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Al-Sisis erfolgloser Kampf gegen den Terror

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Seit Jahren führt Ägyptens Militär Krieg gegen Extremisten auf dem Sinai. Doch die Anschläge werden nicht weniger.


Kairo. Die Zahl der Opfer war so groß, dass Verletzte auf Viehtransportern ins Spital gebracht werden mussten. Es gab nicht genügend Krankenwagen, und auch die Kliniken waren völlig überlastet. So stieg die Zahl der Toten fast stündlich. Bei dem Anschlag auf eine Moschee in Bir al-Abed im Nordosten der Sinai-Halbinsel starben am Freitag mehr als 300 Menschen. Die Verletzten hat niemand genau gezählt. Ihre Zahl dürfte aber die der Toten bei weitem übersteigen. Was am Freitag in Ägypten geschah, war der größte und folgenreichste Anschlag in der Geschichte des Landes. Noch nie wurden so viele Menschen auf einmal getötet. Die Antwort von Präsident Abdel Fattah al-Sisi ist, erneut Härte zu zeigen. Doch damit wird er alles noch schlimmer machen.

Der ehemalige Generalfeldmarschall, der im Juni 2014 seine Uniform auszog und ägyptischer Präsident wurde, hat seitdem bereits alles versucht, den Terror in seinem Land einzudämmen. Er hat das Militärbudget drastisch erhöht, Waffen und Ausrüstung in den USA, Europa und auch Russland gekauft, die Militärpräsenz auf dem Sinai verdoppelt, Ausgangs- und Nachrichtensperren verhängt und vor allem den Ausnahmezustand, in dem Ägypten sich seit Jahren befindet, immer wieder verlängert. Er hat Tausende einsperren lassen und fegt mit eisernem Besen durch sein Land. Genützt hat das alles aber nichts. Fast täglich werden Sicherheitskräfte getötet. Der Blutzoll ist hoch. Er soll inzwischen in die Tausende gehen, so wird geschätzt und von Diensthabenden vor Ort berichtet, ohne genaue Zahlen bestätigt zu bekommen.

Doch während in den zurückliegenden Jahren zumeist Armee- und Polizeistellungen angegriffen wurden, sind jetzt auch Zivilisten ins Blickfeld der Attentäter gerückt. Und während die Kampfhandlungen sich zumeist auf den Sinai beschränkten, sind in letzter Zeit auch Anschläge auf dem Festland keine Seltenheit mehr. Vor einem Monat kamen bei schweren Gefechten in der Wüstenoase Baharia, 370 Kilometer südwestlich von Kairo entfernt, 52 Sicherheitskräfte ums Leben. In der Suezkanalstadt Ismailia erfolgte im April ein Angriff auf eine Polizeistation, in der oberägyptischen Stadt Minija am Nil wurden Ende Mai 28 Christen in einem Bus erschossen, im Urlaubsort Hurghada am Roten Meer sind im Juli zwei deutsche Frauen mit Messern erstochen worden.

Ein globales Trainingslager

Al-Sisi ist unter frenetischem Jubel nach dem Putsch gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi angetreten, indem er versprach, den islamistischen Terror zu bekämpfen. Die Mehrheit der Ägypter glaubte ihm und wählte ihn, auch weil er ein Militär ist und somit Erfahrung mit Kriegführung habe, so die Argumentation damals. Doch der Terror hatte schon längst Einzug am Nil gehalten. Gleich nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011 gab es erste Anschläge auf dem Sinai, unweit der Grenze zum Gazastreifen. Der Macht habende Militärrat unter Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die einsickernden Extremisten von Hamas und anderen Gruppen wahrzunehmen, geschweige denn zu stoppen. Die Grenzen waren durchlässig, schnell bildeten sich Trainingslager für Terroristen aus dem Ausland, die über Kairo in den Sinai einreisten, dort ihre Ausbildung durchliefen und dann weiter nach Syrien und in den Irak geschleust wurden. Auch von Libyen sickerten genügend Anhänger der sich bildenden Terrormiliz IS ein. Nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis im Oktober 2011 brachten sie Waffen, militärische Ausrüstung und Know-how zum Bombenbasteln nach Ägypten.

Zunächst nannten sich die Terrorkämpfer "Ansar Beit al-Makdis" und waren ägyptisch geprägt. Im November 2014 schlossen sie sich dem Terrorchef Abu Bakr al-Bagdadi an. Jetzt nennen sie sich "Wilajat Sinai", analog zum angestrebten Kalifat in Syrien und im Irak. Ursprünglich waren es etwa 1000 Kämpfer, zu denen Sinai-Beduinen, Ägypter und auch Ausländer gehörten. Mittlerweile dürften sie um ein Vielfaches mehr sein.

Nicht bereit für Guerilla-Krieg

Anfänglich richteten sich die Anschläge von Ansar Beit al-Makdis hauptsächlich gegen Einrichtungen in Israel und gegen die Erdgasleitung aus Ägypten nach Israel. Doch seit dem Sturz von Mursi am 3. Juli 2013 kommt es immer häufiger zu Kämpfen zwischen Terror-Milizionären und ägyptischen Soldaten. Wilajat Sinai tötet jetzt vermehrt Zivilisten. Der Terror unter Sisi ist also nicht weniger, sondern bedeutend mehr und breiter angelegt geworden.

Dabei wird immer deutlicher, dass die militärische Option, die al-Sisi seit Jahren verfolgt, nicht greift. So ist die ägyptische Armee nicht bereit für den Guerillakampf, sondern kämpft noch immer wie eine konventionelle Streitmacht. Das Angebot der Israelis, bei der Ausbildung zu helfen, ist bisher abgelehnt worden. Denn auch nach 38 Jahren Friedensvertrag heißt der Feind Nummer eins für die Mehrheit der Ägypter noch immer Israel.

Ein zweiter Grund für Sisis fehlgeschlagenen Terrorkampf, ist das, was viele Beobachter schon vor vier Jahren vorausgesagt haben, als der Ex-General Mursi und dessen Anhänger als Terroristen brandmarkte. Mursis Gefolgsleute wurden ins Gefängnis geworfen, gingen ins Exil oder in den Untergrund. Der Nährboden für künftige, tatsächliche Terroristen war somit bereitet. Da die Muslimbrüder in Ägypten schon seit Jahrzehnten verfolgt werden, haben sie schlagkräftige Dependancen in der ganzen Welt gegründet und ihr Netzwerk stets ausgebaut. Dieses setzen sie nun ein, um Sisi scheitern zu lassen.