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AfD ärgert Merkel im Nordosten

Von WZ-Korrespondentin Karin Rogalska

Politik

Entgegen dem landesweiten Trend will jeder Fünfte in Mecklenburg-Vorpommern für die Rechtspopulisten stimmen.


Schwerin. Es läuft nicht gut für die AfD - zumindest gemessen an den Prognosen vom vergangenen Herbst. Von 15 Prozent sind die Rechtspopulisten vor der Bundestagswahl am 24. September auf unter zehn Prozent abgerutscht. Wenn sie es dieser Tage in die Schlagzeilen schaffen, dann mit Negativ-Meldungen. So berichtete die "Zeit", Spitzenkandidatin Alice Weidel solle an ihrem Schweizer Wohnsitz eine Asylwerberin aus Syrien schwarz beschäftigt haben. Im Nordosten Deutschlands bleibt die AfD jedoch populär. Laut Umfragen kann die Partei in Mecklenburg-Vorpommern bei der Bundestagswahl mit 22 Prozent rechnen. Ähnlich stark scheint die AfD derzeit nur in Sachsen und Thüringen. Dort sind es 18 Prozent.

Damit knüpft die AfD an ihre Ergebnisse bei den Landtagswahlen 2016 an: In Mecklenburg-Vorpommern wurde sie zweitstärkste Kraft, holte mit dem heutigen Fraktionsvorsitzenden Leif-Erik Holm als Spitzenkandidaten satte 20 Prozent. Nur in Sachsen-Anhalt erzielte die AfD bei einer Landtagswahl mit knapp 25 Prozent ein noch besseres Ergebnis.

Leif-Erik Holm will sich nach dem 24. September aus der Landespolitik verabschieden. An sich lebt er nahe seiner Geburtsstadt Schwerin. Bei der Bundestagswahl fordert er jedoch Kanzlerin Angela Merkel direkt heraus, und zwar im gut 150 Kilometer entfernten Wahlkreis 15 zwischen Stralsund, Rügen und Greifswald, den die deutsche Regierungschefin seit mehr als 25 Jahren unangefochten vertritt. Holm will nichts Geringeres, als Merkel "dringend nach Hause" schicken. Das begründet er vor allem mit dem angeblichen Versagen der Kanzlerin in der Flüchtlings- und Eurokrise.

Mit seinem Kampfruf hat der ehemalige Radiomoderator seiner Partei schon viel Aufmerksamkeit beschert. Allzu oft blicken lässt sich Holm in Merkels angestammtem Revier aber nicht. Meist geht er anderorts in Deutschland auf Stimmenfang für seine Partei.

Er lässt Bernhard Wildt den Vortritt, der sich mit ihm den Landesparteivorsitz teilt und im Schweriner Landtag den Finanzausschuss leitet. Der Hotelier gibt sich gemäßigt. Im Gegensatz zu den meisten AfD-Repräsentanten betont er nur zu gern, dass aus seiner Sicht zwischen der AfD und anderen Parteien, insbesondere der CDU, lediglich vordergründig tiefe Gräben bestünden.

56,2 Prozent stimmten bei der vorigenWahl für Merkel

Holm und Wildt eint das Bekenntnis zu Region und Familie. Sieht der eine in Mecklenburg-Vorpommern eine wunderbare Heimat vor allem für seinen kleinen Sohn, entspricht der andere mit nicht weniger fünf Kindern voll dem Familienbild der AfD.

Im Wahlkreis 15 zweifelt niemand ernsthaft daran, dass Merkel heuer wieder das Rennen um das Direktmandat macht. Bei der Bundestagswahl 2013 stimmten 56,2 Prozent der Wähler für sie, und die Popularität der Kanzlerin ist nach wie vor hoch. Ohne ihr jahrzehntelanges Engagement sähe es im strukturschwachen Vorpommern noch düsterer aus, meinen viele. Dennoch ist Petra Verhoeven unzufrieden: "Es mangelt an politischen Visionen. Und für meinen Berufsstand wird nichts gemacht", klagt die Apothekerin.

Tourismus, Gastronomie, Pflege und Gesundheit, ein wenig Bau, dazu unzählige Funk- und Schlaglöcher, das war Vorpommern nach der deutschen Wiedervereinigung - und das ist es noch heute. Eine Ausnahme bildet Greifswald, wo manch innovatives Unternehmen wie der Arzneimittelhersteller Cheplapharm oder der Schiffbauer Hanseyachts ansässig ist.

Am anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands, der Angela Merkel seit Monaten zur Prognose veranlasst, 2025 werde Vollbeschäftigung erreicht sein, nimmt die Region aber längst noch nicht teil. In Stralsund sind rund zwölf Prozent aller Erwerbsfähigen arbeitslos. Das ist gut im Vergleich zu mehr als 20 Prozent, mit denen sich die Hansestadt lange herumplagte. Doch im Westen Mecklenburg-Vorpommerns ist die Arbeitslosenquote auf sechs Prozent gesunken. "Hier wird zu wenig nachhaltig gedacht und zu wenig für Familien getan", kritisiert Claudia Blom, die in der Umweltbildung tätig ist.

"Konservativer Kreis" sympathisiert mit der AfD

An der Ostsee und der Grenzregion zu Polen geht Angela Merkel das Rennen um das Direktmandat ganz offensichtlich mit mehr Herzblut als in früheren Jahren an. Selbst wenn die Flüchtlingskrise in Mecklenburg-Vorpommern ausgestanden scheint, kann sie nicht mehr allein auf Amtsbonus und persönliche Beliebtheit setzen. Schwer wiegt noch die Schlappe der CDU bei der jüngsten Landtagswahl. Die Konservativen holten gerade einmal 19 Prozent und sind seither zweitschwächste Kraft im Schweriner Landtag. Zwar regiert die CDU gemeinsam mit der SPD in einer großen Koalition. Vordergründig scheint die Welt bei den Konservativen wieder in Ordnung.

Tatsächlich aber blieb in den vergangenen Monaten bei der CDU kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Im Nordosten soll sich die CDU auf Bestreben Merkels deutlich verjüngen. So ist es kein Wunder, dass sich mit Philipp Amthor entlang der Grenze zu Polen, wo der Zuspruch zur AfD bundesweit am höchsten ist, ein 24-Jähriger um das Direktmandat bewirbt.

Inzwischen hat sich jedoch ein einflussreicher "Konservativer Kreis" in der CDU formiert. Seinen Mitgliedern scheint die CDU unter Merkel zu weit nach links gerückt zu sein, sie opponieren mehr oder weniger offen gegen die Kanzlerin und sympathisieren nicht selten mit der AfD.

An Podiumsdiskussionen vor der Wahl kann Merkel wegen ihrer Verpflichtungen als Bundeskanzlerin nur selten teilnehmen. Sie schickt dann in der Regel den langjährigen Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg, der die CDU im Haushaltsausschuss vertritt. Sein Steckenpferd sind denn auch Zahlen, mit deren Hilfe er darlegt, warum aus seiner Sicht in Vorpommern auch mittelfristig in puncto Wirtschaft nicht sehr viel mehr geht. Viel entgegenzusetzen hat die Konkurrenz dem nicht.