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Al Kaida zieht Blutspur durch den Jemen

Von Michael Schmölzer

Politik

Als Armeesoldat getarnter Selbstmordattentäter zündet Bombe.


Sanaa. Die Rufe der Demonstranten, die tausendfach den Rücktritt von Jemens Langzeit-Herrscher Ali Abdullah Saleh forderten, sind verstummt. Der verhasste Diktator ist gestürzt, doch von Friede kann keine Rede sein in dem bitterarmen Land am Südrand der Arabischen Halbinsel. Ganz im Gegenteil: Um zehn Uhr Vormittag detonierte am Montag eine Bombe in der Hauptstadt Sanaa, die Bilanz ist schrecklich. Laut Krankenhausangaben fanden 96 Menschen den Tod, die Behörden sprechen von mehr als 60 Toten und 300 Verletzten; es war einer der folgenschwerste Anschläge in der Geschichte des von Bürgerkriegen und Stammesfehden gezeichneten Landes.

Ein mit einer Uniform bekleideter Selbstmordattentäter hatte sich unter Soldaten der jemenitischen Streitkräfte gemischt, die unweit des Präsidentenpalasts für eine Parade anlässlich des Nationalfeiertages trainierten. Am heutigen 22. Mai begeht das Land die Vereinigung des Nordens mit dem ehemals kommunistischen Süden. Verteidigungsminister Mohammed Nasser Achmed war am Ort des Anschlags, kam jedoch mit dem Leben davon. Die Explosion riss einen tiefen Krater in den Sabiin-Platz, auf dem die Parade stattfinden sollte. Das Gebiet wurde abgesperrt, Rettungsautos waren im Dauereinsatz.

Schwache Zentralregierung

Al Kaida hat sich noch am Montag zu dem Anschlag bekannt. Die Terrororganisation operiert seit Jahren im Jemen, sie hat unter anderem bei dem Attentat auf das Kriegsschiff USS Cole im Jahr 2000 die Fäden gezogen. Jemens islamistische Terroristen agieren seit 2008 weitgehend autonom, sie unterhalten in den unzugänglichen Regionen des wüstenreichen Landes zahlreiche Ausbildungslager. Daneben haben weitere radikale Splittergruppen wie die "Partisanen der Scharia" im Jemen Fuß gefasst.

Die Terroristen machen sich den Umstand zunutze, dass der Jemen nicht über eine starke Zentralgewalt verfügt. Stammesführer regieren eigenständig, in zahlreiche Regionen wagt sich nie ein Soldat der regulären Armee. Mit der Entführung von Touristen versuchten die Stämme in der Vergangenheit, Druck auf die Zentralregierung auszuüben und Zugeständnisse bei Infrastrukturprojekten zu erhalten.

Der Aufstand der Jemeniten gegen Präsident Saleh, der ab 1978 herrschte und im November des Vorjahres die Macht abgeben musste, hat die Regierung in Sanaa weiter geschwächt. Der Diktator musste 2011 um sein politisches und physisches Überleben kämpfen - das nutzten die Terroristen, um ihre Bastionen im Süden des Landes auszubauen.

Saleh hatte es zuvor mehr als 30 Jahre lang verstanden, die verschiedenen Stämme, Clans und islamistischen Gruppierungen durch eine Mischung aus Zugeständnissen und brutaler Gewalt unter Kontrolle zu halten. Den Jemen zu regieren verglich der Langzeit-Diktator einmal damit, auf den Köpfen von Schlangen zu tanzen.

Seit Februar regiert Salehs ehemaliger Stellvertreter Abd-Rabbu Mansour Hadi. Er hat den Al-Kaida-Rebellen, die zuletzt ganze Landstriche unter ihre Kontrolle gebracht haben, den Kampf angesagt. Unterstützt wird er dabei genauso wie sein Vorgänger von den USA, die mit ferngesteuerten Drohnen Jagd auf Terroristen machen. Hunderte Kämpfer sind den lenkbaren Flug-Robotern in den vergangenen Monaten zum Opfer gefallen, genaue Zahlen gibt es nicht. Vor rund zehn Tagen startete die jemenitische Armee eine weitere Großoffensive gegen Al-Kaida-Stellungen - gut möglich, dass der Anschlag in Sanaa die Antwort darauf war.

Die Lage eskaliert, die jemenitische Armee muss trotz US-Unterstützung schmerzhafte Niederlagen einstecken. Mitte April gab es bei zweitägigen Kämpfen um die strategisch wichtige Stadt Loder mehr als 130 Tote. An den Kämpfen sind nicht nur Armeesoldaten und Terroristen, sondern auch regionale Stammeskrieger beteiligt. Diese kämpfen gewöhnlich an der Seite der Armee gegen Al Kaida.

Blutiger Kampf

Welche Dramen sich zwischen dem gebirgigen Osten des Jemen, der Wüste im Landesinneren und der Oase Wadi Hadramaut abspielen, ist im Detail nicht bekannt. Die Opferzahlen des Kampfes gegen den Terror dürften aber längst vierstellig sein. Die von Saudi-Arabien und Deutschland finanzierten Spitäler, die über eine Basis-Infrastruktur verfügen, sind voll von verletzten Soldaten. Die Terroristen stürmen in regelmäßigen Abständen Armee-Posten, sie verfügen jetzt schon über Panzerfahrzeuge und Maschinengewehre. Anfang März überwältigten sie einen Armeeposten und nahm mehr als 70 Soldaten gefangen, die unter lautem Gejohle durch die Straßen getrieben wurden. Nach Ansicht des Terrorismusexperten Guido Steinberg ist Al Kaida im Jemen weiter auf dem Vormarsch, sie ist zu einer Art Avantgarde geworden. Die Islamisten haben hier viele Sympathisanten. Jeder verdient im Durchschnitt drei Dollar pro Tag, die Zahl derer, die Hunger leiden, ist weiter gestiegen.

Der Terror ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Jemens Regierung konfrontiert sieht. Nördlich der Hauptstadt Sanaa haben sich schiitische Houthi-Rebellen jahrelang Gefechte mit der Armee geliefert.

Seit Februar 2010 ist ein Waffenstillstand in Kraft, die Lage bleibt aber prekär. Auch im Süden kämpft eine Separatistenbewegung schon lange für eine Sezession. Der Südjemen war bis 1990 kommunistisch regiert, Frauen war das Tragen der Burka verboten, in der Hafenstadt Aden gab es sogar eine Bierbrauerei. Nach dem Fall des Kommunismus 1989 versiegten allerdings die Hilfsgelder aus Moskau.

Der ultrareligiöse Norden, in dem damals bereits Saleh regierte, erzwang die Vereinigung des Landes mit Waffengewalt. Es gab einen blutigen Bürgerkrieg, die Armee des Nordens war siegreich. Der Süden wurde strengen religiösen Regeln unterworfen, Sittenwächter sorgen für die Einhaltung. Die Südjemeniten fühlen sich von der Zentralregierung benachteiligt und wollen die Unabhängigkeit. Zuletzt kam es bei den Präsidentschaftswahlen im Februar - es handelte sich um eine reine Bestätigung Hadis - zu Gewaltexzessen. Auch der Süden wittert nach dem Abgang Salehs seine Chance und verfolgt seine Ziele umso nachdrücklicher.