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Alle Kraft für Kirkuk

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die Kurden wollen die alte Ölstadt nie wieder hergeben - westliche Waffen und militärisches Gerät werden für ihre Verteidigung eingesetzt.


Kirkuk. Das "Jerusalem der Kurden" liegt auf einer riesigen Ölblase und heißt Kirkuk. Gleich nach der Einfahrt in die eine Million Einwohner zählende Stadt im Nordirak sieht man rechts die ewig leuchtenden Feuer. "Hier liegt das älteste Ölfeld Iraks", erklärt Jalil Hammadi und zeigt auf die Flamme, die hinter der Umzäunung lodert. Umgeben von einigen Bohrtürmen, stößt sie das bei der Ölförderung anfallende Gas in die Luft. "Ja, ich weiß", sagt Hammadi, "wir vergeuden hier Unmengen Energie, aber wir haben momentan andere Sorgen."

Der 52-jährige Iraker in brauner Hose und gestreiftem Hemd ist Chef der Rohöl-Abteilung der staatlichen Marketing Organisation, die das Öl Iraks in alle Welt verkauft und darauf achten soll, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Aber das tut es derzeit nicht. Normalerweise fördern die Ölfelder in und um Kirkuk bis zu 700.000 Fass pro Tag. Seit der Invasion der Terrorgruppe IS - Islamischer Staat - im Juni stehen die Pumpen still. "Das liegt zum einen daran, dass die Dschihadisten sich einige Felder in der Nähe Kirkuks einverleibt haben", erklärt der Marketing-Chef die Lage, "zum anderen daran, dass die kurdischen Peschmerga Kirkuk besetzt und unter ihre Kontrolle bringen konnten". Hammadi ist von der Zentralregierung in Bagdad angestellt, die die Hoheit über Kirkuk verloren hat. Er wurde gefragt, ob er für die Kurden arbeiten oder Kirkuk verlassen will. "Ich glaube, ich gehe", sagt der Ingenieur noch etwas unentschlossen. Er sei Araber, begründet er seine Überlegung, und die würden unter einer kurdischen Herrschaft nicht gern gesehen.

Vor 87 Jahren haben Forscher das Öl im Irak entdeckt. Auf einem Feld in Kirkuk. Sie nannten es Baba Gurgur, der alte Name Kirkuks. Ab 1934 begann die systematische Förderung des schwarzen Goldes. Seitdem ist sein Siegeszug nahezu ungebremst. Neueste Studien haben ergeben, dass der Irak nach Saudi-Arabien das ölreichste Land der Welt ist. "Das Öl ist uns Segen und Fluch zugleich", sagen die Menschen in Kirkuk. Momentan überwiege der Fluch, denn das Öl schaffe Begehrlichkeiten: "Wären wir arm, würde nicht so viel Blut fließen." Schon Saddam Hussein hat deswegen ein Gemetzel veranlasst und tausende Kurden Kirkuks ermorden, vertreiben oder deportieren lassen, um dann Araber hier anzusiedeln. Die uneingeschränkte Kontrolle über das Öl und damit die Stadt war ihm danach bis zu seinem Sturz 2003 sicher. Für die Kurden aber blieb Kirkuk "das gelobte Land". Jalal Talabani, bis vor kurzem Präsident von Gesamt-Irak, prägte schon 1992 den Terminus "Jerusalem von Kurdistan". Ohne Kirkuk wäre ein unabhängiger kurdischer Staat nicht überlebensfähig.

"Kampf um Leben und Tod"

Khaled Shwani bittet zum Tee in sein Haus im mehrheitlich von Kurden bewohnten Nordosten Kirkuks. Der quirlige, kleine Mann Ende 40 gehört derselben Partei an wie Talabani. Die PUK - Patriotische Partei Kurdistans - hat bei den Parlamentswahlen am 30. April die meisten Stimmen in Kirkuk erhalten, doch dieses Mal hat sich Shwani nicht zur Wahl gestellt. Zwei Mal gehörte er bereits dem Parlament in Bagdad als Abgeordneter an, war zuletzt Vorsitzender des Rechtsausschusses. Nun wartet er auf einen Ministerposten im neuen Kabinett, das eigentlich bis Mitte September gebildet sein müsste. Aber der designierte Premier, Haider al-Abadi, tut sich schwer. Sein schiitischer Vorgänger Nuri al-Maliki will weiterhin entscheidend mitmischen, was weder Kurden noch Sunniten akzeptieren wollen. "Alle Kraft für Kirkuk" ist die Losung für Schwani und die anderen kurdischen Politiker. "Es ist ein Kampf um Leben und Tod." Kirkuk werde nie wieder an Bagdad zurückgegeben, sagt er bestimmt. Darüber seien sich die Kurden einig. Die besten Divisionen der Peschmerga seien in Kirkuk zusammengezogen. Natürlich werde man die Stadt auch mit den geschenkten Waffen aus Deutschland und Europa verteidigen, sagt er noch kurz. Dass die Peschmerga-Soldaten unzureichend ausgerüstet sind, ist ein offenes Geheimnis. Doch Kurdenpräsident Masoud Barzani weiß auch, dass Waffen und Munition allein keinen Sieg über die Terrormiliz IS verheißen. Denn militärisches Gerät gibt es in der Region mehr als genug. Immer wieder werden riesige Arsenale entdeckt und ausgehoben. Saddam Husseins Armee war bestens ausgerüstet. Nach dem Krieg gegen Iran Ende der 1980er Jahre verfügten die Iraker über die modernste Kriegsmacht in der Region. Der Westen lieferte dem Diktator die neuesten Gerätschaften gegen den Erzfeind in Teheran.

Nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003 fielen diese Depots zunächst den Amerikanern zu, danach den schon damals sunnitischen Aufständischen und jetzt IS. Es seien also nicht nur Waffen und militärisches Gerät, was gebraucht würde, so Barzani, sondern auch Ausbilder. Die Peschmerga seien ursprünglich Freiheitskämpfer, für den Guerillakampf trainiert. Einer gut ausgerüsteten Armee, wie sie IS inzwischen aufstellt, seien sie nicht gewachsen. Von Anfang an hat es vonseiten der kurdischen Militärführung Bedenken gegeben, ob die über 1000 Kilometer lange Grenze zum von den Dschihadisten ausgerufenen Kalifat überhaupt zu kontrollieren ist. Die Blitzinvasion der islamistischen Gotteskrieger hatte den Kurden buchstäblich über Nacht fast 40 Prozent mehr Territorium beschert. Peschmerga-Kämpfer standen in der Provinz Ninenve an der syrischen Grenze, kontrollierten Teile von Salahaddin und Dijala.

Die IS-Angriffswelle vor fast vier Wochen drängte sie nun in ihre ursprünglichen Autonomiegebiete zurück. Was sie gewonnen hatten, haben sie wieder verloren - bis auf Kirkuk.