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Ägyptens Christen als Feindbild

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die Kopten haben Mursis Sturz unterstützt, nun fürchten sie die Rache.


Kairo. Vor Moped- und Motorradfahrern ist derzeit in Kairo doppelt Vorsicht geboten. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit nähern sich die Zweiräder den zumeist weiblichen Passanten, fahren dicht heran, reißen die Handtaschen von den Schultern und verschwinden dann ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Fast täglich wird von derartigen Vorkommnissen berichtet. Noch nie war die Kriminalitätsrate in Ägypten so hoch wie seit dem Ausbruch der Revolution vor gut zweieinhalb Jahren.

Doch am Sonntagabend hatten zwei maskierte Motorradfahrer es nicht auf die Handtaschen der Hochzeitsgäste abgesehen, als sie knatternd vor die Kirche im Kairoer Stadtteil Imbaba fuhren. Aus Pistolen feuerten sie auf die koptische Hochzeitsgesellschaft, töteten vier Menschen, darunter ein achtjähriges Mädchen, und verletzten 18 weitere Personen. "Alle vier Toten sind Christen", sagte Pater Sawiris Boshra am Montag bei der Trauerfeier für die Opfer in Kairo. "Das Ziel der Mörder waren eindeutig wir Christen, nicht persönliche Motive, sie wollen damit unser Land treffen."

Christen und Kirchen sind vermehrt zum Ziel von militanten Attacken geworden, seitdem das Militär den frei gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi Anfang Juli gestürzt hat und tausende Islamisten verhaftet wurden. Dutzende von Kirchen wurden innerhalb der letzten drei Monate in Brand gesteckt oder angegriffen.

Die Regierung macht die Anhänger der Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mursi stammt, für die Gewalt gegen die Kopten verantwortlich. Allerdings gab es auch schon unter Langzeitpräsident Husni Mubarak immer wieder Zwischenfälle zwischen Kopten und Muslimen, die ihren Ursprung aber zumeist in Familienfehden hatten. Nach dem Sturz Mubaraks kam es im Oktober 2011 zu ersten größeren Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und den Kopten, als eine christliche Demonstration, die mehr Schutz für die Minderheit verlangte, im Zentrum von Kairo blutig endete und 24 Menschen getötet wurden. Damals stellten sich noch viele Muslime demonstrativ vor die Christen, um sie vor den Sicherheitskräften zu schützen. Inzwischen aber ist die ägyptische Gesellschaft dermaßen gespalten und polarisiert, dass nur noch der Leitsatz "Bist du nicht für mich, dann bist du gegen mich" zählt.

Diese Polarisierung macht auch vor den Kopten, die etwa zehn Prozent der 83 Millionen Ägypter ausmachen, nicht Halt. Während sie sich lange Zeit aus jeglichen politischen Konflikten heraushielten, brachen sie bei den Demonstrationen gegen Mohammed Mursi mit ihrer bis dahin frei gewählten Isolation und gingen verstärkt auf die Straße. Kopten in allen Teilen des Landes protestierten gegen die galoppierende Islamisierung Ägyptens. Sogar Nonnen gingen auf den Tahrir-Platz. Befürchtungen, dass auch Christinnen bald zum Tragen des Schleiers gezwungen würden, machten die Runde. Das Oberhaupt der koptischen Kirche, Papst Tawadros II., rief seine Gemeinde auf selbst zu entscheiden, ob sie gegen die Islamisten demonstrieren wollen oder nicht. Damit zog er den Zorn der Mursi-Regierung auf sich. Ausschreitungen gegen Christen nahmen zu, koptische Blogger und Aktivisten wurden wegen Blasphemie angeklagt.

Tawadros Vorgänger Shenouda III., der kurz vor Mursis Amtseinführung 88-jährig verstarb, hatte stets für Ausgleich, Zurückhaltung und Versöhnung geworben. Nachfolger Tawadros aber bezog Stellung und machte aus seiner Abneigung gegenüber den Islamisten keinen Hehl. Als die mit islamistischer Mehrheit erarbeitete Verfassung zur Volksabstimmung präsentiert wurde, rief er zum Boykott auf. Und als der neue starke Mann Ägyptens, Armeegeneral Abdulfattah al-Sisi, nach dem Sturz Mursis den Fahrplan für den weiteren Weg Ägyptens verkündete, stand der Koptenpapst hinter ihm. Naguib Sawiris, Geschäftsmann, Multimillionär und neben dem Papst der wohl bekannteste Kopte Ägyptens, jubelte nach dem Sturz Mursis: "Endlich ist der Alptraum vorbei!" Die von ihm finanziell unterstützte Tamarod-Kampagne, die nach eigenen Angaben 22 Millionen Unterschriften gegen den islamistischen Präsidenten sammelte und die Massendemonstrationen zum Sturz Mursis auslöste, steht nun im Ruf, ein christliches Komplott gegen die Islamisten gewesen zu sein.