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Achtung, Systempresse!

Von Clemens Neuhold

Politik
© WZ-Montage, Fotolia/natbasil/daboost

Die "vierte Macht im Staat" erhält Konkurrenz: von Ich-Redaktionen, die sich von Mainstream-Medien emanzipieren. Ein Essay.


Nennen Sie die größte Herausforderung der Medien im 21. Jahrhundert. Im Fall von Zeitungen eine scheinbar klare Sache. Wie ist im Internetzeitalter noch genügend Geld zu verdienen, um Redakteure zu bezahlen und die Ware Journalismus herzustellen? Im Fall von TV-Sendern: Wie ist mit starren Fernsehprogrammen im Zeitalter von Netflix die Sackgasse des Auslaufmodells zu vermeiden? Die Angst um die Zukunft der Medien ist so groß, dass sie Dauerthema in den Medien selbst ist. Kein Feuilleton ohne die von Todestrieb geprägte Nabelschau.

Diese Antwort, was denn die größten Herausforderungen der Medien ist, wird in erster Linie von Journalisten gegeben. Aus dem Blickwinkel des Bürgers und somit der potenziellen Medien-Kunden könnte es sich aber um eine Themenverfehlung handeln.

Die vierte Macht bin ich

Die größte Herausforderung ist möglicherweise schon längst eine ganz andere - egal ob Print, Online, TV oder Radio: Wie können die Medien ihre Rolle als vierte Macht im Staat behalten? Die Rolle als neutrale und unabhängige Macht, die ein prüfendes Auge auf die Mächtigen wirft; die Orientierung und Aufklärung in einer immer komplexeren Welt bietet; die den Bürgern Informationen zur Verfügung stellt, damit diese sich ihre eigene Wahrheit zimmern können.

Diese Antwort kommt Journalisten nicht sofort in den Sinn, weil sie an ihr klassisches Rollenbild glauben, ja glauben müssen, um überhaupt ihren Job machen zu können. Blöd nur, dass offenbar die Zahl der Bürger wächst, die den Medien diese Rolle nicht mehr zugestehen wollen; die die vermeintlich vierte Macht mit der ersten, zweiten, dritten gleich in einen Topf werfen - oder mit dem populären Überbegriff dafür: "System". Der hier formulierte Vorwurf an den Medien kumuliert im Begriff: "Systempresse".

Plötzlich "Die" statt "Wir"

Angesichts der Beliebtheitsrankings mag das nicht verwundern. Der Journalist bewohnt seit Jahrzehnten die Umfragekeller - gemeinsam mit jenen Politikern, die er kontrollieren soll. Die fast natürliche Abneigung gegen "die Journaille" dürfte sich zunächst aber mehr am goscherten, nörgelnden, pitzeligen, überheblichen, dauerkritischen Wesen des Journalisten entzündet haben. Das alles sind gute Gründe für persönliche Antipathie, aber noch kein Grund, die Produkte dieser Querulanten abzulehnen.

Der Imageverlust für die "Systempresse" geht tiefer und erschüttert den Journalismus in seinem Kern. Denn sobald die Medien in der beliebten Aufteilung zwischen "Wir Bürger" und "Die Politiker" nicht mehr als "Wir" (oder zumindest als neutrale Beobachter wahrgenommen werden), sondern auf die Seite des "Die" wechseln, haben sie ihre Legitimität eingebüßt.

Journalist als Zielscheibe

Es gibt keine Belege, aber sehr wohl Indizien, dass "die Medien" auf der Skala zwischen "Wir" und "Die" ein Stück weit in die falsche Richtung rücken. Etwa die wachsende Nachfrage nach Beweisen für den Vorwurf der "Systempresse" oder das Buch eines ehemaligen Redakteurs der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit dem Titel "Gekaufte Journalisten"; ein weiteres sind persönliche Erlebnisse von Journalisten. So schildert eine Bekannte einer Qualitätszeitung fassungslos, dass sie auf einer Feier mit Freunden aus akademischen Kreisen beim Politisieren plötzlich ins "Die"-Lager" geschoben und selbst zur Zielscheibe wurde - nach dem Motto: Ihr seid ja alle gekauft und schreibt, was euch angeschafft wird. Oder die Sauna-Debatte im Sportklub nach dem Motto: Die Terrororganisation IS ist ein Produkt der USA, der Israelis und - erraten - "der Medien". Oder das Stammtischgespräch, bei dem der beste Trinkkumpan nicht mal mit der Wimper zuckt, wenn er den Berufsstand des befreundeten Journalisten und damit seine tägliche Arbeit wie einen Zigarettenstummel ausdrückt.

Der Vorwurf der "Systempresse" wird von links, von rechts aber - so scheint es dem Systemschreiber dieser Zeilen - auch zunehmend in der politischen "Mitte" geäußert. Was die Kritik von rechts betrifft, gibt es Fakten: Die Zahl der Österreicher, die FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache persönlich auf Facebook folgen (226.000) oder den rechten Internetblog unzensuriert.at lesen. FPÖ-Fans bewegen sich längst in einer medialen Parallelwelt.

