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Alexander heißt wieder Selahattin

Von Martyna Czarnowska

Europaarchiv

"WZ"-Reportage: Fast eine Million | Jänner EU-Bürger. | Arbeitsmigration wegen Jobmangel. | Razgrad/Kardjali. Es ist ein heiliger Ort - und ein guter Picknickplatz. Das Grabmal von Demir Baba liegt in einer Schlucht der Isperiher Höhen, ein paar Kilometer von der nordostbulgarischen Stadt Razgrad entfernt. Ludogorie, wilder Wald heißt die Region. Doch von den dichten Mischwäldern und den Siedlungen der Thraker aus vorchristlicher Zeit sind nicht mehr viele Spuren zu finden. Über die wellige fruchtbare Landschaft ziehen sich Weizenfelder, Gemüse gedeiht hier genauso gut wie Raps.


Doch Demir Baba Teke ist noch von uralten Bäumen und schroffen Kalkfelsen umgeben. Schon vor tausenden von Jahren soll dort eine Kultstätte, ein Opferplatz gewesen sein. Teile des thrakischen Tempels sind noch in dem sechseckigen Felsbau zu sehen, der das Grabmal des legendären Fürsten Demir Baba bildet, eines Robin Hood des 17. Jahrhunderts.

Wie eine steile Wendeltreppe führen steinerne Stufen in das Tal mit dem Grabmal herab. Den Weg säumen Stofffetzen, Bänder, Socken, Kopftücher, Stückchen von Kleidung, die an die Zweige der Bäume gebunden werden. Es ist wie der Weg nach Golgota, erzählen Türken. Die Menschen steigen mit ihren Sorgen herunter, und wenn sie wieder raufgehen, lassen sie ihre Leiden mit einem Stück Kleidung zurück.

Auf der Wiese oberhalb des Opferplatzes breiten die Menschen ihre Picknickdecken aus oder setzen sich an die Holztische. Viele Familien kommen jeden Sonntag dorthin. Die meisten sind bulgarische Türken und gehören damit zur größten Minderheit des Balkanlandes. Jeder zehnte ist Türke; in so manchem Dorf wird nur türkisch gesprochen. Die Spuren des Osmanischen Reiches, das 500 Jahre lang bis ins 19. Jahrhundert auch Bulgarien beinhaltete, sind im ganzen Land zu sehen: in der Architektur, den Speisen, der Verflechtung der Kulturen.

Auch wenn es auf den ersten Blick kaum Probleme mit dem Zusammenleben gibt - das "türkische Joch" ist für viele Bulgaren noch immer ein Thema. Umgekehrt bleibt auch die Zwangsbulgarisierung unvergessen. So ist es gerade einmal 20 Jahre her, dass hunderttausende Menschen ihre Namen ändern mussten - von türkischen auf bulgarische. Die kommunistischen Behörden schreckten nicht einmal davor zurück, Namen auf Grabsteinen zu ändern. Und das war erst der Anfang. Am Ende stand der Exodus von rund 300.000 Menschen.

Neue Namen erzwungen

Schon nach der Befreiung Bulgariens im Jahr 1878 und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Versuche, die Türken entweder zu assimilieren oder zum Auswandern zu bewegen. Zehntausende Menschen verließen das Land. In den 70er-Jahren schwang das Pendel Richtung Bulgarisierung zurück, berichtet der Historiker Valerij Stojanov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. "Es gibt keine Türken in Bulgarien mehr. Wer sich als Türke fühlte, hatte genug Zeit auszuwandern. Wer dageblieben ist, ist Bulgare", argumentierte die Regierung in Sofia. Ein Gesetz wurde verabschiedet, demnach jeder, der einen bulgarischen Elternteil hat, einen bulgarischen Namen tragen musste.

