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Afghanistan: Geiseldramen machen klar, wie fern die Normalität noch ist

Von Rainer Mayerhofer

Analysen

Die Dramen um die Entführung deutscher und südkoreanischer Geiseln, die Ermordung eines deutschen Entführten und die Drohungen, auch die anderen Entführten zu töten, machen die Welt einmal mehr darauf aufmerksam, dass in Afghanistan auch nahezu sechs Jahre nach der Vertreibung der Mullahs aus Kabul die Normalität noch weit entfernt ist.


Als die USA und ihre Verbündeten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Trainingszentren der Al Kaida in den afghanischen Bergen ausräucherten und das Taliban-Regime stürzten, hatte das Land erstmals seit den Siebzigerjahren eine Chance, zu einigermaßen normalen Verhältnissen zurückzukehren. Die Installierung des bis heute regierenden Premiers Hamid Karzai war zwar eine richtige Entscheidung, bis heute reicht seine Macht aber nur unwesentlich über die Stadtgrenzen von Kabul hinaus.

Allzu früh suchte die Regierung Bush seinerzeit ihren Krieg gegen den Terrorismus auszuweiten und ließ sich trotz Warnungen auf das Irak-Abenteuer ein, an dem sie noch lange laborieren wird.

Afghanistan rückte damals aus den Schlagzeilen. Der Marsch auf Bagdad und später die Jagd auf die Spitzenrepräsentanten des Saddam-Regimes überdeckten, dass die in Afghanistan begonnene Aufgabe bei weitem nicht zu Ende gebracht worden ist. Osama bin Laden und seine engsten Mitarbeiter entkamen in den afghanischen Bergen und Höhlen und konnten bis heute nicht aufgespürt werden. Die Chefs des Kabuler Mullahregimes sind ebenfalls seit nahezu sechs Jahren flüchtig. Und die Taliban geben immer wieder heftige, tödliche Lebenszeichen von sich.

Entführungen zählen in Afghanistan so wie im Irak zum Tagesgeschäft und man weiß nie genau, ob rein kriminelle Banden dahinterstecken oder Terroristen, die zu diesem Mittel der Kriegsführung greifen.

Jedes Land ist natürlich versucht, seine entführten Staatsbürger freizubekommen. Lösegeldzahlungen werden zwar meistens dementiert, aber kommen immer wieder vor. Für die Freilassung des italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo wurden im Frühjahr sogar inhaftierte Taliban aus dem Gefängnis entlassen. Jetzt fordern die Entführer von den Heimatländern ihrer Opfer den Abzug ihrer Einsatzkräfte aus Afghanistan. Dazu wird es wohl nicht kommen und es wäre auch ein gefährlicher Weg, der Afghanistan von der Normalität noch weiter entfernt.