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Alfred Engel

Von Tamara Slavik und Gerald Schmickl

Reflexionen

Wiener Zeitung: Herr Professor Engel, die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 werfen, wenn man etwa an die Umweltbedingungen denkt, buchstäblich ihre Schatten voraus. Was haben die Spitzensportler dort zu erwarten? | Alfred Engel: Das ist eine zwiespältige Sache: Auf der einen Seite haben die Sportler sicher hervorragende Einrichtungen zu erwarten, auf der anderen Seite aber eine ihnen unbekannte, ungewohnte Umgebung, von der Sprache und von der Kultur her, darüber hinaus auch hinsichtlich der Umweltbedingungen. Das kann man nicht trainieren.


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Was raten Sie als Sportmediziner den Athleten?

Engel:Meine Präferenzen sind ganz klar: So spät wie möglich anreisen und sich davor unter optimalen Bedingungen vorbereiten. Es ist sicher nicht optimal, sich schon tagelang vorher dem Großstadt-Stress und dem zu erwartendem Abgassmog auszusetzen, den man dann ohnehin während der Spiele hat.

Als Hauptproblem in Peking gilt die Luftqualität. Es gibt eine Reihe von Sportlern, die Probleme mit den Atemwegen haben, manche von ihnen sind Asthmatiker. Viele Asthma-Mittel stehen aber auf der Doping-Liste. Wie sollen sich die Betroffenen verhalten?

Engel:Diese Olympischen Spiele sind eine Herausforderung für Asthmatiker - in jeder Hinsicht. Sie werden in Peking zusätzlich belastet und müssen daher sehr aufpassen. Ich glaube, dass bei der Vergabe von Olympischen Spielen künftig auf andere Bedingungen - wie Umweltauflagen, Lokalisation, Verkehrbedingungen- Rücksicht genommen werden sollte, dass es also in erster Linie um die Sportler gehen muss, die optimale Voraussetzungen brauchen, um Spitzensport auszuüben. Ich habe den Eindruck, dass derzeit lokale und internationale politische Interessen im Vordergrund stehen. Die Athleten müssen zu den Wettkämpfen antreten, egal, wie die Situation am Austragungsort ist. Ich finde, dass das IOC eine Verpflichtung hat, bestimmte Umweltstandards und Kriterien für die Vergabe festzulegen.

Es gab heuer Vorbereitungswettkämpfe in China. Sind die Bedenken bestätigt worden?

Engel: Zum Teil schon, etwa, was die Wasserqualität betrifft. Einige Segler haben Hautausschläge bekommen. Natürlich auch, was den Smog betrifft. Dem können wir nicht entkommen.

Beim Thema Olympische Spiele liegt das Thema Doping nahe. Es wird befürchtet, dass vor allem China sehr viele Möglichkeiten nutzt, um bestehende Doping-Gesetze zu umgehen, damit seine Sportler bei den Spielen im eigenen Land besonders erfolgreich sind. Was erwarten Sie?

Engel: Es hat sich gezeigt, dass während der Spiele stets sauber und flächendeckend kontrolliert wird. Was aber vor den Spielen in China geschieht, kann ich nicht beurteilen. Wir wissen, dass es in China eine Industrie gibt, die Doping-Mittel produziert, das lässt sich im Internet verfolgen.

Das macht die Sache jedoch nicht leichter, vor allem nicht bei Mitteln, die auf Designer-Basis entstehen und schwierig nachzuweisen sind. Wobei die Substanzen selbst oft gar nicht das Problem sind, sondern die Maskierung der Substanzen. Wenn man eine davon entdeckt hat, kann es ja durchaus sein, dass schon längst die nächste gestylte Droge im Umlauf ist.

Zuletzt hat es geheißen, man komme den schwarzen Schafen immer näher. Sie äußern sich diesbezüglich skeptisch. Ihrer Meinung nach hat sich an der Problematik also nichts Entscheidendes verbessert, und die Doping-Jäger hinken weiterhin jenen hinterher, die die Mittel produzieren bzw. anwenden.

Engel: Ja, vor allem deswegen, weil die Untersuchungen immer teurer werden. Wenn man das gesamte Spektrum an möglichen Dopingmitteln heute analysiert, kostet das mehr, als die gesamten Sportförderungsmittel betragen. Deshalb muss man nachdenken, wie weit man bei den Kontrollen gehen kann.

Was hat man vom Gen-Doping zu erwarten?

