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Ägyptens Vietnam

Von Michael Schmölzer

Politik

Präsident Al-Sisi schließt einen Einmarsch im Jemen nicht aus.


Demonstrant vor der saudischen Botschaft in Kairo. Eine von Riad angeführte militärische Koalition versucht seit Ende März, den Vormarsch der Huthi-Rebellen zu stoppen - bis jetzt vergeblich.
© corbis

Sanaa/Kairo/Riad. Im Jemen liefern sich die schiitischen Huthi-Rebellen, Teile der Armee, Bürgermilizen und Stämme, die loyal hinter Präsident Abd-Rabb Mansour Hadi stehen, erbitterte Kämpfe. Aden, die einstige Hauptstadt des ehemals unabhängigen Südjemen, ist Kriegsgebiet. Die 500.000 Einwohner zählende Metropole gleicht laut Augenzeugen einer Geisterstadt - die Straßen sind leer gefegt. Die Huthis haben hier nicht nur Bürgermilizen, sondern auch eine von Saudi-Arabien angeführte arabische Militär-Allianz gegen sich. Stellungen der Rebellen werden überall aus der Luft bombardiert. Attacken, denen bereits unzählige Zivilisten zum Opfer gefallen sind.

Der zentrale Stadtteil Crater war vor wenigen Jahren noch eine gern besuchte Touristen-Attraktion. Jetzt rattern hier die Maschinengewehre, zuletzt haben Anhänger Hadis wieder die Oberhand. Der Hafen wird weiter von Rebellen belagert.

Zu Angriffen von Kampfjets der arabischen Militärallianz kommt es auch im Inneren des Landes. Am Dienstag bombardierten Flieger einen Stützpunkt der Huthi bei Ibb, 160 Kilometer südlich der Hauptstadt Sanaa. Bomben fielen auch an der Küste des Roten Meeres in der Nähe der Stadt Hudaida. Sanaa, das seit Wochen in Händen der Rebellen ist, wird ebenfalls nicht verschont.

Angst vor Iran

Überall ist das tägliche Leben stark beeinträchtigt, die Rede ist von 100.000 Flüchtlingen. Die Krankenhäuser sind überfüllt, es gibt keine Medikamente. Die waren auch zu Friedenszeiten kaum erhältlich, jetzt würden sie von zahllosen Verletzten und Kranken benötigt. In Sanaa gibt es nur zwei Spitäler, die westlichen Standards einigermaßen entsprechen.

Saudi-Arabien und seine Verbündeten wollen mit ihren Angriffen verhindern, dass die vom Iran finanzierten Rebellen das Kommando im Jemen übernehmen. Riad sieht sich im Süden massiv bedroht. Die Wut der Saudis ist zuletzt noch gewachsen, nachdem Grenzsoldaten von jemenitischem Territorium aus unter Beschuss genommen und getötet worden waren.

Vor Aden, einst ein wichtiger britischer Stützpunkt, kreuzen Kriegsschiffe, die schon in die Kämpfe eingegriffen haben sollen. Die Nationalität der Schiffe ist nicht klar erkennbar. Immer wieder wurden in den vergangenen Tagen Soldaten in Aden gesichtet, deren Herkunft zunächst ebenfalls unbestimmt war. Später stellte sich heraus, dass es sich unter anderem um ägyptische Einheiten handelt, die mit Evakuierungsmaßnahmen betraut waren. Auch bei den Kriegsschiffen könnte es sich um ägyptische handeln. Das Land am Nil ist sehr aktiver Teil der Koalition, die die Huthis bekämpft. Präsident Abdel Fattah al-Sisi, ein Ex-Militär, hat die Rebellen aufgerufen, zurückzuweichen und die Stabilität des Landes und das Wohlergehen der Bevölkerung nicht aufs Spiel zu setzen. Und: Er schließt den Einmarsch von Bodentruppen nicht aus.

