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Abwertungen nur schaumgebremst

Von Stefan Melichar

Wirtschaft

Laut PwC-Studie 2009 nur 2 Prozent des Geschäftswerts abgeschrieben. | Banken und Telekom-Industrie stärker betroffen. | Wien. Europas große börsenotierte Unternehmen haben trotz Finanz- und Wirtschaftskrise - zumindest offiziell - den Glauben an die Werthaltigkeit ihrer Tochterunternehmen nicht nachhaltig verloren. In einer Studie im Auftrag des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers (PwC) nehmen Martin Glaum und Sven Wyrwa von der Justus-Liebig-Universität Gießen Börse-Schwergewichte in zwölf europäischen Ländern unter die Lupe.


Konkret untersucht die Studie 2009 getätigte sogenannte Goodwill-Abschreibungen von insgesamt 322 Unternehmen. Goodwill ist jener Teil des Kaufpreises einer Akquisition, der über den Wert der materiellen und immateriellen Vermögenswerte (zum Beispiel Markenrechte) - abzüglich Schulden - hinausgeht. Der Goodwill spiegelt nicht zuletzt auch den erwarteten künftigen Geschäftswert und erhoffte Synergieeffekte innerhalb eines Konzerns wider.

Zwar haben im Krisenjahr 2009 deutlich mehr Unternehmen in diesem Bereich Abwertungen vornehmen müssen als in den Vergleichsjahren 2007 und 2005. Wie die Studie zeigt, wurden im Durchschnitt dennoch nur 2 Prozent des Goodwills abgeschrieben

"Es ist überraschend, dass die Firmenwert-Abschreibungen auf so niedrigem Niveau geblieben sind", meint Felix Wirth, Partner und Leiter der Bewertungsabteilung bei PwC-Österreich, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Einerseits sei dies ein Resultat der Bilanzierungstechnik - hier würde nämlich nicht die Entwicklung einzelner Töchter per se geprüft, sondern das Gesamtgeschäft der jeweiligen Konzernsparten.

Branchenunterschiede

Andererseits hätten viele Unternehmen jedoch auch ihre Businesspläne unter der Prämisse erstellt, dass sich die Lage nach zwei bis drei Jahren wieder verbessern dürfte. Da für Unternehmenswerte die langfristige Einschätzung entscheidend sei, wären die Auswirkungen der Krise auf die Bilanzen hier weniger dramatisch gewesen als etwa bei Immobilien oder bei Wertpapieren.

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in einigen Branchen die Abschreibungen sehr wohl hoch gewesen sind. So liegen Banken und sonstige Finanzdienstleister deutlich über dem Durchschnitt. Doch auch in der Telekommunikationsindustrie mussten Firmenwerte kräftig gesenkt werden. In Österreich mussten 2009 übrigens 6 der 16 untersuchten Firmen aus dem Wiener Leitindex ATX Goodwill-Abschreibungen von im Durchschnitt 82 Millionen Euro vornehmen. Waren hierzulande also 37,5 Prozent der geprüften Unternehmen betroffen, so waren es europaweit 40,1 Prozent.

Freilich sind die in den Bilanzen niedergeschriebenen Zahlen mitunter mit Vorsicht zu genießen. Laut Studie ist es möglich, dass - angesichts der massiven Wirtschaftskrise - Firmenchefs in einigen Fällen Spielräume bei der Bewertung ausgenutzt haben, um Abwertungsverluste zu verhindern.

Spielräume für Manager

Offen ist, ob dies nicht auch zum eigenen Wohl der Manager erfolgt ist: Schließlich reflektiert der Goodwill jenen Teil des Kaufpreises, den sie - über die tatsächlichen Vermögenswerte hinaus - zuvor für Anschaffungen bezahlt haben. Müssen hier rasch Abwertungen durchgeführt werden, wirft das kein gutes Licht auf die Akquisitionspolitik einer Unternehmensführung. Wie das vielzitierte Beispiel BayernLB/Hypo Alpe Adria zeigt, kann es sogar strafrechtliche Ermittlungen nach sich ziehen, wenn möglicherweise zu viel für ein Tochterunternehmen bezahlt worden ist.

Laut Wirth werden wegen derartiger Fälle mittlerweile vor Unternehmenskäufen häufiger Bewertungsgutachten oder sogenannte Fairness-Opinions eingeholt. "Eine zweite Meinung ist häufig gut", so der Experte: "Speziell, wenn es um wirklich viel geht oder wenn mögliche Interessenskonflikte vorliegen."

Nicht erlaubt ist es übrigens, unnötigerweise Abwertungen vorzunehmen, um wenig später Aufwertungsgewinne zu erzielen. Nichtsdestoweniger würden manche neuen Manager, die ein Unternehmen aus der Krise führen, gerne zu Beginn reinen Tisch in der Bilanz machen, so Wirth. Als Wirtschaftsprüfer müsse er jedoch darauf achten, dass zulässige Grenzen nicht überschritten werden - und zwar nach unten und nach oben.