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Afrika wartet auf Hilfe gegen Heuschrecken

Von Alexander Mathé

Politik

Kahle Felder, hungernde Menschen, dahinsiechendes Vieh: Die schlimmste Heuschreckenplage seit 15 Jahren sucht derzeit Afrika heim. Wenn nicht rasch gehandelt wird, könnte sich das Ganze zu einer Katastrophe von wahrlich biblischem Ausmaß entwickeln. Denn ohne internationale Hilfe werden die Menschen in Afrika den Kampf gegen die Tiere verlieren.


"Eine Ernte wird es dieses Jahr nicht geben." Westafrikas Bauern haben resigniert und das obwohl in Vorhersagen noch vor kurzem ein Rekordertrag angekündigt wurde. Jetzt haben die Heuschrecken streckenweise 40 Prozent der Weideflächen und 10 Prozent des Gemüseanbaus befallen. Große Teile der heurigen Ernte in der Sahelzone sind bereits zerstört.

Die ansonsten nützlichen und friedlichen Tierchen stellen für den Menschen keine direkte Bedrohung dar. Doch entziehen sie ihm die Lebensgrundlage, wenn sich Millionen von ihnen zu Schwärmen zusammenrotten und ganze Landstriche kahl fressen. Selbst die Nutztiere kommen nicht ungeschoren davon. Das Vieh, das auf den von Heuschrecken überfluteten Gräsern weidet, bekommt durch den Verzehr der Hüpfer Durchfall.

Explosionsartige Vermehrung

Ist die Plage erst einmal los, so ist sie nur noch schwer einzudämmen, denn die Insekten vermehren sich mit blitzartiger Geschwindigkeit. Ein Weibchen legt mehrere hundert Eier. Die jungen Heuschrecken schlüpfen nach neun Monaten. Auf diese Weise kann sich ein Schwarm innerhalb von zehn Monaten verzehnfachen. Ein solcher Schwarm kann aus bis zu 80 Millionen Tieren bestehen.

Eine Heuschrecke isst pro Tag ihr Eigengewicht von zwei Gramm. So kann ein Schwarm pro Tag Lebensmittel für 2.500 Menschen vernichten. Das führt dazu, dass derzeit die Lebensgrundlage von einem Zehntel der Weltbevölkerung in Gefahr ist.

Am schlimmsten betroffen ist Mauretanien. Dort haben die kleinen Biester bereits 80 Prozent der Ernte zerstört. 16.000 Quadratkilometer Land sind befallen. Nicht einmal vor dem Rasen des Fußballstadions der Hauptstadt Nouakchott wurde Halt gemacht. Alles wurde ratzekahl abgefressen. Die Folge sind Ernährungsengpässe. Zirka eine Million Menschen wird Lebensmittelhilfe benötigen.

In Mali ist die Anzahl der Schwärme Mitte August innerhalb einer Woche von 55 auf 70 gestiegen. Dort haben die Insekten rund die Hälfte der Ernte aufgefressen. In Gambia wurde bereits der nationale Notstand ausgerufen. Insgesamt sind in Afrika bereits 30.000 bis 40.000 Quadratkilometer von der Plage befallen. Das ist eine Fläche so groß wie Holland.

Quer durch Afrika

Ursprünglich aus dem Norden Afrikas gekommen, verbreiten sich die Heuschrecken quer über Afrika. Allein im August kamen über 200 Schwärme von Senegal nach Mauretanien. Von dort haben sie sich durch Niger und Nigeria über den Tschad bis in den Sudan durchgefressen. Jetzt könnten sie das Schicksal der Opfer der Darfurkrise weiter verschlimmern. Mit einem Tagespensum von bis zu 200 Kilometern pro Tag ziehen die Heuschrecken immer weiter nach Osten. Experten schätzen, dass die Hüpfer demnächst Saudi Arabien und später Afghanistan erreichen. Von dort ist es nur noch ein kleiner Sprung nach Pakistan und Indien. - Kein abwegiger Gedanke. Bereits vor 15 Jahren wurde dieser Alptraum Realität. Zwischen 1987 und 1989 traf Afrika die bisher schlimmste Heuschreckenplage. 28 Staaten waren betroffen. Das Einzugsgebiet der Hüpfer reichte bis nach Indien.

Mühsamer Kampf

Die Versuche, den Heuschrecken beizukommen waren bisher mehr symbolischer Natur. Feuer wurden entfacht, Lärm mit Dosen gemacht und die Erde umgepflügt, um die Eier der Heuschrecken zu zerstören, die bis zu acht Jahre überleben können.

