36.000 Exporteure

Die derzeit 36.000 Exporteure, die Österreich einen Außenhandelsanteil von immerhin 60 Prozent sichern, kämpfen jedenfalls mit aller Kraft gegen die Flaute auf den ausländischen Märkten. Allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg: Während manchen für das laufende Jahr in jeder Hinsicht ein Minus droht - so leiden fast alle Unternehmen mit überdurchschnittlich hoher Exportquote -, läuft es bei anderen nach wie vor durchaus erfreulich. Bestes Beispiel ist der eingangs erwähnte Paradebetrieb AluMet, der das größte Vorarlberger Unternehmen ist.

Firmenchef Steinacher, der 1999 in Nachrodt bei Dortmund ein Schmelzwerk und im Vorjahr in Schlins eine Alu-Gießerei eröffnete, produziert nunmehr bereits 150.000 Tonnen Pressbolzen und Walzbarren in verschiedenen Legierungen und Abmessungen.

Alles in allem bewegt sein Unternehmen jährlich 680.000 Tonnen Aluminium. Im Moment sei zwar der deutsche Markt "stark in Mitleidenschaft gezogen", aber auf Grund langfristiger Verträge und der hohen Aluminiumpreise spürt das Unternehmen von einer brutalen Krise so gut wie nichts. Die Rekordzahlen des Vorjahres dürften auch heuer erreicht werden.

<SEITENWECHSEL

Die Export-Kaiser

Die Voestalpine AG, die nur noch sechstgrößter rot-weiß-roter Konzern ist, erzielt 88 Prozent ihres Gesamtumsatzes von 10,5 Milliarden Euro im Ausland. Die Tiroler Swarovski-Gruppe setzt 98 Prozent ihrer Kristallprodukte außerhalb Österreichs ab, und der Glückspiel-Konzern Novomatic aus Gumpoldskirchen spielt ebenso 97 Prozent seines Umsatzes auf ausländischen Märkten ein wie die Feuerfest-Gruppe RHI.

Manche österreichische Top-Unternehmen sind sogar gänzlich vom Export abhängig: So liegt der Exportanteil des BMW Motoren-Werks in Steyr, der MAN Nutzfahrzeuge Österreich AG oder der Villacher Infineon Technologies Austria AG bei 100 Prozent. So gut wie alle ihre Produkte exportieren auch etliche Unternehmen, die weitaus weniger umsetzen, darunter der Maschinen- und Anlagenbauer Voith Paper in St. Pölten, die US-Tochter GE Medical Systems Kretztechnik aus Zipf in Oberösterreich oder der steirische Lederspezialist Boxmark Leather.

Jeder zehnte Firmenchef der 1000 größten heimischen Unternehmen ist von einer Exportquote von mehr als 90 Prozent abhängig. Wer so stark auf ausländische Märkte fixiert ist, spürt derzeit schmerzlich, wo es überall kracht.

Dabei trifft es so gut wie alle Branchen: Das Liebherr-Werk in Nenzing (Exportanteil: 99 Prozent) kommt dabei ebenso wenig ungeschoren davon wie der Vorarlberger Beschlägehersteller Blum (97 Prozent) oder der in südafrikanischem Besitz befindliche Papierriese Mondi AG (96 Prozent).

Manche hat es besonders hart erwischt: Eybl International etwa schrammte bereits im Vorjahr haarscharf an einem Desaster vorbei. Der Kremser Betrieb, der Textilien für die Auto-Innenausstattung, diverse Sitzbezüge und spezielle Interieurteile herstellt, musste Ausgleich anmelden, sich vom Land Niederösterreich unter die Arme greifen und von der deutschen Prevent-Gruppe auffangen lassen.

Der 1986 gegründete und nun schwer angeschlagene oberösterreichische Autozulieferer Polytec wiederum, der Kunststoffteile (Komponenten, Module und Systeme für den Innen- und Motorraum) produziert, wäre um ein Haar das zweite rot-weiß-rote Krisenopfer geworden: Sein Gründer Friedrich Huemer hat im August des Vorjahrs, als er die doppelt so große deutsche Peguform übernahm, auch sich selbst übernommen.

Polytec konnte jedoch im letzten Moment ebenso gerettet werden wie der oberösterreichisch-steirische Autozulieferer HTI High Tech Industries AG, der aufgrund des dramatischen Markteinbruchs in der Autoindustrie ebenfalls ins Schleudern geraten war.