Emanzipation von Medien

Solche mediale Parallelwelten kann sich heute jeder Mensch bauen, dank Facebook, Twitter & Co. Dort ist jeder Bürger seine eigene kleine Redaktion, weil er selbst steuert, welche Nachrichten, Theorien, Zahlen, Daten, Fakten ihn erreichen. Indem er seine Freunde definiert, definiert er seinen Ausschnitt der Wahrheit. Das macht ihn unabhängig von "den Medien" und stärkt sein Selbstbewusstsein gegenüber den Welterklärern, genannt Journalisten. "Mein Medium bin ich." Facebook ist längst der größte News-Kiosk der Welt. Erreichen einen Leser oder Seher auch die restlichen News in der "Zeit im Bild", im Print-"Kurier" oder der "Wiener Zeitung", sind die Artikel oder Videos im Facebook-Kiosk bereits nach Gusto und Weltbild vorselektiert. Und sie treten dazu noch in Konkurrenz mit Blogs von Wissenschaftern bis hin zu Verschwörungstheoretikern. Je feiner die Selektion, desto größer das Selbstbewusstsein der Ich-Redakteure: Die Leser begegnen dem Journalisten, die ihm früher die Welt ordneten und erklärten, nun auf Augenhöhe.

Mediale Parallelwelt

Das führt zum Bedeutungsverlust klassischer Medien. Sie tragen aber auch selbst dazu bei, weil sie dazu neigen, sich in ihrer eigenen medialen Parallelwelt und Meinungsblase einzuigeln.

Wäre es anders zu erklären, dass in Dresden wie aus dem Nichts 15.000 Menschen für die Rettung des Abendlandes vor dem Islam (Pegida) marschieren - und der mediale Mainstream analysiert das Treiben, als handle es sich um Aliens? In Deutschland war der Abstand zwischen modernen Medien und diesem Wut-Bürgersegment wohl nie größer. "Systempresse"? Systemfresse! "Wir sind das Volk." Nur eine Frage der Zeit, bis "die" auch in Österreich marschieren. Auf die FPÖ wird Verlass sein.

Raus zur Masse

Anstatt als Reaktion den journalistischen Blick auszuweiten, die Schichten unter dem Protest auszuleuchten und noch stärker als früher zutage zu fördern, wird noch stärker moralisiert, abgekanzelt. Gerade jetzt bräuchte es aber den Austausch der Medien mit den Bürgern, den Mut zur Wut. Stattdessen steigt - ebenfalls getrieben durch Social Media - die Verlockung, sich etwa auf Twitter noch stärker einzuigeln und gegenseitig zu bestätigen. Das moralische Rudelverhalten von Journalisten ist dort gut zu studieren.

Journalisten, die sich öffentlich über Pegida empören und empfehlen, Pegida-Anhänger auf Facebook demonstrativ zu "entfreunden", wirken eher wie Politiker. Und nicht wie Journalisten.

Nicht nur Pegida-Anhänger und FPÖler haben Angst vor dem Islam und hegen zugleich Sympathien für den russischen Kriegspräsidenten Wladimir Putin. Wie eine Parallelwelt dazu kommt der mediale Mainstream daher: Dieser beschreibt die Angst vor dem Islam als völlig übertrieben und wertet Putin als die wahre Gefahr für Europa. Mit "Systempresse" hat das noch lange nichts zu tun, wenn als Kommentar gekennzeichnet, gut argumentiert und mit Zahlen, Daten, Fakten belegt.

Nur muss es aber genauso System haben, in Berichten das ganze Bild zu zeigen, um den Vorwurf der "Systempresse" zu widerlegen. Systemversagen liegt dann vor, wenn, die Themenmacher vom Thema getrieben sind.

Big Picture

Am Beispiel Putins: Die Geschichte über den Nato-gesteuerten Putsch in der Ukraine hält sich hartnäckig. "Verschwörungstheorie" im Kommentar ist o.k. aber zu wenig. Eine minutiöse Recherche über die Hintergründe des Machtwechsels ohne moralische Scheuklappe ist journalistische Pflicht.

Am Beispiel Islam: Da brauchte es die Terrororganisation IS, um zweifelhafte Islamschulen in den Fokus zu rücken. Wenn diese Vereine die Integration behindern oder gar Menschen radikalisieren, tun sie es aber bereits seit ihrer Existenz. Wo waren die Stories, die erst jetzt die Mainstream-Medien füllen? Die eine oder andere Saudi-Schule wäre längst gesperrt worden, wären Musik-Verbote oder Judenhetze früher ruchbar geworden. Man hätte eben hinschauen müssen. Die FPÖ hätte heute zwei Argumente weniger für ihre Islamophobie. Aber das ist schon wieder viel zu politisch und systemisch gedacht.