Engel: Wenn wir das nur wüssten! Bei Gen-Doping haben wir noch sehr wenige Erfahrungen, vor allem über die Auswirkungen. Machbar ist heutzutage alles. Das wirklich Beunruhigende ist, dass Gen-Doping im Vergleich zu allem, was beim Doping bisher möglich war, noch viel tiefer eingreift. Es kommt dadurch zu einer Veränderung des Menschen, es ist in gewisser Weise gar nicht mehr die ursprüngliche Person, die an den Start geht. Sie entspricht nicht mehr ihrem vormaligen genetischen Muster, hat eine andere Identität bekommen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem neuen österreichischen Anti-Doping-Gesetz? Glauben Sie, dass es für alle Fälle ausreichend ist?

Es weist sicherlich in die richtige Richtung. Doch manche Ideen gehen mir zu weit - wie etwa jene, dass man künftig auch Hobbysportler kontrollieren will. Doping ist, allgemein gesprochen, kein Problem des Sports, sondern der Gesellschaft. Meiner Meinung nach ist die regelmäßige Einnahme von Substanzen, welcher Art auch immer, ein Zeichen von Suchtverhalten. Und das fängt früh an, zum Teil schon in der Schule, wenn Kinder Beruhigungsmittel gegen Prüfungsstress nehmen . . . Daher muss mit der Suchtprävention schon in der Schule begonnen werden. Wenn Sie erst einem Erwachsenen sagen, du darfst das und das nicht nehmen, dann ist es eigentlich schon zu spät.

Aber Sportlern muss man es schon sagen dürfen.

Engel: Natürlich, aber auch Sportler kennen die Suchtproblematik. Sie sind süchtig nach Erfolg und Aufmerksamkeit. Doping ermöglicht ihnen beides. Das ist ein mentales Problem.

Ein anderes Problem ist es, dass es sich bei Doping nicht um Einzeltäter handelt, sondern dass, wie etwa im Radsport, ein System dahinter steckt. Ist der Radsport auf diesem Niveau, auf dem er heute ist, ohne Doping überhaupt vorstellbar?

Engel: Vorstellbar schon. Wenn alle nichts nehmen, wird es trotzdem einen geben, der am schnellsten ist. Ob man bei einer Etappe der Tour de France eine Stunde länger fährt, ist eigentlich nur ein Problem für die TV-Live-Übertragung.

Beim Radsport liegt das Problem aber tiefer, nämlich in der Struktur. So sind etwa ehemalige Dopingsünder, die von sich selbst behaupten, dass sie ihre Karriere ohne Doping nicht gemacht hätten, jetzt Radsportfunktionäre oder sogar sportliche Leiter. Kann dieses System denn geändert werden?

Ein Sportler - und das ist nicht nur im Radsport so - hat in seinem Leben ja oft nichts anderes gelernt und getan, als eben diese eine Sportart auszuüben. Folglich ist es nahe liegend, dass er sich nach seiner Karriere einen Job in diesem Sport sucht und seine Erfahrungen an die Jungen weitergibt. Und es gibt natürlich solche und solche Betreuer. Wenn ein junger, talentierter Fahrer jemandem in die Hände fällt, der ihm gewisse Mittel zur Leistungssteigerung empfiehlt, wird er die vielleicht ausprobieren. Wenn er dann wirklich gute Leistungen erbringt, wird er sie weiter nehmen - und damit ist die Sache gelaufen. . .

In Österreich hatten wir das Problem zuletzt im nordischen Skisport, bei den Langläufern und Biathleten, Stichwort Olympische Winterspiele Turin 2006. Das IOC vermutete ein System dahinter, weil es bekanntlich schon in Salt Lake City 2002 zu ähnlichen Vorfällen gekommen war. Wurde in der Zwischenzeit zu lasch mit der Sache umgegangen? Wurde wirklich genug getan und kontrolliert?

Engel: Kontrollieren kann man immer. Aber wenn Sie einen Sportler sieben Mal in einem Jahr kontrollieren, ist das, glaube ich, ausreichend. Ich finde, man sollte vor allem klären, mit welcher Häufigkeit in gewissen Sportarten solche Vorkommnisse auftreten. Auf diese Weise stoppt man das System, bei dem irgendwer willkürlich ausgewählt wird. Auf einer Ebene sollte man gruppenspezifische, auf der anderen stichprobenartige Kontrollen machen. Wie das vor und in Turin abgelaufen ist, und wer da aller involviert war, kann ich nicht sagen. Zwei Sportlern wurde bekanntermaßen Blutdoping nachgewiesen, die Konsequenzen daraus muss der Verband tragen.

