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Al-Jazeera, die Guten und die Bösen

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

September ist die arabische Welt heute viel zersplitterter als sie es früher war. | Was denken die Menschen im Nahen Osten fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September? Um das herauszufinden, habe ich Ahmed Sheikh, den Chefredakteur des arabischen Fernsehsenders "Al-Jazeera", in Qatar besucht. Er schätzt die Lage im Nahen Osten so ein wie die meisten Amerikaner: als ein gefährliches Chaos.


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Wie mir Sheikh sagte, überlegt er schon seit Tagen, wie "Al-Jazeera" über den Jahrestag der Anschläge berichten soll. "Fünf Jahre nach der Katastrophe ist die arabische Welt heute viel zersplitterter als sie es früher war." Und das Image des Islam sei arg befleckt, sagte Sheikh.

"Israel gegenüber sind wir schwächer als früher. Entwicklung gibt es keine." Und über die Konflikte in der Region sagt Sheikh: "Alle Fäden und Probleme sind miteinander verschlungen. Es ist sehr schwierig zu sagen, wo sie beginnen und wo sie enden."

Sheikh fürchtet, der Irak könnte auf einen katastrophalen Bürgerkrieg zusteuern, der in der Folge auch auf andere Länder mit schiitisch-sunnitischer Bevölkerung übergreifen könnte, wie Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien. "Wenn die Amerikaner einen Bürgerkrieg verhindern können, dann wäre ihre Anwesenheit nützlich", sagte Sheikh. Das bezweifelt er allerdings, da die Amerikaner ja schon seit drei Jahren versuchten, den Irak zu stabilisieren und daran scheitern.

Bei "Al-Jazeera" ist Sheikh bereits seit der Gründung vor zehn Jahren. Vorher war er bei der BBC und anderen Fernsehsendern. In Hemdsärmeln, gerade zurück von der morgendlichen Konferenz mit seinen Redakteuren, sieht er ein bisschen wie die arabische Version von Lou Grant aus.

Als Propaganda-Werkzeug für Osama bin Laden und andere radikale Muslime ist "Al-Jazeera" von US-Regierungsbeamten bezeichnet worden. Als Journalist habe ich die Berichterstattung des Senders tatsächlich oft als einseitig empfunden. Statt Nachrichten bringt "Al-Jazeera" zu sehr arabische Nachrichten. Aber trotz all der Unausgewogenheiten ist der Sender ein erster Schritt weg von den alten staatlich gelenkten Propagandasendern.

Vielleicht ist es deshalb so kompliziert für "Al-Jazeera" geworden, aus der islamischen Welt zu berichten. Zum Beispiel aus dem Iran: Erst seit kurzem kann "Al-Jazeera" dort wieder arbeiten. Die iranischen Behörden hatten das 18 Monate lang untersagt. Zum Verhängnis war dem Sender geworden, dass er ein Kamerateam in den Südwesten des Landes geschickt hatte, um über die Klagen einer arabischen Minderheit, sie würden von der Regierung unfair behandelt, zu berichten.

Noch schlimmer ist es im Irak. Weil "Al-Jazeera" direkt von den sunnitischen Aufständischen berichtete, waren die irakischen Schiiten verärgert, und der Sender wurde von der Regierung (unter schiitischer Führung) ausgewiesen. Sheikh sagte, er würde im Moment ohnehin nicht zurück in den Irak wollen, da das "sehr, sehr gefährlich" für "Al-Jazeera" sei.

"Die Menschen sagen, wir sind der TV-Sender der irakischen Aufständischen. Das ist nicht wahr. Wir sind jedermanns Sender. Wir sind kritisch und ausgewogen. Das ist es, was ein Journalist zu tun hat: kritisieren, untersuchen, und nicht den offiziellen Standpunkt verbreiten".

Heikle Probleme bereiten auch Syrien und der Libanon. "Al-Jazeera" strahlte exklusiv ein langes Interview mit Hasan Nasrallah, dem Führer der Schiiten-Miliz Hisbollah, aus und wurde prompt von militanten Sunniten attackiert, die die Al-Kaida unterstützen.

Nach zehn Jahren sieht sich der arabische Fernsehsender "Al-Jazeera" nun also mit einer unvergänglichen Wahrheit des Journalismus konfrontiert, nämlich dass die Welt verdammt kompliziert ist, und dass sich nicht so leicht sagen lässt, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Übersetzung: Hilde Weiss