Im Dezember 1984 gab es rund um die südbulgarische Stadt Kardjali eine größere Aktion. Die Miliz umkreiste Dörfer, kappte die Telefonleitungen, sammelte von allen Dorfbewohnern die Papiere ein. Einige Tage später bekamen die Menschen ihre Dokumente zurück - mit bulgarischen Namen. In einigen Ortschaften kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen, nach offiziellen Angaben wurden dabei sieben Menschen getötet. Kurze Zeit später verließen an die 300.000 Menschen das Land. "Die große Exkursion" wird es in Bulgarien genannt: Viele reisten mit Touristenvisa aus.

Etwa ein Drittel kam in den 90er-Jahren wieder zurück. Ihren türkischen Namen konnten sie wiederbekommen - wenn sie einen Antrag stellten.

An die Ereignisse aus den 80er-Jahren kann sich Metin noch gut erinnern, auch wenn er damals noch ein Kind war. Er weiß noch, wie ihn seine Eltern im Haus eingesperrt haben, damit er nicht auf der Straße durch ein unbedarftes türkisches Wort in Schwierigkeiten kommt. Damals patroullierte die Miliz auf den Straßen, hörte sie türkisch, verhängte sie Strafen.

Doch die Unterdrückung löste Widerstand aus. Metin, ein Psychologe, glaubt, dass es gerade die Zwangsbulgarisierung war, die Türken dazu brachte, sich verstärkt als eigene Volksgruppe zu begreifen. "Wir fühlten uns immer als Bulgaren", sagt Metin: "Aber als sie uns unsere Sprache und Kultur wegnehmen wollten, haben wir uns gewehrt." Die Proteste fanden in allen Gebieten statt, wo viele Türken lebten. Die Regierung schickte Truppen. Metins Eltern sind einmal völlig durchnässt von einer Demonstration zurückgekommen: Die Miliz hatte Wasserwerfer eingesetzt.

Zuerst der Kaffee

Selahattin Karabasev war in den 80er-Jahren Parteisekretär und für die Durchführung der Aktion zuständig. Er lebt unweit von Kardjali, in Ardino, einer 4500-Einwohner-Stadt, mitten in den Rhodopen mit ihren sanften Hügeln und weiten Tälern. In den Orten ragen mit silberglänzendem Blech verkleidete Minarette in den Himmel, zwischen den Dörfern hüten Hirten Schafe, alte Frauen mit bunten Kopftüchern gehen die Straße entlang.

Karabasev ist nun stellvertretender Direktor einer höheren Schule in Ardino. Vor zwanzig Jahren tat er - damals in Alexander umbenannt -, was er tun musste: die Namensänderungen organisieren. "Aber mein Ziel war, es friedlich zu machen", versichert der schmächtige brillentragende Mittfünfziger. Zivilpersonen hätten die Dokumente eingesammelt. Ein Beamter war sogar gerührt, als er in ein Haus ging, um die Papiere zu verlangen. "Warte, warte", sagte der Dorfbewohner: "Du kommst in mein Haus, und da gibt es Regeln. Zuerst bekommst du einen Kaffee, und dann hole ich meine Papiere."

Im Islam sei es nicht wichtig, wie dein Name ist, erklärt Selahattin. Wichtig sei, wie es in deinem Herzen aussieht. Mit den Menschen in Ardino ist er aufgewachsen, hat mit ihnen Fußball gespielt. Sie hätten verstanden, dass er an der Aktion teilnehmen musste.

Leben in Ardino?

Nun unterrichtet Selahattin Philosophie und Russisch an der Schule, die Textilverarbeitung zum Schwerpunkt hat. An die 200 Jugendliche lernen dort, vorwiegend Mädchen. Auf türkisch zu unterrichten, findet er nicht gut. Das wäre kontraproduktiv, schlecht für die Integration und Zukunft der Schüler. Sie hätten weniger Chancen zum Beispiel auf der Universität.

Doch viele Perspektiven haben die Schülerinnen in der Gegend sowieso nicht. In den Textilfabriken, die von Türken (aus der Türkei) oder Griechen betrieben werden, profitieren die Besitzer vom Lohnunterschied zu ihren Ländern. Die Frauen bekommen gerade einmal 80 Euro im Monat.

