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Afghanistan nach der Qual der Wahlen

Von David Ausserhuber (Bürgerjournalist)

Gastkommentare

Das Land am Hindukush holt nach monatelangen Präsidentschaftswahlen wieder vorsichtig tief Luft.


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In den letzten Monaten regierte in Afghanistan der pure Wahlkampf. "Kampf" wohl im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei er seine Intensität rückblickend in ungewöhnlicher Weise erst nach dem eigentlichen Wahltermin entfaltete und seine Auswirkungen danach für fast ein halbes Jahr im Rahmen einer Art Stichwahl quälend mit sich schliff. Gerade dieses weit offen gestandene Zeitfenster der Ungewissheit war dabei das höchst Unerwartete an der Sache. Wie dem auch sei: Nunmehr steht fest, dass diese sogenannte Qual der Wahlen selbst für das hartgesottene und seit über 30 Jahren kriegsgeschundene Afghanistan bei weitem keine Bagatelle war. Selbst der religiöse Enthusiasmus zum kürzlich vollzogenen Opferfest kann darüber dauerhaft kaum hinwegtäuschen.

Lokalaugenschein in Kabul. Hinter einer Riesenbaustelle versteckt sich diskret ein Vorzeigestück afghanischer Kunstinitiative: die Galleria Kabul. Der Leiter, ein in Dari und Englisch eloquenter, weltoffener Afghane, zeigt uns mit leisem Seufzen all die bewundernswerten Ausstellungsstücke, eine für Zentralasien wahrhafte Plethora an handgefertigten artistischen Einzelstücken - alle zusammengedrängt auf gerade einmal drei sparsam beleuchtete Räume im Kellergeschoss. Die großteils zum Verkauf angebotenen Stücke fanden sich früher in einem schicken Laden im zur "Green Zone" gehörenden Stadtteil Wazir Akbar Khan, also mit anderen Worten dort, wo die Hauptstadt als sicher galt. Sicher. So ziemlich genau bis zum 17. Januar 2014. Der Anschlag auf ein bei ausländischen Geschäftsleuten und Diplomaten beliebtes Restaurant in gerade dieser Gegend in Kabul änderte das Bewusstsein für Bewohner der ganzen Stadt.

Als hätte der Selbstmordattentäter, der 21 Lokalbesucher, davon 13 Expatriates, mit in den Tod riss, einen neuen Zeitabschnitt der jüngeren Geschichte Afghanistans eingeläutet: die Qual der Wahlen, die tägliche Qual des sich verschlechternden Sicherheitszustands in Verbindung mit den Präsidentschaftswahlen, und das schon Monate bevor sie begannen. Ein weiterer gezielter Anschlag wieder von regierungsfeindlichen Gruppen auf ausländische Gäste und Journalisten in einem Nobelhotel zwei Monate später und damit zwei Wochen vor dem ersten Wahltermin bestärkte viele in ihrer Auffassung, von da an absolut "low profile" leben zu müssen. Für diejenigen, die für internationale Organisationen arbeiteten und ohnehin schon mit den arbeitsvertraglich vereinbarten Sicherheitsrestriktionen klarkommen mussten, ein ab diesem Zeitpunkt wahrhaft quälender Umstand.

Diese Ausdrucksweise ist wohl nicht übertrieben: Jeder, der schon mal tagelang in einer Unterkunft hinter Stacheldraht und "High Security Walls" ausharren musste, wird's verstehen. Von dem unbeschreiblichen Schmerz der trauernden Hinterbliebenen der Anschlagopfer auf der anderen Seite dieser hohen Mauern (die Anzahl der Todesopfer und Verwundeten schnellte besonders unter der einheimischen afghanischen Bevölkerung im Laufe dieser instabilen Monate landesweit schockierend in die Höhe) gar nicht erst zu sprechen.

