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Al-Kaidas Rache im Irak

Von Anne -Beatrice Clasmann

Politik

Monatelanger Machtpoker nach Wahl begünstigt den Terrorismus. | Falluja/Istanbul. (dpa) Sie sind fast lautlos. Im Schutz der Dunkelheit schleichen sie zum Haus eines Polizisten, eines Richter oder eines ehemaligen Bürgerwehr-Kämpfers. Leise platzieren sie ihre tödliche Last. Noch bevor der Muezzin zum Morgengebet ruft, explodiert der Sprengsatz. Die Liste der Opfer des Rachefeldzuges der Al-Kaida-Terroristen wird in der westlichen Provinz Anbar im Irak von Tag zu Tag länger.


Bürgerwehr-Strategie

Dabei war die Gegend zwischen Bagdad und der jordanischen Grenze einst die Vorzeigeprovinz der US-Armee. Hier hatten die US-Kommandanten 2006 mit Hilfe der Stämme schlagkräftige Bürgerwehren aufgebaut, denen es binnen eines Jahres gelungen war, die meisten Al-Kaida-Terroristen aus Anbar zu vertreiben. Doch die Strategie funktionierte nur, solange die Amerikaner die Zügel selbst fest in der Hand behielten und die Bürgerwehr-Kämpfer bezahlten. Seitdem die von Schiiten und Kurden dominierte Regierung vor einem Jahr die Verantwortung für die Sicherheit übernommen hat, häufen sich die Attentate und Anschläge in der von Sunniten bewohnten Anbar-Provinz wieder.

"Die Al-Kaida wartet in Anbar seit 2007 auf eine Gelegenheit, um sich an ihren Feinden zu rächen", sagt der Polizeikommandant der Stadt Falluja, Mahmoud Fayyad. Es sieht so aus, als sei diese Gelegenheit nun da. An diesem Morgen haben Terroristen in Falluja die Häuser von drei Polizeioffizieren in die Luft gesprengt. Zwei Erwachsene und zwei Kinder starben. Ähnlich sah es vor wenigen Tagen in anderen Städten der Provinz aus: in Abu Ghraib, in Ramadi, in Hit und Al-Khalidiya.

Tarek al-Assal war bis vor vier Monaten Polizeichef der Anbar-Provinz. Nachdem sich ein Selbstmordattentäter am 18. Februar direkt neben der Provinzverwaltung in Ramadi in die Luft gesprengt hatte, wurde er entlassen. Heute gehört er zu den Top-Beamten im Innenministerium in Bagdad. Er macht die USA und die irakischen Politiker für die Rückkehr der Al-Kaida-Terroristen verantwortlich: "Die Amerikaner ziehen ab, und die Bürgerwehren sind geschwächt, weil die Regierung aufgehört hat, ihren Sold zu bezahlen."

In den Städten in Anbar waren die Al-Kaida-Terrorzellen, die sich im Irak nach der US-Invasion von 2003 formiert hatten, anfangs wie Befreier behandelt worden. Die konservative sunnitische Bevölkerung der Provinz teilte mit den Terroristen, die aus Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten kamen, den Hass auf die amerikanischen Besatzer. Doch als klar wurde, dass sich die Anschläge von Al-Kaida nur selten gegen die US-Armee richten, sondern meist gegen irakische Zivilisten, verloren die Terroristen allmählich die Unterstützung der Sunniten aus Anbar.

Anbar erst der Anfang

Dass die Al-Kaida in der Anbar-Provinz jetzt wieder Fuß gefasst hat, liegt nach Ansicht einiger Sicherheitsexperten auch an dem desolaten Bild, das die Parteien in Bagdad derzeit abgeben. Nach der Wahl vom 7. März begann dann der Machtpoker zwischen den vier stärksten Parteien, denen es bis heute nicht gelungen ist, eine Regierung zu bilden. Für die Bekämpfung des Terrors bleibt den Politikern, die um Macht und Posten streiten, kaum noch Zeit. Einige irakische Beobachter befürchten: "Anbar ist erst der Anfang."