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Albaner rücken aus Solidarität mit den Flüchtlingen zusammen

Von Alain Jean-Robert

Politik

Durres · Menschen mit eingefallenen Gesichtern tragen ihre Habseligkeiten in kleinen Bündeln über holprige Straßen. Lastwagen der Vereinten Nationen überholen zahllose Karren, die von

abgemagerten Pferden gezogen werden. Auf der Suche nach einer Unterkunft klopfen Flüchtlinge aus dem Kosovo an die Türen der Häuser, zwischen denen in stinkenden Gräben das Abwasser fließt. Die

nordalbanische Stadt Durres (wo auch das Österreich-Camp für Flüchtlinge errichtet werden soll, Anm.) ist bitterarm, und doch haben die Bewohner zahlreiche Flüchtlinge bei sich aufgenommen.

Inzwischen sind die Wohnungen überfüllt, Neuankömmlinge müssen auf den Straßen schlafen. "Wir stehen am Rande des Chaos", sagt Bürgermeister Argile Gorra. Rund 20.000 Flüchtlinge sind nach Angaben

der Stadtverwaltung bisher in Durres angekommen. Täglich steigt die Zahl der Menschen, die nach Nahrung und einem Dach über ihren Köpfen suchen. Die meisten Familien in Durres leben in Wohnungen, die

nur aus einer Küche und einem Schlafraum bestehen. Und doch haben viele ihre "Brüder" aus dem Kosovo aufgenommen, mit denen sie sogar ihre Betten teilen.

"Die Hilfsbereitschaft der Bürger wird bald nicht mehr genügen", warnt Bürgermeister Gorra. Nicht länger als zwei Tage würden die Vorräte an Lebensmitteln in Durres noch ausreichen. Rund 80

Flüchtlinge werden im Krankenhaus behandelt, wo lebenswichtige Medikamente fehlen. Zwei Kosovo-Albaner sind bereits gestorben.

Am Stadtrand haben Freiwillige aus Italien drei Flüchtlingslager errichtet. Im Zeltlager von Kavaje leben 3000 Menschen, darunter vor allem Kinder und Jugendliche. Umberto Segneri, der mit 160

Freiwilligen in dem Lager an der Adria-Küste arbeitet, rechnet in den nächsten Tagen mit weiteren 3000 Menschen. "Was dann passiert, kann sich niemand vorstellen", seufzt Segneri.

Drita Shehu ist mit sieben Familienmitgliedern aus Djakovica im Süden des Kosovo nach Kavaje geflüchtet. "Die serbischen Soldaten sind maskiert in unser Haus gestürmt und haben gesagt, sie würden in

fünf Minuten Feuer legen", berichtet die 32jährige Schneiderin. Jeder habe rund 100 Mark bezahlen müssen, um von den Soldaten über die Grenze gelassen zu werden. Dritas Familie war zunächst

in die albanische Hauptstadt Tirana geflüchtet, doch dort sind alle Lager überfüllt. In den Zelten bei Durres fanden sie dann die lang ersehnte Unterkunft. Drita und ihre Freunde wollen so schnell

wie möglich ins Kosovo zurückkehren. "Wenn wir Waffen hätten, würden wir dort kämpfen", sagt die Schneiderin.

Bürgermeister Gorreas erinnert an das Jahr 1991, als 25.000 Albaner nach Italien flüchteten. "Damals sagten die Italiener, das übersteige ihre Kräfte", sagt Gorreas. "Unser kleines und armes Land hat

nun allein schon 300.000 Flüchtlinge aufgenommen". Die Kosovo-Albaner in den Lagern wollen in dem Nachbarland ausharren. Die albanische Mafia hofft dagegen, Italien werde erneut zahllose Flüchtlinge

anziehen, denn mit dem Transport über das Meer verdienen die Schlepper ihr Geld. Die Nachfrage wird offenbar geringer: Der Preis für die Überfahrt in wackligen Booten ist nach Angaben eines

albanischen Polizisten in den vergangenen Tagen von umgerechnet rund 7000 Schilling auf 3.200 Schilling gesunken.