Im Kampf gegen die verheerende Plage haben die betroffenen Staaten aber nun ihr Militär auf den Plan gerufen. In gemeinsamen Sprühaktionen will man mit Insektenvertilgungsmitteln Herr der Lage werden. Die Einsätze sollen ausgehend von fünf Basen in Senegal, Mali, Mauretanien, Niger und dem Tschad geflogen werden. Die Länder sehen im Militär die einzige Chance, die weitere Verbreitung der Heuschrecken zu verhindern.

Dass es bereits wie im Krieg zugeht, weiß Claude Morand, der Pilot des einzigen Flugzeugs zur Heuschreckenbekämpfung in Senegal. Sein Flieger wurde beschlagnahmt, er selbst zwangsverpflichtet, gegen die gefräßigen Hüpfer anzutreten. - Keine Ungerechtigkeit sondern Kriegsrecht. Seine Aktionen sind aber der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Hilfe kam zu spät

Dabei trafen die Schwärme das Gebiet nicht überraschend. Bereits im Dezember hatte die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) vor der bevorstehenden Katastrophe gewarnt. Sie hat eine eigene Abteilung für Heuschrecken und andere Wanderplagen, die Heuschrecken-Vorhersage-Experten beschäftigt.

Nach den erfolglosen Appellen an die Staatengemeinschaft startete die FAO einen neuen Versuch im Februar - abermals vergebens. Die Hilferufe wurden immer eindringlicher. Im April und im Juli versuchte die FAO noch einmal, die Welt für den Kampf gegen die Heuschrecken zu mobilisieren, dann brach die Katastrophe herein.

Der Generaldirektor der FAO, Jacques Diouf, ist verzweifelt: "Wenn wir sagen: In acht Monaten passiert was, dann reagiert keiner. Menschen neigen dazu, erst zu reagieren, wenn wir das Problem direkt vor Augen haben". Nun ist es soweit. Westafrika und die Welt blicken der fressenden Gefahr direkt ins Auge. Allmählich rafft man sich jetzt auf, der Zone zu helfen.

Kostspielige Verzögerung

Das lange Warten war jedoch kostspielig. Zur Zeit, als im Februar Appelle an die internationale Staatengemeinschaft gerichtet wurden, hätten noch neun Millionen Dollar (7,5 Millionen Euro) gereicht, um die Katastrophe abzuwenden. Als es fast schon zu spät war, wurden der FAO 16 Millionen Dollar zugesagt. Lediglich vier wurden tatsächlich ausbezahlt. Inzwischen wurden der FAO Hilfszahlungen in Höhe von 40 Millionen Dollar versprochen. Jetzt, knapp vor der Katastrophe, wären aber bereits 100 Millionen Dollar nötig, um die Plage einzudämmen. Ein Einschreiten bis Anfang November ist unbedingt nötig.

Vorläufig versucht die FAO, das Beste aus den beschränkten Mitteln zu machen, die ihr zur Verfügung stehen. Für Mauretanien und Mali wurden je zwei Pestizidflieger angeheuert. 300.000 Liter Insektenvertilgungsmittel sind gekauft worden, weitere 490.000 Liter sollen noch diesen Monat folgen.

In den betroffenen Staaten selbst versucht jeder seinen Beitrag zu leisten, so gut er kann. In Mali will die komplette Regierungsmannschaft einen Monat lang auf ihr Gehalt verzichten. Die Spenden sollen für den Kampf gegen die Heuschrecken bereit gestellt werden.

Schlimmeres vermeiden

Breite Unterstützung und Hilfe kommt auch von Algerien und Libyen, denn was woanders nicht vernichtet wird fällt alsbald in diesen Ländern ein. Die FAO fürchtet nämlich, dass es die Heuschrecken demnächst wieder zurück in den Norden Afrikas verschlagen könnte. So rücken die afrikanischen Staaten immer näher zusammen.

Doch ohne internationale Hilfe sieht die Lage düster aus. Wenn sich die Staatengemeinschaft nicht bald zu den nötigen Zahlungen aufrafft, könnte die achte biblische Plage das Ausmaß von 1987 erreichen. Derzeit sind durch langes Zuwarten Mehrkosten von rund 90 Millionen Dollar entstanden. Die Summe klingt zwar horrend, ist aber im Vergleich zu 1987 noch günstig. Damals waren 500 Millionen Dollar nötig um die Heuschrecken zu besiegen.