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Ägyptens verdrängtes Problem

Von Heike Hausensteiner

Politik
Viele Beduinenkinder gehen nur wenige Jahre in die Schule. Der Souvenirverkauf bringt mehr Geld.

Ein Großteil der Beduinen lebt in Armut, | Schmuggel ist oft die einzige Geldquelle.


Kairo. Über Mahmouds Lippen huscht ein zartes Lächeln, als er sagt: "Wir wollen, dass der Sinai einmal so fruchtbar ist wie das Niltal." Ein schwieriges Unterfangen auf der Wüstenhalbinsel. Doch die neuen Machthaber hätten ein ambitioniertes Bewässerungsprojekt angekündigt, um die Landwirtschaft zu fördern, erzählt der Fremdenführer, der eigentlich aus der Gegend um Luxor in Oberägypten kommt.

Doch bis dahin bleibt der Tourismus der größte Hoffnungsträger am Sinai. Vor allem aus Kairo kommen die Wanderarbeiter in Scharen, die Ambitionen sind dabei oft simpel. "Mein einziges Ziel ist, dass ich genug Geld verdiene, damit ich später in Kairo mein eigenes Geschäft aufmachen kann, egal, in welcher Branche", erzählt Raphael, der sich am Roten Meer als Masseur verdingt hat und jetzt nicht nur in beruflicher Hinsicht neue Hoffnung schöpft. Jetzt könne er endlich frei heraus seine Meinung sagen. Aber seine Mutter sei in Tränen ausgebrochen, als Hosni Mubarak zum Rücktritt gezwungen wurde. "Das ist eben eine andere Generation."

Der arabische Frühling hat auch am Sinai - oberflächliche - Spuren hinterlassen. Wurde am Ortseingang früher Langzeitherrscher Mubarak mit einem Mosaik-Porträt gehuldigt, waren wenige Wochen nach seinem Sturz die bunten Bilder schon anderen Motiven gewichen. Der Umsturz hat den Tourismus freilich empfindlich getroffen. Die Zahl der devisenbringenden Urlaubsgäste ist um 70 Prozent zurückgegangen.

Unverändert ist, dass die Beduinen in den Hotelburgen als Kamel führende, Brot backende oder Schmuck bastelnde Folklore herhalten müssen. Denn in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht leben die etwa 380.000 Angehörigen 26 verschiedener Stämme völlig isoliert. Nicht alle der Beduinen haben dabei arabische Wurzeln, eine gar nicht so kleine Gruppe stammt aus Südosteuropa. Die Vorfahren der Tuwara sind im 6. Jahrhundert als Sklaven am Sinai angesiedelt worden.

Waffen für den Gaza-Streifen

Der Ortschef der Beduinen, der "Scheich", trägt eine weiße knöchellange "Galabiya" samt Turban und führt den Besuchern stolz seine Kinder vor, besonders den einjährigen Sohn: Er hat blondes Haar, das sei auf seine europäischen Wurzeln zurückzuführen, erzählt er freimütig.

Jedes Beduinen-Dorf, das meist aus wenigen Behausungen oder Zelten besteht, hat eine Grundschule. Die Schulpflicht dauert auch in Ägypten neun Jahre. Aber die wenigsten Beduinenkinder gehen so lange zur Schule, sagt der den ägyptischen Stellen verpflichtete Führer Ahmed. Etwas weniger charmant fügt er hinzu, "die Beduinen finden, wenn man rechnen und schreiben kann, ist das genug".

Auch in der größten Oase, im Wadi Feiran, haben sich die Beduinen angesiedelt. Da gibt es - angeblich trinkbares - Grundwasser, das aus gemauerten Brunnen geschöpft wird. Zwischen den Dattelpalmen wird Haschisch angepflanzt, das einem zum Verkauf angeboten wird. Wovon die Beduinen ansonsten leben? Manche arbeiten als Taxifahrer, sagt Ahmed. "Und sie bekommen Geld von der Regierung." Diese baut ihnen manchmal Stahlbetonhäuser und zwingt sie zum Umsiedeln.

De facto lässt Ägypten die Beduinen jedoch mit ihren Problemen allein. Viele verdingen sich als Waffen-, Menschen- und Drogenschmuggler. Im Laufe der Jahre wurden heimlich Tunnel nach Israel gegraben, so kommen Waffen aus dem Iran über den Sudan nach Israel beziehungsweise in den Gaza-Streifen.

Mehr als 10.000 Flüchtlinge aus Äthiopien, Eritrea oder dem Sudan sind zudem im vergangenen Jahrzehnt über die Wüstenhalbinsel nach Israel gelangt. Sie dienen teilweise als Faustpfand, auf ihre Kosten versuchen sich die Beduinen Gehör zu verschaffen. Schätzungen von Menschrechtsorganisationen gehen davon aus, dass mehrere hundert Afrika-Flüchtlinge von den Stämmen festgehalten werden. Immer wieder gibt es Berichte, denen zufolge die Geiseln gefoltert und vergewaltigt werden.

Doch auch unter den neuen Machthabern hat sich für die Beduinen kaum etwas zum Besseren gewandt. Sie sind höchstwahrscheinlich für die Bombenanschläge in den Jahren 2004 bis 2006 in Taba, Sharm El Sheik und Dahab verantwortlich ebenso wie für die wiederholten Explosionen der blitzblauen Erdgasleitungen entlang der Straßen. Beweise dafür gibt es nicht - aber viele Verhaftungen. Die Detonationen sind vermutlich als Sabotage gegen die Behörden in Kairo gedacht.

Zum einen verlangen die Beduinen die Freilassung mehrerer tausend Stammesangehöriger, die, ohne verurteilt worden zu sein, in den ägyptischen Gefängnissen sitzen. Zum anderen ist der Erdgasvertrag mit Israel unter Mubarak unterzeichnet worden. Dabei soll Bestechungsgeld geflossen sein, damit Israel einen günstigeren Lieferpreis bekommt. Das Erdgas ist seit jeher ein Reibungspunkt zwischen den beiden Ländern. Erst am Montag waren die Lieferungen Ägyptens an Israel wegen eines wirtschaftlichen Streits zweier beteiligter Firmen gestoppt worden.

Angesichts der untergekühlten Beziehungen, die sich seit dem Sturz Mubaraks noch einmal verschlechtert haben, wird am Sinai manchmal sogar schon die Sorge über einen neuerlichen Einmarsch Israels laut. "Sie werden wiederkommen", sagt der Mittzwanziger Sharif. Derzeit läuft die Invasion allerdings noch in anderen Bahnen. Taba wird in der Hochsaison - etwa zu Pessach - zu 80 Prozent von arabischen Israelis aufgesucht, die hier ihren Badeurlaub wesentlich günstiger verbringen als in Eilat auf der andern Seite der Grenze.