Zurück zum heiß ersehnten Ruhehort Galleria Kabul. Bis zu sieben Besucher befanden sich früher gleichzeitig in den stilvoll eingerichteten Schauräumen. Dazu auch immer Laufkundschaft. Doch durch den Wandel der jüngsten Zeit trauten sich die meisten Kunden, zu denen gerade so manche kunstbegeisterte westliche Ausländer gehörten, die aus beruflichen Gründen vor Ort waren, kaum mehr auf die Straße. Selbst nicht mehr in der früher sicher geglaubten "Green Zone". Ein Umzug und eine finanzielle Neustrukturierung wurde für die Kunstinstitution nötig. Aufgeben stand allerdings nie zur Debatte. Gar nicht mal so einfach, denn die krisengeschwängerte Luft lähmte geradezu Geschäftspartner, Teppichhändler und Künstler. Nur wenige Verträge wurden überhaupt angenommen, davon viele erst stark verzögert bearbeitet und viel zu viele letztendlich dann doch gekündigt. Die allermeisten mit folgendem inzwischen schon grimmig klingenden Übertitel: ENTECHABAT. "Die Wahlen", unerwartete Intensität und Auswirkungen des Wahlkampfs im Alltag also plus allgemeine Unsicherheit, die allzu spürbar damit einherging. Deutlich weniger als vorher wagten, sich länger- oder zumindest kurzfristig vertraglich zu binden. Man hatte als unabhängiger Beobachter das Gefühl, bis auf den nimmermüden Straßenverkehr stand in diesem Land sonst alles still. Unerträglich still. Nicht einmal der sonst so verlässliche Taxifahrer konnte mir eine Zusage geben, trotz sehr guter Bezahlung eine Woche für geplante Fahrdienste in der Stadt zur Verfügung zu stehen. Sich nicht binden, und mit westlichen Ausländern schon mal lieber gar nicht, lautete die, natürlich nicht immer offen ausgesprochene, Devise.

Das Wahlergebnis steht nun fest. Vor etwa einer Woche wurde es offiziell bekanntgegeben. In der Nähe des Flughafens in Kabul gab es in Verbindung damit wieder mehrere Attentate. Trotzdem: Es ist vollbracht. Ein sehr ungewisser Abschnitt der jüngsten Geschichte Afghanistans scheint zu Ende zu gehen. Auch für mich, einen interkulturellen Mediator und Sprachlehrer für afghanische Studenten und Waisenkinder, der Politisches wirklich nur am Rande mitverfolgt, mögen die schwer greifbaren wahlbedingten Sicherheitsrisiken erstmal ein Ende nehmen. In erstaunlicher Weise bewundernswert finde ich meine geschätzten afghanischen Kollegen und Schüler, die jeden Tag genau so nehmen wie er eben kommt - ohne groß darüber Artikel zu schreiben wie westliche Ausländer es eben hin und wieder tun. Für viele von ihnen scheint das Leben ohnehin seit jeher mehr "Wahl der Qual" als umgekehrt zu sein. Und wie ich in den vergangenen Monaten besonders unter den Waisenkindern miterleben konnte, stellen sich viele gerade dieser herausfordernden Wahl mit größtmöglicher Tapferkeit.

Durch das kürzlich begangene Opferfest wähnte sich die Stadt Kabul die letzten Tage nach langem wieder in einem positiven Aufruhr. Schafe werden bei diesem sehr symbolhaften religiösen Fest geschlachtet und dann zu einem Festessen zubereitet. Tatsächlich, ein Stück langersehnte Normalität mag dadurch nach nicht enden wollenden Monaten der Präsidentschaftswahlen in afghanische Familien zurückkehren. Verlorene Jobs und verpasste wirtschaftliche Möglichkeiten während dieser Zeit hingegen werden es für viele von ihnen wohl allerdings nicht.

Information:
David Ausserhuber ist Mediator für Jugend und Kulturen in Deutsch/Englisch/Persisch mit angegliederten Projekten in Sachen Sprach(-Kultur)Training und Aktionskunst. Zurzeit stellt er in Schulen und höheren Instituten Afghanistans und Tadschikistans die neue Sprachlehrmethode "Lachen und Lernen" vor.