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Abseits elitärer Masturbation

Von Momcilo Nikolic

Politik

Asli Kislals Theaterverein "daskunst" gibt Neo- wie Alt-Österreichern sozialkritischen Tobak.


Wien. Ein bisschen hat Asli Kislal etwas von einem Rattenfänger. Ihr Köder: zeitgenössisches Theater. Die gebürtige Türkin ist Regisseurin, Dramaturgin und Drehbuchautorin. Seit knapp zehn Jahren lockt sie mit ihrem Kultur-und Theaterverein "daskunst".

"Ich wollte das Theater für Migranten zugänglich machen. Die Besucher sollten sich nicht davor fürchten, nichts zu verstehen, weil auf der Bühne hochgestochenes Deutsch gesprochen wird. Diese Schicht ist nicht bildungsfern. Viele gehen zum ersten Mal ins Theater und kommen wieder. Man muss sich bei diesem Thema nur fragen, wie mache ich das richtige Angebot", erklärt sie ihren Ansatz.

Anfangs ignorierte man Kislals "Migrantentheater", wie es abschätzig in den Medien genannt wurde. "Die Menschen konnten nichts mit uns anfangen und nannten es Asli und ihre Türken. Dabei waren in der 30-köpfigen Theatergruppe außer mir nur zwei türkischstämmige Schauspieler", erzählt Kislal, "die Stadt hat diesen Stempel gebraucht."

Heute hat sich "daskunst" einen Namen gemacht. Stücke wie "Pimp my Integration" oder "Wie Branka sich nach oben putzte" haben es ins Feuilleton geschafft.

Es war ein langer Weg für Kislal, die in den Neunziger Jahren für das Schauspielstudium nach Wien gekommen war. Mit offenen Armen hat das Wiener Konservatorium die junge Frau aus Ankara nicht unbedingt empfangen. Im Gegenteil. Die Lehrer fürchteten um den guten Ruf der Schule und drängten sie, das Studium schnell abzuschließen, um sie rasch wieder loszuwerden. "Sie sagten, ich hätte keine europäischen Bewegungen", erzählt Kislal. Sie schloss das Studium in Rekordzeit ab und ging nach Deutschland.

Die türkische Katja

Dort war sie nicht länger die Türkin mit den uneuropäischen Bewegungen, sondern vor allem eines: eine Schauspielerin. Prägend war für sie eine Rolle in einem Drei-Personen-Stück, in dem sie eine deutsche Tochter namens Katja spielen durfte: "Meine Mutter war blond. Dort kam niemand auf die Idee zu fragen, wie es sein kann, dass eine Türkin diese Rolle spielt. Theater ist ja eine Behauptung. Wenn ich nicht innerhalb von einer Minute die Zuseher überzeugen kann, Katja zu sein, dann bin ich eine schlechte Schauspielerin. So einfach ist das", meint Kislal.

Die positiven Erfahrungen in Deutschland gaben ihr Kraft, es doch noch einmal in Österreich zu versuchen. Im Theater an der Wien ergatterte sie, ohne viel Aufhebens bezüglich ihrer Herkunft, eine Rolle im Stück "Odysseus". Dennoch empfand sie die Möglichkeiten für Künstler mit ausländischen Wurzeln, in Österreich Fuß zu fassen, als sehr eingeschränkt. "Es beginnt bereits bei den Schauspielschulen. Oft wird das Argument Sprachdefizit als Vorwand geführt, aber wir reden hier von Menschen in zweiter oder dritter Generation, die die Sprache perfekt beherrschen. Die Verantwortlichen als auch die Zuschauer haben nun mal Sehgewohnheiten, die schwer zu durchbrechen sind", kritisiert sie.

Mit ihrem Verein "daskunst" versucht sie genau das. Was ist die Norm und wer bestimmt diese, sind Kislals Leitfragen in ihrem Schaffen: "Warum haben wir noch immer Angst, Menschen anderer Herkunft auf der Bühne zu sehen? Migranten sind immer die Putzkraft oder Bühnenarbeiter, aber keine Schauspieler. Man muss sich mit den Gründen befassen. Solange die Zuschauer überrascht sind, dass ich als Türkin Theater spiele, haben wir die Integration nicht geschafft."

Kislal kann mit dem Wort Integration wenig anfangen. Für sie bleibt die Frage offen, wer sich wem und wo anpassen soll. "Dieses Wort Integration deutet an, dass es eine Norm gibt. Und dies bedeutet, dass es Menschen gibt, die ein Defizit haben. Man verlangt dann, dass jene sich auf den Weg machen müssen, um dort anzukommen, wo die Norm zu sein scheint. Anstatt auf deren Fähigkeiten, wie andere Sprachen, zurückzugreifen und einzugehen. Wir sollten uns der postmigrantischen Realität stellen. Besonders im Theaterwesen muss verstanden werden, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, den Anteil der hier lebenden Migranten einzubinden", meint Kislal.

Migranten würden durch die vorherrschende Idee weniger zu können in eine Opferrolle fallen. Laut Kislal gibt es natürlich Probleme, die es zu überwinden gilt, aber Migranten müssten die Chancen auf eine gute Ausbildung offenstehen. "Schauspielschulen und Konservatorien sollten verstehen, dass es einen Markt für Migranten gibt. Serien wie ,Copstories‘ beweisen das, auch wenn die Rollen noch ziemlich klischeehaft angelegt sind. Produzenten suchen ja heutzutage an Kebab-Ständen nach geeigneten Darstellern. Sie sollten in den Schauspielschulen suchen können", meint die Dramaturgin.

Keine Förderung

"daskunst" wird seit 2009 bis Ende 2013 mit 55.000 Euro von der Kulturabteilung der Stadt Wien im Rahmen der Theaterförderung unterstützt. Die Entscheidung einer vom Stadtrat ernannten Expertenjury hat diese Förderung aber nun eingestellt, da es sich in ihren Augen nicht länger um Theater, sondern um ein soziokulturelles Projekt handelt.

"Wir waren über diese Entscheidung sehr überrascht, weil wir ein Vorzeigeprojekt im postmigrantischen Bereich sind", sagt Kislal. Sie verwehrt sich nicht gegen die Behauptung, "daskunst" mache sozialkritisches Theater, meint aber: "Theater muss sozialkritisch sein, sonst ist es Masturbation. Das kann man auch daheim machen."