In der Erde der Rhodopen gedeiht nicht viel mehr als Tabak und Kartoffel. Und auch der Tabakanbau reicht kaum zum Überleben. Maschinen verdrängen Menschen. Die Arbeitslosigkeit in der Gegend um Ardino liegt bei 30 Prozent. Eine Mine, in der Zink und Silber abgebaut wurde, ist seit einem Jahr geschlossen. Zweihundert Menschen verloren ihren Job.

"Gibt es ein Leben in Ardino?" lautete der Titel einer Stunde von Karabasev. Die Mädchen haben die Fragestellung gewählt. Der Vizedirektor schätzt, dass etwa die Hälfte von ihnen in Ardino bleibt. Sie könnten in den Textilfabriken arbeiten. Andere wollen studieren. Und sie wissen, dass sie in ihrer Gegend nur mit Schwierigkeiten Arbeit bekommen können. "Das ist unser nationales Problem", ruft Karabasev aus: "Wir haben viele gut ausgebildete junge Leute und nicht genug Jobs für sie!"

Mit ein paar Gleichgesinnten versucht Karabasev nun, den Fremdenverkehr anzukurbeln. Immerhin sind die Birkenwälder der Gegend für ihre heilende Wirkung bekannt. Eine Touristeninformation ist entstanden, ein paar private Hotels wurden mit Hilfe der EU gebaut. Es wäre sogar mehr Geld vorhanden, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Aber es kommt nicht in die Region - es versickert irgendwo auf dem Weg dazwischen.

Vielen Menschen bleibt nichts anderes als die Arbeitsmigration, ob in größere Städte oder ins Ausland. Seit 1989 haben eine Million Menschen Bulgarien verlassen. Wenn sie zurückkommen, bauen sie sich oder den Kindern ein Haus. In Ardino gibt es ein "Holländer-Viertel". Aus fast jeder Familie ist jemand in die Niederlande gegangen. Und in Ardino stehen nun neu gebaute Häuser neben verfallenden Gebäuden.

Ein Euro am Tag

In einer der neueren Siedlungen ist die Journalistin Veska die einzige Bulgarin. Sie schwärmt vom Zusammenleben mit den Türken, den freundlichen, zuvorkommenden und hilfsbereiten Menschen. Sie hätten sogar ihren Opferplatz verlegt, als sie merkten, dass die vor vier Jahren hergezogene Frau die Schlachtung nicht mitansehen konnte. Mit ihren Nachbarn redet sie einmal bulgarisch, einmal türkisch.

Mit Ayse spricht sie viel türkisch. Veskas Nachbarin trägt Kopftuch und lange Hosen, tiefe Falten zerfurchen ihr Gesicht. Dabei ist sie nicht einmal 60 Jahre alt. Sie lädt uns auf einen Kaffee ein. In dem weißgetünchten niedrigen Haus ist es kalt, geheizt wird meist nur in einem Zimmer. Das Stehklo ist draußen. Ayse, früher in Küchen in Restaurants beschäftigt, ist arbeitslos, genauso wie ihr Mann. Der bekommt manchmal einen Job am Bau. Sie haben zwei Kühe, verkaufen den Liter Milch für 50 Studinki. Wenn es gut geht, verdienen sie damit zwei Leva, einen Euro, pro Tag. Wie sie überleben könne? Irgendwie muss es gehen: "Wir können halt nicht essen, worauf wir Lust haben." Zweimal im Jahr gibt es Fleisch, zu großen muslimischen Festen.

Minderheitenrechte? Die Menschen haben im Moment andere Sorgen, sagen viele. Und die Ereignisse der 80er-Jahre könnten sich sowieso nicht wiederholen. Die beste Garantie dafür sei die Mitgliedschaft Bulgariens in der Europäischen Union.