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Aktionist und Politkritiker ist Serbiens neuer Kulturminister

Von Alexander U. Mathé

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Unkonventionell und kritisch gegenüber dem politischen Establishment, | ist Ivan Tasovac nun selbst in diesem gelandet.


Es ist ein bisschen so, als würde Karina Sarkissova Kulturministerin. Oder auch Franz Welser-Möst, oder Sido. Oder - das trifft es wahrscheinlich noch am ehesten - eine Mischung aus den dreien. Anfang der Woche hat Serbiens Premierminister Ivica Dacic seine Regierung umgebildet und Ivan Tasovac zum neuen Mitglied ernannt. Der 47-Jährige wird künftig das Ministerium für Kultur und Information leiten. Tasovac ist in Serbien bekannt wie ein bunter Hund. Der Mann mit der Sturmfrisur als Markenzeichen war einer der Juroren bei der Fernsehshow "Serbien hat Talent", der serbischen Version der "großen Chance". Sein kulturelles Verständnis hat dennoch Tiefgang. Er studierte am renommierten Moskauer Tschaikowskikonservatorium und debütierte schon im zarten Alter von zwölf Jahren als Pianist mit den Belgrader Philharmonikern. Nach einer Karriere als Solist, die ihn mit zahlreichen Orchestern rund um den Globus führte, wurde er 2001 Direktor der Belgrader Philharmoniker. Als solcher sorgte er mit Pointen gegen das politische Establishment und ungewöhnlichen Aktionen landesweit für Aufsehen. So setzte er beispielsweise seine Musiker auf die Straße - und zwar im wörtlichen Sinne. Nach einer publikumsschwachen Saison schickte er fünf Philharmoniker in eine Belgrader Ausgehmeile, wo diese aufspielten und zum Abschluss ein Plakat mit der Aufschrift "Danke fürs Nichtkommen" entrollten. Tasovacs Popularität spiegelte sich auf der Internetplattform Twitter wider. Er twittert nicht oft (das letzte Mal am 8. August), doch das, was er verbreitet, wird geschätzt, wie 40.000 Follower nahelegen. (Zum Vergleich: Anna Netrebko hat 19.000.) Mit eiserner Hand (sein ehemaliger Chefdirigent nannte ihn "despotisch") führte er die Philharmoniker wieder in sonnige Sphären. Um gegen die mangelhafte Unterstützung von Seite des Staats zu protestieren, trat er sogar kurzfristig vom Direktorenposten zurück. Man gebe diese Institution dem Verfall Preis, solange deren Spitzenmusiker ein Durchschnittseinkommen von kaum mehr als 400 Euro erhielten, erklärte er. Mithilfe einer von Stardirigent Zubin Mehta unterstützten Stiftung und EU-Geldern in Höhe von 95.000 Euro ging es schließlich weiter. Die Künstler dankten es ihm mit Solidaritätsbekundungen in schweren Zeiten. Nun sitzt Tasovac auf der anderen Seite des Tisches und sieht sich mit einem Minimalbudget euphorischen Künstlern gegenüber, die mit seiner Ernennung auf Geldsegen hoffen. Noch sei es zu früh für Konkretes, sagte er gleich zu Beginn; doch nannte er als seine Prioritäten, eine Grenze zwischen Kultur und Unterhaltung beziehungsweise staatlichen Institutionen und privaten Projekten zu ziehen.