Zum Hauptinhalt springen

Afghanistan und wir

Von Walter Hämmerle

Leitartikel

Fast 92.000 unter Verschluss gehaltene US-Dokumente belegen - WikiLeaks sei Dank - das Offensichtliche: Die Nato steht in Afghanistan mit dem Rücken zur Wand. Von Sieg spricht längst niemand mehr.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Es geht nur noch um Schadensbegrenzung - für Afghanistan, den Westen und die Nato selbst. Lediglich welche Rolle Pakistan spielt, kann niemand mit Sicherheit beantworten: Nach außen Verbündeter der USA, aber wer hier im Inneren die Zügel in Händen hält, ist höchst undurchschaubar.

Von Österreich aus betrachtet, liegen diese Probleme weit, weit weg. Die täglichen Berichte über Anschläge, absichtlich getötete Taliban, unabsichtlich zu Tode gekommene Zivilisten und die Verluste der multinationalen Nato-Truppen werden wohl nur noch von Hardcore-Interessierten genau verfolgt, der große Rest entdeckt auf den ersten Blick nichts Neues und blättert weiter. Anders als etwa Deutschland, geht uns bekanntlich nicht einmal die Nato etwas an.

Das stimmt natürlich und ist doch falsch. Eine Niederlage am Hindukusch wird nicht ohne Folgen für die Zukunft des Bündnisses bleiben, das seit seiner Existenz die Sicherheit Europas - und damit auch Österreichs - gewährleistet hat. Die Nato kämpft in Afghanistan, weil die USA es so wollten, nach (durchaus wechselnden) Plänen, die im Pentagon entworfen wurden. Nur das Ziel ist ein gemeinsam transatlantisches: Ein stabiles und weitgehend befriedetes Afghanistan.

Werden die Europäer aber auch nach einer Niederlage am Hindukusch den Umbau der Nato zu einer potenziell global agierenden Militärpolizei weiter mittragen? Womöglich würde Europa diese schmutzige und kaum ruhmreiche Arbeit den USA überlassen, und sich auf die unmittelbar eigenen Interessen konzentrieren. Das wäre wohl das Ende der Nato als militärisch handlungsfähiges Bündnis.

Ob die Welt dann eine sicherere, geschweige denn bessere wäre, darf bezweifelt werden. Der neue Multilateralismus, der mit Obama wieder Einzug ins Weiße Haus gehalten hat, wäre damit schon wieder vorbei, bevor er noch wirklich Früchte tragen konnte. In Europa wird das nicht bei allen auf Bedauern stoßen, aber nur ein Tor freut sich über Niederlagen des engsten Verbündeten.