Afrikas informell Beschäftigte: Viel Not, wenig Rechte

Von Klaus Huhold

Wirtschaft
Eine Straßenhändlerin in Simbabwes Hauptstadt Harare. Der Mangel diktiert den Alltag dieser Menschen.
© Bulawayo

Ein Großteil der Afrikaner arbeitet ohne Anstellung. Was bedeutet das für die Betroffenen? Zwei Berichte aus Simbabwe und Kenia.


Sie sind aus kaum einer afrikanischen Stadt wegzudenken: Straßenverkäufer, die an Kreuzungen durch die geöffneten Autofenster kleine Waren wie Feuerzeuge oder Wasserflaschen verkaufen, Händler, die ihr Obst und Gemüse auf Decken am Gehsteig ausbreiten, oder Friseure, deren Arbeitsplatz aus nichts weiter besteht als einem schnell aufgestellten Tisch, auf dem ein paar Scheren, Rasierklingen und ein kleiner Spiegel liegen. Was diese Menschen vereint: Sie alle sind Teil der informellen Wirtschaft.

Informell zu arbeiten ist in Afrika mehr die Regel als die Ausnahme. Schätzungen zufolge besitzen mindestens zwei Drittel der Berufstätigen kein gegeltes Arbeitsverhältnis, in manchen Staaten sind es wohl gar mehr als 80 Prozent. Straßenverkäufer, Hausangestellte, Marktstandler, Schneider, Taxifahrer - es gibt kaum eine Tätigkeit, die nicht auch im informellen Sektor betrieben wird.

Was sich aber von Land zu Land unterscheidet, sind die Umstände, unter denen die Menschen in diesem Bereich arbeiten, wie viel Geld sie damit verdienen und auch wie die Behörden mit ihnen umgehen. Das wurde deutlich bei zwei Gesprächen, die die "Wiener Zeitung" mit Lorraine Sibanda aus Simbabwe und Teresa Wabuko aus Kenia geführt hat. Sie setzen sich beide für die Rechte der informell Beschäftigten ein und waren auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Entwicklung (VIDC) und des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) in Wien.

"Die Menschen in Simbabwe verrichten diese Tätigkeiten nicht, weil sie diese für sich gewählt haben", berichtet Sibanda. "Sie handeln aus der Not heraus."

Das ohnehin schon bitterarme Land befindet sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise, allein im August betrug die Inflation im Jahresvergleich 300 Prozent. Diese Misere spiegelt sich auch im informellen Arbeitssektor wider. "Die Leute arbeiten Tag für Tag, damit ihre Familien genügend zu essen haben und sie irgendwie das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen können", berichtet die Präsidentin der Zimbabwe Chamber of Informal Economy Associations, in der sich informell Beschäftigte zusammenschließen und organisieren.

Bis auf eine kleine Oberschicht könne es jeden treffen, unter den Straßenhändlern würden sich selbst Hochschulabsolventen finden. Auffällig sei aber, dass zu 60 Prozent Frauen im informellen Sektor tätig seien. Wie sich Sibanda das erklärt? "Ihnen obliegt viel stärker die Aufgabe, sich um die Familie zu kümmer", sagt sie. Deswegen würden Frauen immer wieder mehr auf sich nehmen als Männer, die ein Abgleiten in den informellen Sektor oft auch als Verlust ihrer Würde ansehen und eher als Frauen mit Depressionen auf Notsituationen reagieren würden.

In Kenia ist das Umfeld anders, weil die Wirtschaft stärker ist

Auch in Kenia arbeiten mehr Frauen als Männer im informellen Sektor. Und auch dort geschieht das oft aufgrund einer Notlage. Aber das ist nicht ausschließlich der Fall, berichtet Teresa Wabuko, die stellvertretende Generalsekretärin der Dienstleistungsgewerkschaft Kudheira. "Manchmal ist eine Tätigkeit im informellen Bereich für Studienabgänger einfach eine Übergangslösung, bis sie eine Anstellung finden." Oder es könne auch sein, dass jemand untertags als Taxifahrer angestellt ist und sich abends als Mopedtaxifahrer noch auf eigene Faust einen Zusatzverdienst schafft. Das wirtschaftliche Umfeld ist auch ein ganz anderes als in Simbabwe: Kenia ist eines der wohlhabendsten Länder Afrikas mit hohen Wachstumsraten.

Auch der Umgang mit den informell Beschäftigten ist in den beiden Ländern verschieden. "In Kenia akzeptiert sie der Staat, sie sind schließlich Bürger dieses Landes", sagt Wabuko. Dieser pragmatische Umgang zeigt sich etwa darin, dass in den Geschäftsstraßen am frühen Morgen und abends Straßenhändler ihre Waren anbieten können, während dies untertags nicht möglich ist.

Anders ist die Situation in Simbabwe. "Straßenhändler werden oft verhaftet und vertrieben, ihre Waren konfisziert", berichtet Sibanda. Ihre Organisation versucht die Betroffenen zu unterstützen, etwa bei Rechtsstreitigkeiten, und bei den Behörden ein Bewusstsein für die Lage der informell Beschäftigten zu schaffen.

So unterschiedlich ihr Umfeld und ihre Länder auch sind, in einem sind sich Sibanda und Wabuko einig: Sie sprechen sich beide dafür aus, dass mehr Arbeiten formalisiert werden. Davon würden beide Seiten profitieren. Der Staat würde mehr Steuern einnehmen, während die Beschäftigten eine bessere Absicherung hätten. So haben in Kenia und Simbabwe Angestellte Anrecht auf Karenz - während Straßenhändlerinnen nach der Geburt eines Kindes sofort wieder arbeiten gehen und Geld verdienen müssen.