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Afrika hungert und exportiert Lebensmittel

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Die "Selbstregulierung des Marktes" hält sich an die "normative Kraft des Faktischen" und konterkariert vernünftige Entwicklungspolitik.


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Jeder zweite Afrikaner ist bettelarm, jeder vierte hungert zumindest zeitweise. Am Osthorn Afrikas wütet unter mindestens zwölf Millionen Menschen der Hungertod. An Kenias Grenze vegetieren Hunderttausende hoffnungslos in überfüllten Flüchtlingslagern. Natürlich hilft die Welt der Wohlstandsbürger großzügig, sie finanziert Nachschub von Getreide bis zu Medikamenten.

Der Teufel nistet aber in der aalglatten Theorie, dass "der Markt sich selbst regelt". So gilt Kenia als weltweit größter Rosengarten, den natürlich Europäer managen. Sie beliefern europäische Handelsketten, die Rosen zum durchschnittlichen Marktpreis von rund 10 Cent das Stück verkaufen. Dafür schuften Kenianer ohne jeden Schutz in Schwaden giftiger Insektizide für monatlich 30 Euro. Den Vorhalt eines ARD-Reporters, dass die Leute doch doppelten Lohn erhalten müssten, um über die Runden zu kommen, beantwortete ein Manager ohne Wimperzucken: "Dann ist unser Markt kaputt."

Zu allem Überfluss fallen immer mehr Heuschrecken über Afrika her. Eben erst pachtete ein indisches Unternehmen in Äthiopien ein Stück besten Landes von der Größe Kärntens - um Landwirtschaft für den Export zu betreiben. Und weil in Äthiopien der Staat alles Land besitzt, wurden tausende Kleinbauern in ausgetrocknete Gegenden abgesiedelt. Der Pachtpreis und der Mitschnitt der Regierung am "Rosenkavalier" sind natürlich Staatsgeheimnisse. Der Markt reguliert sich eben an Zahlern.

Kapitalistische Heuschrecken legen in Afrika auf riesigen Anbauflächen Monokulturen an, die ein Hauptziel der propagierten Entwicklungspolitik konterkarieren: die lokale Selbstversorgung durch kleinräumige Landwirtschaft. Da lädt die EU in Afrika immer wieder Überschussgetreide ab, das etwa in Kamerun an die 50.000 Kleinbauern aus dem heimischen Markt geworfen und die mühsam aufgebaute regionale Selbstversorgung ruiniert hat.

Genauso kontraproduktiv nutzt man Afrika als Müllhalde für Abfall. Europäische Großbetriebe versorgen die gepflegte Gastronomie und die Imbissketten in der EU täglich mit annähernd 2,5 Millionen tiefgekühlten Hühnchen. Der "selbstregulierte Markt" verlangt aber nur Gustostückerln. Der für gehobene Ansprüche weniger marktfähige Rest wird eingefroren und in Großcontainern zu Dumpingpreisen vornehmlich in Westafrika "entsorgt". Dort kosten diese Hendl-Reste halb so viel wie heimisches Federvieh. Also verlieren die Kleinbauern einen Markt - und das Angebot des Grundnahrungsmittels Ei schrumpft.

Natürlich zwingt Humanität die zivilisierte Welt zu Soforthilfe in Ostafrika. Das Problem liegt allerdings in der Selbstregulierung des globalen Marktes. Da folgt eben Realpolitik der vorgeschützten "normativen Kraft des Faktischen". Also ungeachtet aller vernünftigen Konzepte zusehen, wie dutzende Millionen Afrikaner zu lebenslangen Almosenempfängern degradiert werden oder profitgierige Heuschrecken zähmen?

Clemens M. Hutter war bis 1995 Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".