Zum Hauptinhalt springen

Aliens - die eingeschleppte Gefahr

Von Petra Tempfer

Politik

Großer finanzieller Schaden, Resultat der steigenden Zivilisation. | "Dauernde Überwachung der Situation nötig." | St. Pölten/Wien. Im Wienerwald unter Palmen wandern und dabei dem Gezwitscher exotischer Vögel lauschen. "Was heute noch Utopie ist, kann schon bald Realität werden", meint Franz Essl, Botaniker vom Umweltbundesamt, dazu. Ermögliche doch die Klimaerwärmung kälteempfindlichen Pflanzen und Tieren, bei uns heimisch zu werden - wie es in der Vergangenheit bereits passiert ist.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Als Überbringer dient zumeist der Mensch, der bewusst oder unbewusst die Exoten mit im Reisegepäck hat. Mit der steigenden Zivilisation holt er sich auch immer mehr Aliens ins Land.

Diesen nach Österreich eingeschleppten Arten ist die Ausstellung "Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft" gewidmet, die vom 14. März bis 13. Februar 2011 im St. Pöltener Landesmuseum zu sehen ist. "Damit wollen wir vor allem Aufklärung betreiben", erklärt der Zoologe Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt, der mit Essl die Ausstellung gestaltet hat. Die Etablierung vieler gebietsfremder, dafür umso opportunistischerer Arten fordere nämlich akute Gegenmaßnahmen - mit denen auch der jüngste Alien, der Schweinegrippe-Virus, bekämpft worden ist.

Auch die Tropenkrankheit Malaria, deren Erreger durch Stechmücken übertragen werden, könnte sich aufgrund des Klimawandels in Europa ausbreiten. Eine Vorstellung, die Schreckensszenarien der Vergangenheit in Erinnerung ruft: als etwa im 14. Jahrhundert die Beulenpest aus Ostasien nach Europa eingeschleppt wurde und Millionen Menschen starben.

Fast ein Drittel Aliens

"Damit nicht neue Krankheitserreger und -überträger Einzug halten, ist eine dauernde Überwachung der Situation das Gebot der Stunde", betont Horst Aspöck (Med-Uni Wien). Und beruhigt zugleich, dass die Ausbildung neuer Herde durch die gute medizinische Versorgung zumeist verhindert werden könne.

Doch nicht immer sind die Aliens mikroskopisch klein. Vielmehr stellen bereits rund 31 Prozent aller Gefäßpflanzen in Österreich eingeschleppte Arten dar. Bei den Tieren sind es lediglich 1,4 Prozent. So breitete sich etwa der wärmeliebende Asiatische Marienkäfer hier vor wenigen Jahren aus, als er aus Glashäusern entkam, wo er zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt wurde. Fressen die Larven der orangen Sechsbeiner doch bevorzugt Blattläuse - wie auch ihr heimisches Pendant. "Der Alien ist nur viel größer", berichtet Rabitsch, "und dessen Larven fressen jene unseres Marienkäfers einfach auf."

Die importierten Fressmaschinen verschlingen in einem Sommer nicht nur sämtliche Larven, sondern auch alle Blattläuse - weshalb sie sich im Herbst über Österreichs Weintrauben hermachen. "Nun wird der Käfer auch noch zum Wirtschaftsschädling", sagt Rabitsch und vergleicht mit Amerika: Hier bevölkert der kugelige Alien so zahlreich die Weingärten, dass er - indem er mitgeerntet wird - dem Wein einen bitteren Beigeschmack verleiht. Die jährlichen Schäden durch sämtliche Aliens in Europa werden auf zwölf Milliarden Euro geschätzt.

Nicht Weintrinker, sondern Allergiker leiden hingegen unter dem Beifußblättrigen Traubenkraut - der Ambrosia. "Die aus Nordamerika stammende Pflanze mit ihren hoch allergenen Pollen braucht eine lange warme Periode, um sich zu entwickeln", erklärt Essl. Die immer wärmeren Sommer der letzten Jahre hätten zu ihrer Verbreitung in Österreich geführt. Ihr Samen verberge sich in Vogelfutter-Produkten. Deren "Einreise" passiert somit unbeabsichtigt. Zierpflanzen gelangen hingegen nicht zufällig ins Land. So wurde etwa der großblättrige, Japanische Staudenknöterich aus Ostasien in die heimischen Gärten importiert - aus denen er jedoch sehr bald ausbrach, um mit seinen unterirdischen Ausläufern sämtliche Aupflanzen zu verdrängen.

Die Bisamratte, die in der Au mitunter einen Staudenknöterich quert, ist übrigens auch nicht heimisch: Sie wurde wegen ihres Pelzes vor etwa 100 Jahren aus Nordamerika importiert. Als blinder Passagier wurde die Wanderratte ab dem 16. Jahrhundert aus Asien in alle Kontinente verschleppt. Der intelligente Nager kann zahlreiche Krankheitserreger wie Typhus übertragen.

Per Schiff, Bahn, Auto oder Flugzeug - es gibt viele Wege, über die Aliens ins Land kommen. "Seit der Mensch wandert, hat er Dinge im Gepäck", meint Rabitsch. Das Überwinden von Grenzen habe mit der Entdeckung Amerikas begonnen.

Einreise im Handgepäck

Vor Millionen Jahren haben ganz andere Arten die Welt beherrscht. So bevölkerten laut Paläontologischer Abteilung des Naturhistorischen Museums vor 16,5 Millionen Jahren Delfine und Haie das Wiener Becken, das von einem Tropenmeer erfüllt war. Achteinhalb Millionen Jahre später, als das Wasser im Becken aussüßte und subtropisches Klima herrschte, klebten im Südburgenland Geckos auf den Bäumen, durchstreiften Warane die Wälder und trieben Kobras ihr Unwesen. Bis sie langsam vor dem kälter werdenden Klima flohen.

Viele dieser Arten werden trotz des Klimawandels aus geologischen Gründen nicht zurückkehren. Anderen wiederum wird ihre Rückkehr im Handgepäck von Reisenden leicht gemacht. Mit Sicherheit wird sich daher die Zusammensetzung der Natur schneller als in der geologischen Vergangenheit ändern. Als bereits Palmenwälder und Mangroven die Ufer des Wiener Beckens säumten und hier noch nicht als Aliens galten.