Zum Hauptinhalt springen

Alle Macht den Muslimbrüdern

Von Ines Scholz

Politik

Die säkularen Kräfte fühlen sich immer stärker an den Rand gedrängt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Kairo. Am Sonntag endet in Ägypten die Bewerbungsfrist für die Präsidentschaftskandidaten. Erst dann sollte der Wahlkampf so richtig losgehen. Doch so lange wollte Khariat al-Shater nicht warten. Der 62-jährige Multimillionär hat die Mission, den Muslimbrüdern nach deren haushohen Sieg bei der Parlamentswahl nun auch noch das höchste Staatsamt zu sichern. Und die Chancen der Islamisten, die letzte Runde im Kampf um das Machterbe des im Februar 2011 gestürzten Mubarak-Regimes gegen die säkularen Revolutionskräfte für sich zu gewinnen, stehen gut.

Am Donnerstag rührte Al-Shater für sich schon einmal kräftig die Werbetrommel: Er werde im Land die Scharia, die islamische Rechtsprechung, einführen, sollte er die Wahl am 23. und 24. Mai gewinnen, erklärte der Vater von zehn Kindern, der in Ägypten ein weitläufiges Wirtschaftsimperium aufgebaut hat und während der Mubarak-Herrschaft 12 Jahre in Haft saß, bei einer Versammlung einer islamistischen Vereinigung. Dies sei sein "primäres und endgültiges" Ziel. Bisher lautete die Formel: Errichtung eines "zivilen Staat mit islamischem Bezug".

Bei den weniger gebildeten Schichten und der Landbevölkerung, die im Land die Mehrheit stellen, kommen solche Töne gut an. Es war die erste öffentliche Stellungnahme Shaters, seit sich die Muslimbrüder Ende März entgegen früheren Zusicherungen schließlich doch dazu entschlossen hatten, einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Dass die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit so dreist ihr Versprechen brach, sorgte vor allem bei den säkularen Kräften für helle Empörung. Diese hatten insgeheim darauf gehofft, dass die Islamisten ihnen im Zuge einer stillen postrevolutionären Machtteilung zumindest das Präsidentenamt überlassen. Lange Zeit galt denn auch Amr Moussa, der zur Opposition gewechselte Ex-Außenminister, als aussichtsreichster Mubarak-Nachfolger.

Die Muslimbrüder rechtfertigten ihren Meinungsumschwung damit, dass der "demokratische Prozess in Ägypten bedroht" sei - eine Anspielung auf die beharrliche Weigerung des regierenden Militärrats, die Macht an eine Zivilregierung abzutreten. In dem von General Mohammed Hussein Tantawi geführten und im Volk verhassten Rat sitzen Gefolgsleute des Mubarak-Regimes, die um ihre Pfründe fürchten.

Andere glauben, dass die Muslimbrüder nur deshalb einen eigenen Kandidaten in Rennen geschickt haben, um die Gerüchte zu zerstreuen, sie würden mit den Generälen gemeinsame Sache machen. Angeblich hatten sich die Islamisten mit den Militärs bereits auf einen gemeinsamen Kandidaten, Ex-Informationsminister Mansur Hassan, geeinigt - was Al-Shater nach Bekanntgabe seiner Kandidatur heftig dementierte. Einen weiteren herben Rückschlag erlitt das Mubarak-Lager am Donnerstag mit dem Rückzug von Mubaraks ehemaligem Geheimdienstchef und kurzzeitigem Vizepräsidenten Omar Suleiman. Ihm fehlten die finanziellen und organisatorischen Mittel für einen Wahlkampf, erklärte der 77-Jährige. Er hätte, da er von keiner Parlamentspartei nominiert wurde, 30.000 Unterstützungs-Unterschriften benötigt.

Weiter im Rennen sind hingegen neben Al-Shater mindestens drei weitere islamistische Kandidaten, unter ihnen der radikale Salafist und Verfechter des Pflichtschleiers für Frauen, Hazem Salah Abu Ismail. Er beschuldigte die Muslimbrüder kürzlich, ihn mit Intrigen aus dem Rennen werfen zu wollen.

Unter den säkularen Kandidaten befindet sich unter anderen der erst kürzlich vom Militärrat begnadigte prominente Ex-Oppositionspolitiker und Gewerkschafter Ayman Nour von der Ghad-Partei sowie die Demokratieaktivistin Buthaina Kamel. Schon im Jänner den Hut geworfen hatte der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEO, Mohammed ElBaradei.