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Al-Waleed bin Talal

Von Judith Hornok

Reflexionen

Der saudische Investor und Geschäftsmann Prinz Al-Waleed bin Talal spricht über seine Investitionserfolge, seine Arbeitsauffassung und über die Rolle der Frauen in der saudi-arabischen Wirtschaft.


Wiener Zeitung: Ihre Königliche Hoheit, ich darf Ihnen die besten Wünsche aus meinem Heimatland überbringen. Wann waren Sie das letzte Mal in Wien? Prinz Al-Waleed bin Talal: In "Nemsa" ( der arabische Ausdruck für "Österreich", Anm. ) war ich schon sehr oft. Das letzte Mal vor vier Jahren.

Damals sollen Sie mit Ihrem 40-köpfigen Gefolge die Stadt Wien auf Fahrrädern erkundet haben. Ihr Leibwächter muss ja viel Stress gehabt haben (lacht). Waren diese Besuche privat oder auch geschäftlicher Natur?

Damals habe ich in Wien Urlaub gemacht. Aber Urlaub ist immer auch Geschäft für mich. Ich arbeite jeden Tag und schlafe nur von 5.30 Uhr morgens bis 10.30 Uhr. Aber mein Telefon ist immer eingeschaltet. Das wissen auch alle meine Mitarbeiter und Geschäftspartner. Bei allen wichtigen Fragen und Entscheidungen bin ich immer 24 Stunden lang erreichbar.

Sie gelten weltweit als einer der erfolgreichsten Investoren - wo sehen Sie Österreichs Potential?

Wien ist eine sehr wichtige touristische Destination, das weiß jeder. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mir damals den Stephansdom angesehen habe - das ist vielleicht eine schöne Kirche! Ich bin gleich zweimal hineingegangen. Grundsätzlich ist das ganze Viertel rund um die Kirche, auch mit den Einkaufsmöglichkeiten, beeindruckend. Ebenso wie das große Gebäude gegenüber der Kirche mit dem Restaurant auf dem Dach (Do & Co.). Also wenn es in dieser Gegend Möglichkeiten gäbe, Immobilien zu erwerben - wir sind bereit.

Österreich gilt auch als Experte für Investitionen auf dem osteuropäischen Markt. Wir gehörten zu den Ersten, die dort investiert haben und sind bis heute damit erfolgreich. Was halten Sie von diesem Markt?

Der osteuropäische Markt - die ehemaligen Länder der Sowjetunion - ist sehr interessant. "Four Seasons Hotels" gibt es bereits in Moskau und Budapest, aber wir möchten auch mit der "Fairmont Hotelkette" oder dem "Mövenpick" expandieren. Außerdem sehen wir uns nach anderen Möglichkeiten um, zum Beispiel im Bankenbereich. Die Citibank ist ja schon dort, und es werden in Zukunft noch mehr Standorte eröffnet werden. Auch auf dem Mediensektor, unsere "News Corp Gruppe", ist das ein wachsender Bereich.

Prince Al Waleed, Sie sind dafür bekannt, sich für Entscheidungen Zeit zu nehmen und kostenaufwendige Evaluierungen des Marktpotentials erstellen zu lassen. Aber haben Ihre Königliche Hoheit manchmal doch schwache Momente für emotionelle, spontane Entscheidungen?

Wenn man im Business Gefühle zulässt, ist der Misserfolg unvermeidlich. Und ich habe kein Interesse daran, zu scheitern. Manchmal muss man im Geschäft sehr schnell sein. Das war beim "George V Hotel" in Paris der Fall. Ich habe ohne jede Recherche spontan die Entscheidung getroffen, es zu kaufen. Das stimmt. Aber sehen Sie, der Standort des Hotels in Paris und die Location "George V" war ja schon ein gewisser Erfolgsgarant. Doch meine allerwichtigste Entscheidung war, das Hotel für ein paar Jahre zuzusperren, komplett umzubauen und ihm ein "Four Seasons"-Management zu verpassen. Denn ich wusste ganz genau, dass in Paris die Nachfrage nach einem solch exklusiven Hotel vorhanden ist. Ich habe das "George V" um rund 140 Millionen Dollar gekauft, und heute ist es 1,3 Milliarden wert. Wo ist da die Emotion?

