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Aderlass im Südlibanon muss enden

Von Sara Lemel

Politik

Jerusalem · Mehr als 1.500 Soldaten in 18 Jahren gefallen: Das ist das israelische Fazit der Invasion beim nördlichen Nachbarn 1982 und des bis heute anhaltenden Kleinkriegs. Dieser ständige | Aderlass soll nun enden. Die israelische Regierung hat am Sonntag einstimmig beschlossen, die eigenen Truppen bis Juli aus der "Sicherheitszone" im Südlibanon abzuziehen. Politische Kommentatoren | werteten dies am Montag als "historische Entscheidung".


Die zentrale Frage bleibt allerdings, ob der Abzug im Rahmen eines Friedensabkommens mit dem Libanon und seiner Schutzmacht Syrien erfolgen wird oder als einseitiger israelischer Rückzug.

Das "Abenteuer Libanon" hatte im Juni 1982 begonnen: Israels Ministerpräsident Menachem Begin entschied sich für eine Offensive im Libanon, um die häufigen Angriffe palästinensischer Freischärler auf

Nordisrael zu unterbinden. Die israelischen Truppen drangen damals bis Beirut vor und vertrieben den Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation, Yasser Arafat, mit 11.000 Guerillas aus der

libanesischen Hauptstadt.

Nach seinem Rückzug aus den nördlicheren Gebieten richtete Israel 1985 die so genannte "Sicherheitszone" ein. Es war Israel zwar gelungen, die PLO aus dem Libanon zu vertreiben. Stattdessen handelte

es sich jedoch einen blutigen Kleinkrieg mit der pro-iranischen Hisbollah-Miliz ein, die mit Klauen und Zähnen gegen die Besatzungsmacht aus dem Süden kämpfte.

Israels Ministerpräsident Ehud Barak hatte den Truppenabzug bis Juli 2000 noch vor seinem Wahlsieg im Mai vergangenen Jahres versprochen. Nach Ansicht politischer Beobachter handelte es sich um einen

ausgeklügelten Schachzug Baraks, mit dem er den syrischen Präsidenten Hafez Assad zu einer Friedensregelung "zwingen" wollte. Ein einseitiger israelischer Abzug aus dem Südlibanon würde Assad einer

wichtigen Trumpfkarte gegen Israel berauben. Viele Israelis sehen einen Abzug von den 1967 besetzten Golanhöhen als Preis für die Befriedung der nordisraelischen Grenze. Israel wirft Assad immer

wieder vor, die Kämpfe im Südlibanon anzuheizen, um den südlichen Nachbarstaat zur Rückgabe des Golans zu veranlassen.

Inzwischen sieht es jedoch so aus, als könnte Baraks Rechnung nicht aufgehen: Die Verhandlungen mit Syrien wurden im Jänner nach nur einem Monat wieder abgebrochen; es ist unklar, ob und wann sie

wieder aufgenommen werden. Ein Abzug ohne Friedensabkommen würde jedoch nach Ansicht politischer Beobachter in Israel keinesfalls gewährleisten, dass an der Nordgrenze wirklich Ruhe einkehrt.

Von dem versprochenen Abzug aus dem Südlibanon gibt es aber inzwischen nach Ansicht aller Kommentatoren kein Zurück mehr: Immer stärker wird auch intern der Druck für einen Abzug, selbst ohne

Friedensabkommen. Israelische Soldaten erzählen im Rundfunk, sie hätten Angst um ihr Leben und fühlten sich in der "Sicherheitszone" wie Kanonenfutter. Der Dienst im Südlibanon gilt unter den

Soldaten als "Todesurteil". Die Gruppe "Vier Mütter", eine Organisation von Eltern israelischer Soldaten, hat inzwischen Hunderte von Mitgliedern, die sich massiv für einen umgehenden Abzug aus der

"Sicherheitszone" einsetzen.

Nachum Barnea, Kommentator der Zeitung "Yedioth Ahronoth" meint: "Die Israelis sind einfach nicht mehr bereit, das jährliche Blutgeld zu bezahlen. Einige hundert Hisbollah-Kämpfer haben die

große, clevere israelische Armee besiegt. Sie haben die wichtigste Schlacht gewonnen: Den Kampf um das Hinterland."