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Ägypten ist nicht Algerien

Von Adrian Lobe

Gastkommentare
Adrian Lobe ist freier Journalist.

Parallelen zum algerischen Bürgerkrieg gibt es nur auf den ersten Blick. Drohgemälde von einem ähnlichen Szenario in Ägypten sind daher voreilig.


Mit Panzern und Bulldozern hat die ägyptische Polizei zwei Protestlager der Anhänger von Ex-Präsident Mohammed Mursi geräumt. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, ist noch unklar. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Übergangsregierung in Ägypten hat nach der Eskalation der Gewalt den Notstand ausgerufen. Steuert das Land auf einen Bürgerkrieg zu?

Politische Beobachter ziehen einen Analogieschluss zu Algerien. 1991/1992 hatte die Islamische Heilsfront (FIS) die Parlamentswahl gewonnen (wie die Muslimbrüder in Ägypten), das Ergebnis wurde von der Armee annulliert (wie die Absetzung des demokratisch gewählten Mursi). Hier enden aber auch schon die Parallelen. Die Algerier gingen nicht auf die Straße und gelangten auch nicht an die Macht. 15 Jahre lang tobte in Algerien ein blutiger Bürgerkrieg, dem 200.000 Menschen zum Opfer fielen. Man sollte sich vor einem historischen Determinismus hüten, wonach politisches Chaos denknotwendig in einen Bürgerkrieg mündet.

Denn es gibt zwei wesentliche Differenzen zwischen der Situation der 1990er Jahre in Algerien und der aktuellen Lage in Ägypten: zum einen auf Akteursebene und zum anderen, was den historischen Kontext anbelangt.

Erstens - die Akteure: Die Organisationsstruktur der Muslimbrüder variiert in hohem Maße von der Verfasstheit der FIS. Die Muslimbrüder wurden 1928 gegründet und verfügen über eine breite Basis. Obwohl sie lange Zeit illegal waren, hat sich die Bruderschaft zu einer politischen Partei verfestigt. Dagegen war die Islamische Heilsfront mehr die Speerspitze islamistischer Truppen als eine soziale Bewegung. Die Front wurde im Oktober 1988 nach dem Aufruhr in Algier hastig gebildet. Mit Beginn des Bürgerkriegs zersplitterte der lose Verbund und verselbständigte sich. Ein großer Unterschied zu der straffen Organisation der Muslimbrüder.

Zweitens - der historische Kontext: Der algerische Bürgerkrieg ist nur vor dem Hintergrund des Unabhängigkeitskriegs gegen Frankreich (1954 bis 1962) verständlich. Die Befreiungsfront FLN hatte bis 1990 wichtige Posten im Staatsapparat inne. Beide Seiten - Militär und islamistische Milizen - wetteiferten um das Erbe des Antikolonialismus und rangen um Pfründe. Demgegenüber wurde die ägyptische Unabhängigkeit 1922 in der britischen Declaration to Egypt diplomatisch erreicht. Das Ereignis ist zu weit weg, als dass die Muslimbrüder daraus Honig saugen könnten. Ägypten befindet sich nach dem Sturz von Hosni Mubarak immer noch in der Revolution.

Dennoch gibt es eine wichtige Lehre zu ziehen: Die Muslimbrüder sind nicht das Problem, sondern die Lösung in Ägypten. Man muss sie in den politischen Prozess mit einbeziehen. Das algerische Beispiel hat eindrücklich vor Augen geführt, wie gefährlich es sein kann, mit der Knute des Militärs islamistischen Tendenzen entgegenzutreten - es führt zu Terrorismus. Einige Muslimbrüder haben sich schon im Untergrund organisiert. Die Militärs in Kairo sollten gewarnt sein - sie müssen schleunigst an den Verhandlungstisch zurückkehren.