Kein Spaziergang

Dabei hat sich Ägypten in der Vergangenheit gerade im Jemen eine blutige Nase geholt - Kriegerdenkmäler rund um Aden legen Zeugnis von einer Niederlage ab, an die man in Ägypten nicht gerne erinnert wird. Zwischen 1962 und 1967 fanden rund 10.000 ägyptische Soldaten im Kampf gegen Stämme aus dem Nordjemen den Tod, der Krieg kostete Kairo mehrere Milliarden Dollar. Ein Konflikt, den Ägyptens legendärer Präsident Nasser einst sein persönliches Vietnam nannte. "Ich habe eine Kompanie losgeschickt und am Ende waren 70.000 Mann dort im Einsatz", gab Nasser kurz nach Ende des Konflikts zu.

Damals schien jedenfalls klar, dass sich Ägypten nie wieder in ein ähnlich zweifelhaftes militärisches Abenteuer stürzen würde. Stellt sich die Frage, ob Al-Sisi mehr als 50 Jahre später bereit ist, die Fehler der Vergangenheit zu beherzigen. Oder ob er den Einsatz von Bodentruppen anordnet und damit das tut, was die USA in Syrien, zuletzt im Irak und die Nato in Libyen nicht wagen.

Die historische Erfahrung rät ganz sicher davon ab: 1962 war der jemenitische König gestürzt und die Republik ausgerufen worden - doch die schiitischen Stämme im Norden widersetzten sich dem, sie wurden damals von den Saudis unterstützt. Für Nasser, der sich mit Riad einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft in der Arabischen Welt lieferte, schien die Gelegenheit günstig, den Scheichs eine Lektion zu erteilen und seinen Einfluss in der Region auszuweiten.

Nasser ging von einem militärischen Spaziergang aus, mahnende Stimmen ignorierte er. Denn bereits die Osmanen hatten im 19. Jahrhundert die Erfahrung machen müssen, dass der Jemen - ganz ähnlich wie Afghanistan - kaum zu erobern und schon gar nicht dauerhaft zu kontrollieren ist. Panzer sind in den unzugänglichen Bergen nicht einsetzbar. Die Stämme, ausgerüstet mit Gewehren und Messern, sind kämpferisch, kriegserfahren und wenig geneigt, sich zu unterwerfen. Weder der Regierung in Sanaa noch einer ausländischen Macht. Dazu stellte sich 1962 die Frage, wie der Nachschub zu organisieren wäre. Immerhin ist der Jemen 1200 Kilometer von Ägypten entfernt. Per Luftbrücke, die mit tatkräftiger Hilfe der UdSSR errichtet wurde, schleuste Ägypten in den folgenden Monaten immer mehr Soldaten und Material in den Jemen, ohne dass die Stämme im Norden entscheidend geschlagen werden konnten. Das auch deshalb, weil diese von den Saudis mit Geld und Waffen versorgt wurden. Zuletzt musste Kairo erkennen, dass die Errichtung einer Republik, die das gesamte Land erfasst, schon angesichts der zahllosen zentrifugalen Kräfte aussichtslos war.

Salehs Werk

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Bündnisse haben keine große Lebensdauer. So hat Jemens Langzeit-Präsident Ali Abdullah Saleh seinen Pakt mit den Saudis gelöst und macht nun gemeinsame Sache mit den Huthis - die er zuvor bekämpft hat. Dass Präsident Hadi derart in der Bredouille ist, ist zu einem großen Teil Salehs Werk - er hat Teile der Armee hinter sich. Ein Hegemon hat im Jemen nur dann die Chance zu überleben, wenn er mit den einzelnen Stämmen Bündnisse eingeht und deren Chefs gleichzeitig gegeneinander ausspielt. Eine Kunst, die Saleh beherrscht.

Nasser sah jedenfalls nach dem gescheiterten Feldzug seine Reputation innenpolitisch und innerhalb der Arabischen Welt sosehr gefährdet, dass der die Flucht nach vorne antrat und letztlich den Sechstage-Krieg mit Israel provozierte - mit dem bekannten, für Ägypten ebenfalls desaströsen Ausgang. In Folge des Krieges mit Israel zog sich Ägypten aus dem Jemen zurück. Das Land war von da an bis 1990 in einen kommunistischen Südjemen und eine Arabische Republik Nordjemen geteilt. Heute werden weite Gebiete des Südjemen, darunter die Provinz Hadramout, von der Al Kaida-nahen Terrorgruppe Aqap kontrolliert.