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Afghanistan und Pakistan: Warum immer der Andere schuld sein muss

Von Georg Friesenbichler

Analysen

Afghanistans Präsident Hamid Karzai mag ein ähnliches Arrangement vorschweben, wie es die Türkei im Falle des Nordirak erreicht hat: Sie darf Angriffe auch jenseits ihrer Grenze durchführen, um die militanten Kurdengruppen zu bekämpfen. Um dies zu erreichen, hatte es freilich eines enormen türkischen Truppenaufmarsches und des Drucks der USA bedurft. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass es im Falle Pakistans ähnlich laufen könnte. Die pakistanische Regierung hat umgehend den afghanischen Botschafter vorgeladen, um gegen die Drohung Karzais, seine Truppen auf dem Gebiet des Nachbarn operieren zu lassen, scharf zu protestieren.


Ganz unrecht hat Karzai nicht, wenn er davon spricht, dass militante Islamisten schon seit 30 Jahren über die Grenze nach Afghanistan einsickern. Tatsächlich haben verschiedene pakistanische Regierungen und ihr nahezu autonom operierender Geheimdienst in der Vergangenheit die Taliban unterstützt. Vor allem die Militärs sind es auch, die derzeit Waffenstillstandsabkommen mit den radikalislamistischen Gruppen forcieren.

Die Taliban-Krieger, die diese Waffenruhe in den Provinzen nahe Afghanistan akzeptiert haben, haben stets den Vorbehalt geäußert, dass sie ihren Jihad gegen die Besatzertruppen in Afghanistan fortsetzen wollen. Die grenzüberschreitenden Aktivitäten führten vergangene Woche zu einem Zwischenfall, bei dem ein US-Angriff auch pakistanische Soldaten das Leben gekostet haben soll.

Auch die USA und die Nato sehen diese Entwicklung mit wachsender Unruhe. Prompt tauchen Spekulationen auf, dass hinter der Drohgebärde Karzais die USA stünden, die damit ihre Unzufriedenheit mit den pakistanischen Friedensverhandlungen demonstrieren wollen. Die Regierung in Islamabad ist indes mit ihren eigenen Problemen beschäftigt: Die in mühsam errungenen Wahlen neu geschaffene Koalitionsregierung bröckelt schon wieder, gleichzeitig kämpft sie gegen Pervez Musharraf, der zwar einige Macht abgegeben hat, aber weiter Präsident ist und seine Vertrauensleute in der Armee hat. Da tut es gut, wenn es an der bergigen Grenze weniger Attentate gibt.

Aber auch Karzai hat innenpolitische Motive, Anschläge wie den jüngsten auf das Gefängnis von Kandahar dem Nachbarn in die Schuhe zu schieben. Im kommenden Jahr muss er um seine Wiederwahl kämpfen; seine westlichen Unterstützer fordern von ihm Kampf gegen die Korruption, die seine Regierung zerfrisst.

Diese Korruption trägt dazu bei, dass die "Aufbauhilfe" des Westens die umkämpften Regionen des Südostens nicht erreicht. Dies wiederum treibt die örtliche Bevölkerung in die Arme der Taliban - ebenso übrigens wie in Pakistan, wo die wirtschaftliche Lage in den Grenzprovinzen gleichfalls desolat ist.