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Alexanders Stadt

Von Martyna Czarnowska

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In Skopje huldigen Politiker alten Helden und verdrängen aktuelle Probleme.


Es ist eine bizarre Welt. Sie ist erst in den letzten paar Jahren mitten im Zentrum der Stadt entstanden, in einer Mischung aus Größenwahn und Prunksucht. Prachtbauten, die wie aus Pappmache gefertigt wirken, reihen sich am Ufer des Vardar-Flusses aneinander. Das Verfassungsgericht, das Außenministerium, das archäologische Museum sind in den Gebäuden im neoklassizistischen und Zuckerbäcker-Stil untergebracht. Gleich neben der osmanischen Steinbrücke wurde ein neuer Übergang gebaut. Auf der Brüstung drängen sich die Statuen von Künstlern, Wissenschaftern und Politikern. Dazwischen immer wieder Alexander der Große - als Skulptur auf dem Hauptplatz, als Relief auf einem Triumphbogen, als Fresko auf einem Haus. Auch der Mutter des Königs wurde ein Denkmal errichtet. In überlebensgroßer Form und vierfacher Ausführung ziert die Statue der Frau einen Brunnen: Olympias als Schwangere, mit dem Säugling an der Brust, dem Kleinkind auf dem Schoß. Die Verehrung für Alexander stößt jenseits der Grenze, in Griechenland, das sich weit mehr als kultureller Erbe des Hellenismus sieht, auf Widerwillen. Dort wird die Vereinnahmung des Eroberers durch den Nachbarn ebenso abgelehnt wie dessen Name: Mazedonien. Immerhin heißt eine griechische Provinz genauso.

In Skopje, der Hauptstadt der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik, bildet der Namensstreit mit Athen aber nur einen Teil der Probleme. Eine Regierungskrise schwelt dort seit Jahren, Abhör- und Korruptionsskandale sorgen für zusätzlichen Unmut in der Bevölkerung, die erwünschte Annäherung an die Europäische Union stockt. Die Hoffnung, dass die - vor kurzem für Dezember fixierte - vorgezogene Parlamentswahl das politische Chaos ordnet, ist begrenzt.

Und statt sich um all das zu kümmern, seien die Regierenden damit beschäftigt gewesen, Protzbauten zu errichten, die vom "Geschmack von Provinzlern" zeugen. So urteilt Bojan, der auf einige sportliche Erfolge als Kajak-Fahrer in seiner Jugend zurückblicken kann und nun als Taxi-Unternehmer arbeitet. Er ist selbst aus Skopje, kennt die Stadt, erkennt diese aber seit einigen Jahren nicht wieder. Über die neuen Statuen, Gebäude, Brunnen, Triumphbögen kann er nur schimpfen: "Sollen sich die Politiker das doch im eigenen Garten aufstellen und selbst bezahlen! Aber stattdessen verschwenden sie Steuergeld und bereichern sich auch noch auf unsere Kosten." Wie viele Millionen Euro in die Neugestaltung des Zentrums geflossen sind, wissen nur wenige. Aber für die meisten ist es zu viel, in einem Land, in dem mehr als ein Viertel der Bevölkerung keinen Job hat und das durchschnittliche Einkommen gerade einmal bei 500 Euro liegt.

Seufzend sagt Bojan einen Satz, der in den Balkan-Staaten immer wieder zu hören ist: "Früher, als es noch Jugoslawien gab, war das Leben ganz anders, besser." Es gab Arbeit, ein wenig Wohlstand und größeren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Damals konnte Bojan viel reisen, unter anderem nach Deutschland und nach Österreich. Schön sei es dort gewesen. Mazedonien sei auch ein schönes Land. "Und was machen die Politiker daraus?" Statt einer Antwort folgt wieder ein Seufzen.