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Afghanistan stellt Nato auf die Probe Zu viele Aufgaben für Weltpolizisten

Von Georg Friesenbichler

Analysen

In der höchsten Not sprangen die Polen ein: Mit der Verzehnfachung des Afghanistan-Kontingents beeilte man sich in Warschau, seine Treue zum Nato-Bündnis unter Beweis zu stellen. Andere Nationen haben es nicht so eilig. Noch immer fehlen zum Erreichen der gewünschten Truppenverstärkung 1500 Soldaten.


Offen ist auch noch, welche Aufgaben die 1000 polnischen Soldaten erfüllen sollen. In letzter Zeit verschwimmen nämlich immer stärker die Grenzen der Funktionen zwischen den Heereskörpern.

Ursprünglich sollte die vom Weltsicherheitsrat gebilligte Isaf-Truppe, wie ihr Name "International Security Assistance Force" schon verrät, lediglich die afghanischen Institutionen unterstützen, indem sie ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau schaffen. Gleichzeitig bestand das "Combined Forces Command - Afghanistan" weiter, das die seit dem Krieg 2001 laufende Operation "Enduring Freedom" von USA und Großbritannien leitet.

Mittlerweile führen im Süden des Landes allerdings auch die Isaf-Soldaten eine heftige Offensive gegen die wieder erstarkten Taliban und sollen dabei Hunderte getötet haben. Selbst Nato-Vertreter bezweifeln, ob die harte Vorgangsweise mit dem Mandat wirklich vereinbar ist. Ein Isaf-Vertreter in Kabul kontert, dass die Intensität der Kämpfe keinen Wechsel in der Strategie bedeutet, sondern von den Umständen aufgezwungen wurde - die Großoffensive war die Antwort auf etwa 40 Selbstmordattentate seit Jahresbeginn und andere Angriffe, etwa auf Polizeiposten.

In jedem Fall ist aber die Arbeitsteilung zwischen Isaf-Truppen, die für den Wiederbaufbau zuständig sein sollen, und den Koalitionssoldaten, die die Zentralen des Terrors zerstören sollen, dahin. Die Bevölkerung selbst kann keinen Unterschied zwischen den westlichen Kampftruppen mehr erkennen - neben der allgegenwärtigen Korruption und der Armut ein weiterer Faktor, der den Taliban in die Hände spielt.

Auch das ist ein Grund, warum etwa die deutsche Bundeswehr nur ungern nicht nur im Norden wie bisher, sondern auch in Südafghanistan zum Einsatz käme, auch wenn dies laut ihrem Mandat möglich wäre. Darüber hinaus verweist die Berliner Regierung darauf, dass sie ohnehin schon 3000 Soldaten in Afghanistan im Einsatz habe, mehr sei nicht möglich.

Hinderlich ist dabei auch der UN-Einsatz im Libanon. Zwar sind die 2400 Deutschen, die dorthin entsendet werden, Marineangehörige, aber auch ihr Einsatz kostet Geld. Mit ihrem Libanon-Engagement begründen auch Italiener, Spanier und Türken, dass sie ihre Truppen am Hindukusch nicht aufstocken können.

Beobachter fragen deshalb, ob die stärksten Nato-Nationen mit der Vielfalt ihrer Aufgaben nicht jetzt schon überfordert sind. Seit dem Ende des Warschauer Paktes wird der Nato immer mehr die Rolle des Weltpolizisten zugedacht. Afghanistan ist ein Prüfstein dafür, ob sie diese auch ausfüllen kann. Seite 8