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Alle lieben Weihnachten - wirklich alle?

Von Alexandra Grass

Wissen
Das Phänomen der Weihnachtsstimmung, Horrorfilme und Bob Dylan sind Inhalte der BMJ-Weihnachtsstudien.
© Tanneau)

Jährlich wiederkehrend präsentiert das "British Medical Journal" zur stillen Zeit ganz spezielle Studien.


Wien. In welcher Gehirnregion befindet sich das Phänomen der Weihnachtsstimmung? Bringen Horrorfilme das Blut zum Stocken? Wie oft zitieren Forscher Bob Dylan? Antworten auf Fragen wie diese liefert die aktuelle Ausgabe des renommierten "British Medical Journal".

Für gewöhnlich muss sich der Leser am 1. April darauf gefasst machen, in den Medien allerlei Skurriles vorzufinden. Beim britischen Humor verhält es sich aber gänzlich anders. Jahr für Jahr wählt das Fachblatt gerade die Zeit um Weihnachten für die Veröffentlichung ganz spezieller Studienergebnisse, die zum Schmunzeln einladen - frei nach dem Motto "Merry Christmas", wie man sich in Großbritannien zuruft. Fröhlich und erheiternd wird auch das Fest selbst begangen.

In Österreich stehen beim Weihnachtsfest hingegen eher Ruhe und Gediegenheit auf der Tagesordnung. Damit zeigen sich, was die weihnachtliche Stimmung betrifft, abhängig von der Tradition, unterschiedliche Formen. Dann gibt es allerdings auch Menschen, in denen mag die Weihnachtsstimmung so gar nicht aufkommen - sie sind vom sogenannten "Bah! Humbug!-Syndrom" befallen, wie es Wissenschafter scherzhaft formulieren. Jener Einstellung zu Weihnachten, die nicht zuletzt durch Ebenezer Scrooge, jenem Geizhals aus Charles Dickens "A Christmas Carol", Popularität erlangte.

Weihnachten im Gehirn

Um Menschen, die zu "Weihnachtsstimmungs-Defiziten" neigen, helfen zu können, hat ein Forscherteam um Bryan T. Haddock vom Rigshospitalet der Copenhagen University jenes Zentrum im Gehirn lokalisiert, das für genau dieses Gefühl zuständig ist. Für jenen Mix aus Freude und Nostalgie assoziiert mit Fröhlichkeit, herrlichen Gerüchen und einem geschmacklichen Feuerwerk.

Mittels Magnetresonanztomographie konnten die Forscher in einem Vergleichstest zwischen zehn Probanden, die die Weihnachtszeit als stimmungsvoll erachten, und zehn Scrooge-ähnlichen Individuen, fünf Gehirnbereiche eruieren, die in der ersten Gruppe dann Aktivität zeigten, wenn weihnachtliche Bilder vorgelegt wurden. Diese zerebralen Regionen werden für gewöhnlich mit Spiritualität und somatischen Sinneseindrücken assoziiert.

Die Forscher geben allerdings eines zu bedenken: "So etwas Magisches und Komplexes wie die Weihnachtsstimmung kann nicht allein mit der Gehirnaktivität vollständig erklärt werden." Weitere Studien seien notwendig, um auch potenziell andere Verschaltungen im Gehirn in Bezug auf traditionelle Feste wie Ostern, das jüdische Hanukkah, das islamische Fest des Fastenbrechens oder das hinduistische Lichterfest Diwali zu verstehen.

Weniger weihnachtlich, aber dennoch stimmungsvoll klingt wiederum eine Studie einer Forschergruppe um Carl Gornitzki des Karolinska Instituts in Stockholm, die sämtliche Bob-Dylan-Zitate in der medizinischen Fachliteratur zusammengetragen hat. Schon vor 17 Jahren veröffentlichten die Forscher Jon Lundberg und Eddie Weitzberg ihre Publikation "Nitric Oxide and Inflammation: The Answer Is Blowing in the Wind" im Fachblatt "Nature". Darin ging es um die Stickstoffmessung in den Atemwegen und im Darm. Im Laufe der Jahre sollten noch viele weitere Zitate folgen. Der US-Musiker Bob Dylan ist damit zur Quelle der Inspiration für Mediziner geworden. Die am meisten zitierten Songs waren die Klassiker "The Times They Are A-Changin" (135 Zitate) und eben "Blowin’ In The Wind" (36).

Wenn das Blut stockt

Gerade Dylan zeigte auch in einem seiner Lieder - "Don’t Fall Apart On Me Tonight" - großen Respekt gegenüber dem Ärztetum, in dem es übersetzt heißt: "Ich wünschte, ich wäre ein Doktor, vielleicht hätte ich ein paar Leben gerettet, vielleicht hätte ich Gutes in der Welt getan, anstelle jede Brücke abzubrennen, die ich überquerte."

Ein anderes Forscherteam widmete sich ebenso der Unterhaltungssparte und nahm Horrorfilme zum Anlass, um den Einfluss auf die Zuseher zu messen. "Horrorfilme können das Blut zum Stocken bringen", berichten die Wissenschafter vom Leiden University Medical Center in den Niederlanden. Und tatsächlich konnten sie anhand von Blutproben ihrer Probanden, denen sie Horrorfilme und harmlose Dokumentationen zeigten, nachweisen, dass bei grauenerregenden Szenen auf der Leinwand der Blutgerinnungsfaktor 8 ansteigt.

Der Faktor 8 ist ein in der Leber gebildeter Eiweißstoff, der bei der Blutgerinnung eine wichtige Rolle spielt. Ein Mangel führt zur Bluterkrankheit, ein Überschuss zu Thrombosegefahr. Der englische Terminus "bloodcurdling", um ein Gefühl extremer Angst zu beschreiben, sei demnach gerechtfertigt.

Bei den angeführten Studien handelt es sich übrigens um echte wissenschaftliche Arbeiten, wie die Autoren und Herausgeber des "British Medical Journal" betonen. Sie haben alle auch den üblichen Peer-Review-Prozess durchlaufen - seien also von Fachkollegen beurteilt worden. Dies zeigt, dass Wissenschaft nicht immer trocken und humorlos sein muss - frei nach dem Motto: "Merry Christmas".