Apropos Entscheidungen - Sie sollen vor jedem wichtigen Deal in die Wüste gehen, um dort intensiv darüber nachzudenken. Stimmt das?

Jede wichtige Entscheidung treffe ich in der Wüste, das ist wahr. Es ist die Ruhe und die Gelassenheit, die mir dabei helfen. Es gibt keine Störungen und auch keinen Einfluss von außen. Du nimmst alle Informationen mit, die du gesammelt und erhalten hast. Aber Deine ganz persönliche Entscheidung triffst du dann ganz allein dort.

Gilt das auch, wenn Sie heiraten?

Natürlich! Ich denke darüber nach, ob die Frau gut für mich ist und ich für sie.

Der Besuch in Ihrem Unternehmen, der "Kingdom Holding", bringt das gängige Saudi-Arabien-Bild ins Wanken - unverschleierte, europäisch gekleidete Frauen sitzen Seite an Seite mit ihren männlichen Arbeitskollegen. Was ist da passiert?

Im Westen glauben viele, dass saudi-arabische Frauen gar nicht arbeiten. Aber ich wollte schon vor zehn Jahren beweisen, dass das nicht stimmt. Damals waren es nur zwei Frauen, die bei mir beruflich tätig waren. Heute sind es 62 Prozent, und es gibt eine ganz klare Firmen-Polititk: der Frauenanteil in meinen Unternehmen muss mehr als fünfzig Prozent betragen.

Die Saudi-Araber bezeichnen Sie gerne als "stillen Revoluzzer", warum?

Ich würde das eher als "Evolution" bezeichnen. Schauen Sie, wir sind das führende und erfolgreichste Unternehmen in der gesamten Region. Allein in den letzten Jahren hatte die "Kingdom Holding" einen Return on Investment von 20 Prozent. Deshalb können wir dieses Unternehmen auch als "Plattform für saudi-arabische Frauen" nützen, damit diese beruflich tätig werden und auch an die Öffentlichkeit gehen. Auch unsere Frauen sind professionell, pflichtbewusst und können arbeiten! Das muss zu allererst unser eigenes Land Saudi-Arabien verstehen, aber danach auch die ganze Welt.

Schon vor einigen Jahren haben Sie die erste saudi-arabische Pilotin engagiert, und es befinden sich saudi-arabische Frauen in führenden Positionen in Ihrem Unternehmen. Wie war die Reaktion der strenggläubigen Bevölkerung darauf?

Die Reaktion war normal, weil 99 Prozent der Saudi-Araber meiner Ansicht sind. Nur eine Minderheit, vielleicht ein Prozent, ist dagegen und möchte diese Situationen nicht akzeptieren. Diese Skeptiker beobachten uns kritisch, und schreien mit sehr lauter Stimme. Aber ich möchte nicht schreien, denn ich möchte mich nicht auf ihr Niveau begeben. Ich möchte sie mit logischen Argumenten überzeugen und meine Immunität ist, dass ich religiös nicht angreifbar bin. Jeder in Saudi-Arabien weiß, dass ich ein sehr strenggläubiger Moslem bin - ich spiele nicht, trinke keinen Alkohol, rauche nicht. Und wissen Sie: auch der Islam war schon immer für eine Gleichstellung und Förderung der Frauen. Auch der Prophet Mohammed war mit einer Businessfrau verheiratet, die eine der größten Handelskarawanen besaß. Es gab keinen Unterschied. Wir sind seit der Ära des Propheten Mohammed rückwärts gegangen, und jetzt gehen wir wieder vorwärts. Und die, die logisch denken, verstehen uns und sind auf unserer Seite. Und es werden immer mehr.

Wie wichtig ist die berufstätige Frau für das wirtschaftliche und politische Wachstum Ihres Landes?