Glauben Sie, dass das ÖOC aus dieser Affäre gelernt hat und für die kommenden Olympischen Spiele gerüstet ist?

Engel: Ich glaube, wir haben alle aus dieser Turiner Geschichte gelernt. In Österreich wäre das neue Antidopinggesetz und die Gründung der NADA ( Anm.: Nationale Anti Doping Agentur ) sonst wohl nicht so rasch erfolgt. Es war vollkommen neu, dass ein Land, nämlich Italien, auf Antrag des IOC aktiv wurde. Das Gleiche könnte in China 2008 geschehen, weil ein gleicher Vertrag mit dem Veranstalterland geschlossen wurde. Ein weiteres Problem ist, dass die gut gemeinte Qualitätsverbesserung durch externe Quartiere für Athleten nicht mehr kontrollierbare Möglichkeiten eröffnet. Daher sollte man auf das Olympische Dorf, also auf zentrale Quartiere, zurückgreifen. Dafür müsste aber auch die Qualität der Olympischen Dörfer verbessert werden.

Werden die österreichischen Athleten in Zukunft noch mehr unter Beobachtung stehen?

Engel: Davon bin ich überzeugt. Wir haben einen unglücklichen Status: Wir sind klein und in den internationalen Gremien wenig vertreten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ähnliches bei amerikanischen oder russischen Sportlern möglich wäre. Die Reaktion auf die Turiner Vorfälle in Österreich war aber in Ordnung: Man musste ein Gesetz machen, man musste eine Antwort geben. Es geht nicht an, dass man sagt: Wir haben einfach Pech gehabt. Die Sensibilität der Beteiligten ist also gestiegen.

Auch im ÖSV?

Engel: In allen Verbänden. Das zeigt aber auch, dass der Sport nicht länger ein Betätigungsfeld für Hobby-Funktionäre sein darf.

Sie glauben also, dass hierzulande in diesem Fall das Wesentliche getan worden ist?

Engel: Erreicht ist noch lange nicht alles, aber die Gesetzeslage ist zumindest klar. Was das ÖOC anbelangt, wurde das Wesentliche getan. Jetzt sind die Verbände am Zug.

Aber es gibt ja auch die Eigenverantwortlichkeit des Athleten. Da gibt es etwa welche, die sagen, sie werden lieber sauber Dreißigster, als gedopt Fünfter oder Zehnter. Müssen sich Sportler heute zwischen Integrität und Erfolg entscheiden?

Engel: Ja, sie müssen sich entscheiden. Und diese Entscheidung kann ihnen niemand abnehmen. Allerdings macht es die Öffentlichkeit den Athleten nicht leicht. Wenn man sich die Medien anschaut, werden darin doch all jene kritisiert, die nicht an bessere Platzierungen herankommen.

Viele Sportler sind aber auch etwas wehleidig, was mediale Kritik betrifft. Im Spitzensport geht es nun einmal um Erfolg...

Engel: Stellen Sie sich vor: Sie sind Sportler, trainieren wirklich sauber und bekommen medial ständig eine über den Schädel. Das reicht Ihnen irgendwann. Dann gibt´s zwei Möglichkeiten: Entweder Sie hören mit dem Sport auf, oder Sie versuchen, auf irgendeinem Weg zum Erfolg zu kommen, damit alle zufrieden sind . . .

Wie sehen Sie die Rolle der Ärzte in der Doping-Szene? Wie weit sind sie daran beteiligt?

Engel: Zum Doping-System gehören immer mehrere: Der die Substanzen produziert, der sie kauft, der berät, und der sie anwendet. Aber nur die Ärzte werden verantwortlich gemacht, weil sie die einzige Gruppe sind, derer man habhaft werden kann, nämlich über das Ärztegesetz - und das kann bis zum Berufsverbot führen. Die anderen erwischt man nicht.

Bei Verbandsärzten stellt sich die Frage freilich anders - wie ist deren Rolle in dem System?

