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Adonis, Gegner der syrischen Revolution

Von Alexander U. Mathé

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Der Goethepreisträger und einer der wichtigsten arabischen Dichter der Gegenwart sieht hinter den Demonstrationen gegen Damaskus die Hand des Islam.


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Es passierte, als Adonis 17 Jahre alt war und noch gar nicht Adonis hieß. Damals, im Jahr 1947, erfuhr der Bub, der auf den Feldern seines westsyrischen Heimatdorfes Qassabin zu arbeiten pflegte, dass der Präsident den Nachbarort besuchte. Die Crème de la Crème der örtlichen Poeten hatte sich versammelt, um dem Staatsoberhaupt Schukri al-Quwatli zu huldigen. Ihnen wollte sich der Bub anschließen. Doch die prominenten Elogen-Schwinger wollten nicht einen Niemand in ihren Reihen haben. Der dachte aber nicht ans Aufgeben, schrie und insistierte auf einen Platz in ihrer Mitte - solange, bis schließlich der Präsident auf ihn aufmerksam wurde und verfügte, dass der Bub gehört werden sollte.

Nachdem er den letzten Satz seines Textes rezitiert hatte, war die Menge begeistert und der Präsident dermaßen beeindruckt, dass er ihm ein Stipendium gewährte. Und so machte Ali Ahmad Said seine Matura am Lycée Français in Tartus und studierte danach Philosophie an der Universität von Damaskus. Nach dem Studium sorgte er in den 1960er und 70er Jahren mit seinen Essays für Aufsehen. In ihnen wandte er sich gegen Fanatismus und Despotismus.

Heute ist Said, der in den 50ern den Künstlernamen Adonis annahm, einer der wichtigsten arabischen Dichter der Gegenwart. Außerdem ist er der Repräsentant der Arabischen Liga bei der Unesco. In seinen Werken orientiert er sich gerne an der klassischen arabischen Dichtung, die gerne Tabus brach und eine kritische Haltung gegenüber der Religion einnahm. Diese Offenheit brachte ihm zwar die kritische Beäugung von Konservativen ein, aber gleichzeitig auch viele Anhänger.

Als die Syrer im Frühling begannen, gegen das Regime von Bashar al-Assad zu revoltieren, erwartete sich die Öffentlichkeit, dass Adonis, der zeit seines Lebens die Freiheit verteidigt hat, für die Demonstranten Stellung beziehen würde. Umso mehr, als er wegen seiner Mitgliedschaft in der "Sozialen Nationalistischen Partei Syriens" 1955 verhaftet wurde und seit seiner Freilassung im Exil lebt (zuerst in Libanon, danach in Frankreich). Doch Adonis schwieg. Schließlich fragte er sich in einem Artikel, ob die arabischen Revolutionen nicht in eine islamische Herrschaft münden würden. Zudem zeichnete er ein Szenario, nach dem Syrien ein Bürgerkriegs-Schicksal wie dem Irak blühen könnte. Erneut mit dem Thema syrische Revolution konfrontiert, sagte er im Fernsehsender Al-Arabiya, dass er sich niemals einer Bewegung anschließen könnte, die in den Moscheen entstanden sei - ein umstrittenes Argument, das gerne von den Anhängern Assads eingebracht wird.

Dessen ungeachtet wurde Adonis am Wochenende mit dem deutschen Goethepreis ausgezeichnet, weil er die europäische Moderne in den arabischen Kulturkreis gebracht habe.