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Abschied von der Tristesse

Von Martyna Czarnowska

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Warschau ist schon lange keine Stadt der Trostlosigkeit mehr. | Ihre rasante Entwicklung zeigt nicht zuletzt, welches Potenzial ein EU-Beitritt hat.


"Warschau war eine furchtbare Stadt." Das Wort "furchtbar" betont Georg noch mehr als die Vergangenheitsform, um die es im Grunde geht. Mit dieser Meinung steht der österreichische Journalist nicht alleine da. Westeuropäische Besucher konnten sich kaum für die polnische Hauptstadt erwärmen. Wer vor 30, 40 Jahren dorthin reiste, empfand in erster Linie Tristesse. Leere Regale in den Geschäften, graue Straßen, eilig hochgezogene Betonbauten. Der Kulturpalast, der mächtige Hochturm mit seinen 42 Stockwerken, erinnerte an die bleierne Zeit des späten Stalinismus, in die der Baubeginn fiel. Die wenigen alten Bürgerhäuser verrieten die Tendenz zum langsamen Verfall.

Selbst die mit Sorgfalt, teils nach Stichen von Canaletto aus dem 18. Jahrhundert rekonstruierte Altstadt hinterließ eine leise Wehmut. Denn das Original war ein paar Jahrzehnte zuvor ausradiert worden, weniger durch deutsche Bombenangriffe zerstört als von den Nazis systematisch Haus für Haus gesprengt, niedergebrannt worden.

Doch das Gefühl der Trostlosigkeit stellt sich nicht mehr ein. Mittlerweile lassen die Westeuropäer, die nach ein paar Jahren Abwesenheit Warschau wieder einen Besuch abstatten, ihrer Begeisterung freien Lauf: Wie dynamisch die Stadt sich präsentiert, wie modern, wie offen und wie reich!

Tatsächlich hat die Stadt in den mehr als 20 Jahren seit dem Sturz des sozialistischen Regimes einen rasanten Wandel erlebt. Früher im Vergleich zu Metropolen wie London, Madrid oder Berlin eher von provinziellem Charakter hat sie an wirtschaftlicher sowie kultureller Kraft aber auch an Lebensqualität gewonnen. Ihre Einwohnerzahl wuchs um rund ein Drittel auf etwa 1,7 Millionen Menschen an.

Österreichische Banken und Baukonzerne gehörten zu den Ersten, die das Potenzial Warschaus erkannten. Rund um den Kulturpalast entstanden weitere Riesenbauten: Gläserne Bürogebäude und 30-stöckige Hotelhäuser fügten sich zu einer neuen Skyline.

Riesige Werbeplakate brachten Farbe zwischen die grauen Fassaden, internationale Modeketten eröffneten ihre Filialen, Geld von der EU floss in die Infrastruktur, in den Straßenbau oder die Modernisierung des Wasserversorgungssystems. Die verbliebenen alten Häuser werden renoviert, der Weg zur Altstadt wurde saniert und teils zu einer Fußgängerzone umfunktioniert. Die Schanigärten vor den zahllosen Lokalen rundherum sind gut besucht.

Sogar Praga, das Viertel gegenüber der Altstadt, auf der anderen Seite der Weichsel, wartet nicht mehr - wie noch in den späten 1990er Jahren - mit Legenden über Revierkämpfe zwischen Mafiosi und Verkauf von billigem Spiritus in Hinterhöfen auf, sondern mit Galerien und Kunstprojekten sowie familienfreundlich gestalteten neuen Siedlungen. Auf den ersten Blick ist in Warschau die Armut kaum mehr zu sehen, die es bei einer Arbeitslosenrate von derzeit rund zwölf Prozent in Polen gibt, oder bei Pensionen, die manchmal 500 Euro nicht überschreiten.

Polens Politiker betonen gern, dass die Wirtschaft ihres Landes in den letzten zwei Jahrzehnten immer gewachsen ist, sogar in der Zeit der Finanzkrise. Doch zeigt die Entwicklung Warschaus auch, welchen Schub die Aufnahme in eine Gemeinschaft wie die Europäische Union - verbunden mit finanzieller Hilfe - einem Land geben kann. Auch wenn es sich noch immer schwer mit dem Bau von Autobahnen tut. Oder der Fertigstellung des Nationalstadions vor der Fußball-EM 2012. Aber auch das, versichern die Verantwortlichen, werde Warschau schaffen.