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Ägypter gemeinsam gegen den Terror

Von Thomas Schmidinger

Gastkommentare

Für viele Kopten stellt der Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria, bei dem 21 Menschen starben, nur den Endpunkt einer langjährigen Entwicklung dar, in der Ägyptens Regierung tatenlos der Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas zusah. Das Regime Hosni Mubaraks setzte seinen enormen Sicherheitsapparat zwar für den eigenen Machterhalt und die Repression gegen die Opposition ein, vergaß jedoch auf den Schutz religiöser Minderheiten und den sozialen Frieden. Auch nach dem Anschlag in Alexandria war das Regime stärker damit beschäftigt, Demonstrationen von Kopten und Muslimen niederzuhalten, die gemeinsam gegen den Terror demonstrierten, als die Ermittlungen aufzunehmen.


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Schnell wurde die Schuld für die Anschläge auf "ausländische Kräfte" geschoben. Dass auch die gesetzliche Ungleichbehandlung von Christen und Muslimen in Ägypten zu einem gesellschaftlichen Klima beiträgt, das solche Gewalt ermöglicht, wurde nicht thematisiert. Dabei sind Kopten bis heute gesetzlich von den höchsten Staatsämtern ausgeschlossen. Renovierungen oder Neubauten von Kirchen benötigen staatliche Genehmigungen, die oft jahrelang verzögert werden. Während Kopten zum Islam konvertieren dürfen und auch missioniert werden, fordern hohe islamische Würdenträger im ägyptischen Fernsehen offen die Todesstrafe für Konvertiten, die vom Islam zur koptischen Kirche wechseln.

Es ist unwahrscheinlich, dass hinter dem Anschlag ausschließlich "ausländische Kräfte" stehen. Wie schon in den 1980ern nach Afghanistan, gingen nach 2003 ägyptische Freiwillige in den Irak um gemeinsam mit Al Kaida gegen Amerikaner, Schiiten und vermeintliche "Kollaborateure" zu kämpfen. Issandr El Amrani, ehemaliger Analyst der International Crisis Group, vermutet in seinem Blog nicht ohne Grund, dass dieser Anschlag von einer neuen, von Al Kaida inspirierten Gruppe aus Ägypten durchgeführt wurde, die möglicherweise von Irak-Rückkehrern gegründet wurde.

Diese Verbindung legt nicht zuletzt eine Todesliste nahe, die im Dezember von der Al-Kaida-nahen Gruppe "Islamischer Staat Irak" veröffentlicht wurde, auf der sich unter anderem in Österreich lebende Kopten wiederfanden. Seither herrscht auch in Europa zunehmende Angst. In Frankreich, Deutschland und den Niederlanden stehen koptische Kirchen derzeit unter verstärktem Polizeischutz.

Optimistisch stimmen hingegen jene Stimmen in der muslimischen Bevölkerung Ägyptens, die sich nur klar und deutlich mit ihren christlichen Landsleuten solidarisieren. Auf gemeinsamen Demonstrationen gegen den Terror fanden sich sogar gemäßigte Islamisten, wie etwa Anhänger der Muslim-Bruderschaft, Seite an Seite mit koptischen Demonstranten wieder.

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Research Fellow an der University of Minnesota (USA) sowie Buchautor ("Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des politischen Islam").