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Afghanische Archäologie der gescheiterten Experimente

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Dem westlichen Demokratiemodell droht Ähnliches wie Sowjetkommunismus. | Viele westliche Vorzeigeprojekte werden beschönigt. | Kabul. "Russischer Stahl - sieht immer noch aus wie neu", sagt der junge Bauleiter aus Deutschland. In der staubigen Erde auf einem Hügel in Kabul sind dicke Wasserrohre zu sehen, die Teile der afghanischen Hauptstadt seit 30 Jahren mit Wasser versorgen.


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Als die Sowjetunion 1979 das Land am Hindukusch einnahm, startete sie eine ganze Welle von Aufbauprojekten, die heute noch im Stadtbild gut sichtbar sind: Plattenbausiedlungen, Kulturzentren, Schulen und Hochschulen.

Die Sowjetunion zog ab, mit ihnen die Arbeiter, die Baustellen und die Pläne. Der Bürgerkrieg kam, dann die Taliban, dann eine neue Militärintervention und mit ihr neue Pläne für den Aufbau. Auch die Arbeiten für die Wasserversorgung Kabuls sind wieder im Gange. Männer heben neben den russischen Rohren Schächte für neue Wasserleitungen aus. Diesmal baut der Westen. Wie bei archäologischen Grabungen finden sich in Kabul immer wieder alte Schichten, die davon zeugen, dass andere schon Ähnliches versucht haben, mit mehr oder minder großem Erfolg.

Die Trümmer des Darulaman-Palastes etwa: Der Königspalast, der in den 1920er Jahren errichtet wurde, strahlt immer noch europäisches Flair aus. Deutsche Architekten sollen den Entwurf gemacht haben. Die Stahlträger der eingestürzten Kuppeln ranken wie bizarre Blumen in den Himmel. Das Graffiti an den Wänden des imposanten Gebäudes liest sich wie ein Buch über die Jahrzehnte von Krieg, Bürgerkrieg und Besatzung.

Sowjetische Soldaten, amerikanische Truppen, neugierige Touristen und Hilfsarbeiter, alle haben sich hier an den Wänden verewigt. Sie sind gekommen und gegangen und haben ein Land zurückgelassen, dass das Fremde irgendwie abzustoßen scheint.

"Es war verrückt von ihnen, hierher zu kommen", sagt Wadir Safi, Rechtsprofessor an der Kabuler Universität über die sowjetische Invasion. "Sie hatten die Gesellschaft Afghanistans nicht studiert." Er sitzt an seinem Schreibtisch in dem neuen, modernen Trakt, der vor kurzem mit amerikanischen Mitteln fertig gestellt wurde. Der Rest der Universität stammt aus der sowjetischen Aufbau-Epoche des Landes.

Einladender Plattenbau

Genau wie die Plattenbauten im Kabuler Stadtteil Makrorayan: Sie wirken fast einladend im Sonnenlicht. Bunte Teppiche und Kleider hängen zum Trocknen an langen Leinen oder auf Gartenzäunen. Doch die Siedlung ist heruntergekommen. Das Fensterglas in den Treppenhäusern fehlt, der Beton ist fahl-braun. Aber die Substanz erscheint nach 30 Jahren noch solide, im Gegensatz zu mancher Hilfe, die der Westen über Kabul gebracht hat und die mehr die Träume und Wünsche des Westens als die Wirklichkeit des Landes spiegelt.

In Makrorayan hat nach dem Einmarsch der Nato 2001 ein australischer Skateboard-Fan sein Hobby zu einem einträglichen Geschäft gemacht. Ollie, der sich als "sozialer Unternehmer" bezeichnet, begann in dem ausgetrockneten Springbrunnen neben dem Spielplatz der Siedlung Kindern das Skateboard-Fahren beizubringen. Das Hilfsprojekt war witzig und ungewöhnlich. Ollie sammelte schnell bei verschiedensten Geldgebern Mittel ein. Unzählige Reportagen und Fernsehberichte folgten und das Geld und Auszeichnungen mit ihnen. "Mädchen und Burschen machen hier zusammen Sport", schwärmte ein westlicher Diplomat über das Projekt. "Skate-Rampen statt Bomben", schreiben Zeitungen.

Patrick, ein Skater aus Kalifornien, der für sechs Monate in Afghanistan ist, zeigt die Anlage. Nein, Mädchen und Jungen fahren hier nicht zusammen Skateboard. Die Legende der Zusammenkunft der Geschlechter nach westlichem Vorbild ist eine der modernen Sagen über Afghanistan. Die Klassen sind getrennt. Heute ist Mädchen-Tag.

Rätsel um Frauengarten

Ähnliche Rätsel gibt auch der hochgelobte Frauengarten in Kabul auf. Auch er erscheint mehr eine Projektion westlicher Wünsche als afghanische Realität zu sein. Die "New York Times" hatte die Begegnungsstätte in einer Reportage vor ein paar Wochen als Zeichen für den Fortschritt westlicher Aufbauarbeit gefeiert.

"Eine Oase der Freiheit", in der die Frauen ohne Kopftücher und Burka sitzen dürften. Frauen schlüpften in westliche Kleider, hohe Schuhe und schminkten sich, berichtete der Autor. Eine Taekwando-Lehrerin bringe Frauen Kampfsport bei. Es gebe sogar eine Pizza-Bäckerin, die einzige in Kabul. Und weil jede gute Geschichte einen Bösewicht braucht, wird auch der Mullah der benachbarten Moschee zitiert: "Im Garten machen sie sich alle hübsch, schminken sich und haben andere Absichten".

Doch der Garten ist geschlossen. "Seit zwei Monaten", erklärt die strenge, dicke Wächterin vor dem Tor. Angeblich gibt es Bauarbeiten.

Der Westen mache die gleichen Fehler, meint Professor Safi nachdenklich. "Die Amerikaner haben bis jetzt keine Ahnung". Die Sowjetunion wollte in den 1980er Jahren den Sozialismus einführen und scheiterte an den Realitäten der afghanischen Gesellschaft, die zersplittert ist in ethnische Gruppen, in Stammesverbände, in eine kleine urbane und korrupte Elite.

"Wir haben versucht den Kommunismus einzuführen. Ihr versucht die Demokratie einzuführen" - die Worte von Zamir Kabulov, der bis zum Jahr 2009 russischer Botschafter in Kabul war, klingen irgendwie pessimistisch...