Engel: Der Verbandsarzt ist ja nicht immer der betreuende Arzt der Sportler, er ist für die Organisation und die Strukturierung bei Wettkämpfen verantwortlich. Wenn sich ein Athlet einen Arzt seines Vertrauens sucht, und mit ihm krumme Dinge dreht, von denen er dem Verbandsarzt nichts sagt, kann der auch nichts wissen. Man kann Verbandsärzte also nicht für alles verantwortlich machen. Wichtig wäre vor allem, dass man den Anti-Doping-Beauftragten in den Verbänden endlich einen höheren Stellenwert einräumt, und dass nicht länger Laien zu Anti-Doping-Beauftragten bestellt werden, die von Medikamenten keine Ahnung haben. Das wäre eine klassische Aufgabe für den Verbandsarzt.

Was spricht dagegen?

Engel: Dass einzelne Verbände Widerstand leisten, weil sie fürchten, dass der Arzt mehr Informationen bekommt, als dem Verband lieb ist. Daher wird jemand anderer beauftragt. Der Verbandsarzt sollte aber gleichzeitig ein Vertrauensarzt sein, mit dem der Athlet sprechen kann. Im Gespräch kann man viele Dinge klären und auch verhindern.

Im Freizeitsport gibt es andere Probleme. Einerseits wird allen Menschen eingetrichtert, wie gesund Sport sei, andererseits gibt es viele Verletzungen, Überbeanspruchungen usw. Wie viel Sport ist Ihrer Meinung nach gesund?

Engel: Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Es ist allerdings schwer zu definieren, was Sport überhaupt ist. Manche Menschen mit Herz-Problemen etwa gelangen schon an ihre Leistungsgrenze, wenn sie ein paar Stockwerke zu Fuß hinauf steigen müssen. Wenn man Sport aber als eine regelmäßige körperliche Betätigung sieht, ist sie dann ideal, wenn sie in einem bestimmten Rahmen bleibt. Jeder glaubt, er tut sich mit Sport etwas Gutes, und vergisst dabei, dass regelmäßiges Training der Kontrolle bedarf. Wenn man sich die Trainingspläne von manchen Hobbysportlern ansieht, so sind die oft umfangreicher als jene von Spitzensportlern - das ist sinnlos und auch gefährlich. Es gibt Fanatiker, die sich wie "Lemminge" aufführen: Die rennen unwissentlich über die Klippe. Die machen Materialtests am eigenen Körper, aber das hat nichts mehr mit Sport als Bewegungsausübung zu tun. Positiv ist aber, dass sich die öffentliche Meinung geändert hat: Heute ist man kein Exote mehr, wenn man läuft.

Also alles mit Maß, Ziel und Kontrolle...

Engel: Ja, man kann Sport bis ins hohe Alter betreiben, aber man muss ihn sich einteilen. Manche haben ihre Gelenke schon nach zwei Jahren Lauf- oder Krafttraining derart geschädigt, dass sie fast gar nichts mehr machen können. Diesen Menschen muss man raten und helfen, mit ihnen gemeinsam überlegen, welche anderen Sportarten für sie besser wären. Sportberatung ist meiner Meinung nach noch viel zu wenig entwickelt - sowohl für junge Menschen, die mit dem Sport erst beginnen wollen, als auch für Ältere. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass noch kein Sportler älter geworden ist als ein Nicht-Sportler.

Sport ist eine eigene Erlebnis-Welt. Der eine geht lieber in die Oper, der andere malt gerne, der dritte betreibt eben Sport. Jeder hat seine eigenen Bedürfnisse. Wobei Menschen, die sich bis ins hohe Alter regelmäßig bewegen, zweifellos mobiler bleiben.

Alfred Engel, geboren 1950 in Krems an der Donau. Realschule in Krems, Matura 1970. Medizinstudium in Wien, Promotion 1977. Im selben Jahr Antritt einer Stelle in der Chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Krems. Ab 1978 an der Orthopädischen Universitätsklinik Wien (bei Prof. Chiari). 1980 Gründung einer Sportorthopädischen Ambulanz an der Orthopädischen Universitätsklinik Wien. Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie 1983. Studienaufenthalte in den USA, Kanada, Deutschland und der Schweiz.

Am 31. Dezember 1990 Habilitation im Fach Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Ab 1989 Stellvertreter des Klinikvorstands an der Orthopädischen Universitätsklinik in Wien. Seit 1994 Vorstand der Orthopädischen Abteilung im Donauspital. 1996 Zuerkennung des Titels eines a.o. Professors. Alfred Engel ist Facharzt für Sportorthopädie, Teamarzt der österreichischen Olympiamannschaft und Leichtathletik-Verbandsarzt.