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Aktentasche verrät die Absichten

Von Christiane Oelrich

Wirtschaft

Das ist US-Notenbankchef Alan Greenspan, einer der mächtigsten Männer der Welt, nicht gewohnt: der Mann, von dem ein Wort die Finanzmärkte in aller Welt bewegen kann, wird ignoriert. Der böse Bube ist die US-Konjunktur. Fünf Zinssenkungen hat Greenspan in diesem Jahr schon verfügt, das war die aggressivste Aktion seit fast 20 Jahren, doch der amerikanische Konjunkturmotor springt nicht an. Greenspan und seine Notenbanker, die heute, Dienstag, und morgen, Mittwoch, die Zinsleitlinien neu bestimmen, sind zunehmend besorgt.

Seit Jänner sind die Zinsen für das Tagegeld von 6,5 auf 4% gesunken, den tiefsten Stand seit sieben Jahren. Nach dem überraschend drastischen Wachstumseinbruch Ende vergangenen Jahres wollte die Notenbank damit das Schlittern in die Rezession verhindern. Nach 1% im letzten Quartal 2000 wuchs die US-Wirtschaft im 1. Quartal dieses Jahres zwar um 1,3%, doch Anzeichen einer Erholung sind nicht in Sicht. Von der optimistischen Prognose, dass es spätestens in der zweiten Jahreshälfte wieder bergauf gehe, haben sich viele Volkswirte inzwischen verabschiedet.

Die Theorie lehrt, dass Zinssenkungen sich erst nach drei bis sechs Monaten auswirken, doch wäre es dafür dann langsam an der Zeit. Aus dem ganzen Land sammelt die Notenbank jedoch Daten über dünne Einzelhandelsumsätze, einen schwachen Gewerbesektor, sinkende Industrieproduktion und steigenden Arbeitsplatzabbau. Bisher ist die Rechnung der Fed nicht aufgegangen.

Zum einen soll billigeres Tagegeld, mit dem die Geschäftsbanken ihre Reserven auffüllen können, ein Anreiz für größere Kreditvergabe sein. Doch anstatt die Gelegenheit zu nutzen, günstig Investitionen zu finanzieren, bauen die Unternehmen ihre Lagerbestände ab. Effekt auf die Wirtschaftstätigkeit: Null. Zum anderen sollte die Zinssenkung die Aktienkurse in die Höhe treiben. Wenn längerfristige Anlagen durch niedrige Zinsen unattraktiv werden, setzen Investoren eigentlich auf Aktien. Höhere Kurse würden im Land der Aktienbesitzer das Wohlstandsgefühl der Verbraucher heben und sie zu Ausgaben ermuntern. Doch die Kurse kommen nicht aus dem Tief.

Drittes Problem ist die Dollar-Entwicklung. Bei einer Zinssenkung sollte die Währung nachgeben, weil längerfristige Anlagen weniger attraktiv sind. Exportfirmen profitieren und expandieren, weil ihre Angebote auf dem Weltmarkt billiger werden - so die Theorie. Doch Vertrauensmangel in den Euro und düstere Aussichten in Japan lassen Investoren hartnäckig am Dollar festhalten.

Alan Greenspan und seinen elf Kollegen im Offenmarktausschuss dürfte das einiges Kopfzerbrechen bereiten. Die Frage ist, ob die Zinsschraube weiter gelockert werden soll. "Wir müssen aufpassen, um nicht über das Ziel hinauszuschießen, und am Ende Preisdruck zu erzeugen, wenn das Wachstum anzieht", meinte unlängst einer der Fed-Gouverneure.

Und so dürfte Greenspan heute und morgen wieder Objekt intensivster Beobachtung werden: senkt er oder senkt er nicht? Die meisten Analysten gehen von einem weiteren Zinsschnitt zwischen einem viertel und einem halben Prozentpunkt aus. Die Antwort liegt in Greenspans Aktentasche, wissen Kenner. Wenn er die Zinsen senken will, geht er mit schwerer Tasche in das Meeting, voller Beweismaterial zur Stützung seiner Absicht. Ist die Tasche leicht, bleibt alles beim alten. Bleibt nur noch, das Gewicht der Tasche präzise einzuschätzen.