Nach meinem Gefühl kann sich kein Land, das finanziell, wirtschaftlich, geschäftlich, politisch und gesellschaftlich wachsen möchte, erlauben, nur die Hälfte der Bevölkerung, also nur Männer, arbeiten zu lassen. Das funktioniert einfach nicht. Wir haben in Saudi-Arabien nach wie vor ein Ungleichgewicht dadurch, dass 40 Prozent der Frauen untätig sind, also nicht arbeiten. Wir haben sechs bis sieben Millionen Menschen aus anderen Ländern, die hierher gekommen sind, um zu arbeiten. Das hat keinen Sinn. Da ist etwas falsch.

Also wenn man 20 oder 40 Prozent Saudi-Araberinnen für eine Position engagiert, hat man weniger Arbeitslose und weniger ausländische Arbeiter, richtig? Das sagt einem der normale Verstand. Ich sage nicht, dass alle ausländischen Arbeiter das Land verlassen sollen. Aber es muss eine natürliche Balance geben. Deshalb haben wir mit diesem Prozess begonnen. Heute engagieren auch schon andere Unternehmen in Saudi-Arabien Frauen.

Was sagt eigentlich der König dazu? Ist er ebenfalls Ihrer Meinung?

Die Nummer Eins der Frauen-Förderer in Saudi-Arabien ist nicht Prinz Al Waleed, sondern der König Abdullah. Glauben Sie wirklich, dass ich etwas ohne das Einverständnis des Königs tun könnte? Ehrlich gesagt, ich könnte es nicht. Wir treffen uns regelmäßig, denn wir schreiben jetzt Geschichte.

In 50 Jahren, wenn die Frauen einmal vollkommen in die Gesellschaft eingegliedert sind, wird man uns daran messen, was wir dafür getan haben. Ich tue das alles nicht für die Frauen, ich tue es für das Land und sein wirtschaftliches und gesellschaftliches Wachstum. Denn eines Tages werden wir alle nicht mehr da sein, aber Saudi-Arabien wird weiter existieren.

Zur Person

Prinz Al-Waleed bin Talal bin Abdul Aziz Al Saud ist der Enkel von Abd al-Aziz ibn Saud, dem Gründer Saudi- Arabiens und ein Selfmade-Milliardär. 1955 in Riad geboren, verbrachte er seine Jugend vorwiegend bei seiner Mutter in Beirut, wo er das Pinewood College besuchte. 1968, mit 13 Jahren kam er in die Abdul Aziz-Militärakademie in Saudi-Arabien. Nach der Militärakademie ging er 1974 wieder in den Libanon und schrieb sich in der Choueifat School ein. Von da wandte er sich nun immer aktiver den Werten des Islam zu. In der Choueifat School machte er seinen Schulabschluss. Als 1975 im Libanon der Bürgerkrieg ausbrach, übersiedelte der Prinz in die USA, studierte am Menlo College in Kalifornien Betriebswirtschaftslehre und kehrte im Jahr 1979 nach Saudi-Arabien zurück.

Die "Kingdom Holding Company" hat er laut eigenen Angaben mit einem vergleichsweise bescheidenen Bankdarlehen von etwa 300.000 Dollar begonnen und daraus ein Imperium aufgebaut, in dem weltbekannte Marken wie Citigroup, Disney, Apple und die Four Seasons Hotels eine Rolle spielen (die Hotelkette übernahm er gemeinsam mit Microsoft-Gründer Bill Gates). Wenn Prinz Al-Waleed bin Talal zu seinem Portemonnaie greift, horcht die Finanzbranche gespannt auf. Der mit einem geschätzten Vermögen von 29,5 Milliarden Dollar reichste Araber der Welt signalisiert nicht nur für Großinvestoren "grünes Licht" zum Nachahmen. Auch sozialpolitisch ist der saudi-arabische Geschäftsmann in der Lage, die Stellung der Frau in seinem Land zu etablieren.

Die Wiener Journalistin Judith Hornok, die schon 2007 beim Europäischen Forum Alpbach über die "Rolle der arabischen Geschäftsfrau" referierte, traf den engagierten Neffen des Königs in Riad zum Exklusivgespräch.