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Alle reden von Nicola

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Sie ist selbst in England beliebt: Nicola Sturgeon, die Chefin der schottischen Nationalisten. Bei der Regierungsbildung in Großbritannien könnte sie eine Schlüsselrolle spielen.


Edinburgh/London. Sie selbst steht gar nicht zur Wahl. Und im Großteil des Landes kann man nicht mal ihrer Partei die Stimme geben. Dennoch findet sich Nicola Sturgeon im Mittelpunkt allen Interesses vor den britischen Unterhauswahlen am 7. Mai. Die schottische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP) darf mit einem Wahltriumph in vier Wochen rechnen - und hält womöglich den Schlüssel für die Regierungsbildung in Händen.

Sturgeon, die Ende vorigen Jahres in Edinburgh den langjährigen SNP-Chef Alex Salmond ablöste, sieht sich zurzeit auf einer Woge unverhoffter Sympathien. Alle reden neuerdings von "Nicola". Die Glasgower Anwältin ist binnen weniger Tage auch für ihre Landsleute "im Süden" zum festen Begriff geworden.

Gegen den "Old-Boys-Club"

Zwei selbstbewusste Fernsehauftritte bei Wahldebatten haben "die Lady in Rot" zum Star der Wahlkampf-Show dieses Jahres erhoben. Ausgerechnet eine schottische Separatistin stößt in England auf offene Bewunderung. Denn zusammen mit zwei anderen Politikerinnen, den Parteichefinnen der walisischen Nationalisten (Plaid Cymru) und der britischen Grünen, wirbt Sturgeon für eine gepfefferte "progressive Alternative", die "den Old-Boys-Club des Westminster-Establishments" ganz schön aufschrecken soll.

Statt weiterer drastischer Haushaltskürzungen und verschärfter Austerität in den nächsten Jahren will die weibliche Troika nämlich "maßvolle Investitionen" im öffentlichen Bereich durchsetzen. Sie will Wohlfahrtssysteme erhalten, die Privatisierung des nationalen Gesundheitswesens verhindern, den Gratis-Zugang zu Hochschulen ausweiten, aller "Anti-Immigranten-Hetze" wehren und die im schottischen Hafen Faslane stationierte britische Atomraketen-U-Boot-Flotte Trident (vorsichtig) verschrotten lassen.

In Schottland selbst hat sich Sturgeons SNP seit dem verlorenen Unabhängigkeits-Referendum des letzten September als zunehmend attraktive Alternative zur einst dominierenden Labour Party erwiesen. Die Umfragen geben der SNP in ihrem Operationsgebiet rund 45 Prozent der Stimmen. Labour kommt bei den Schotten gerade noch auf 28 (landesweit auf 33) Prozent.

Das würde wegen des Mehrheitswahlrechts Sturgeons Partei mindestens 40 der 59 schottischen Unterhaus-Mandate verschaffen - und sie damit wohl zur drittstärksten Partei in Westminster machen. Denn niemand glaubt, dass Nick Cleggs Liberaldemokraten mehr als drei Dutzend Sitze holen werden.

Labour-Chef Ed Miliband könnte daher bei der Suche nach einem Regierungsbündnis nach der Wahl auf die SNP angewiesen sein. Er hat zwar bereits deutlich gemacht, dass er sich SNP-Minister in einem von ihm geführten Kabinett nicht vorstellen kann. Miliband hat aber, wohlweislich, die Tür zu einem lockeren Pakt mit der SNP offen gelassen.

Nicola Sturgeon hat mehrfach betont, dass sie sich auf jeden Fall an einer "fortschrittlichen Allianz" mit Labour in London beteiligen und Miliband gegen Cameron unterstützen würde. "Wenn es nach der Wahl eine Anti-Tory-Mehrheit gibt im Unterhaus, dann sollten wir beide gemeinsam David Cameron aus der Downing Street heraus halten - selbst wenn die Konservativen stärkste Partei sind", erklärte sie diese Woche bei einem Wahlauftritt.

"Gefährlichste Frau im Lande"

Die Konservativen, aufgeschreckt von der Aussicht, ausmanövriert zu werden, verbreiten bereits Wahlplakate, auf denen Ed Miliband dümmlich grinsend in der Rocktasche der SNP sitzt. Die Tory-treue "Daily Mail" hat Nicola Sturgeon zur "gefährlichsten Frau im Lande" deklariert.

Der ebenfalls konservative "Daily Telegraph" hat jüngst mit Hilfe von Notizzetteln aus dritter Hand aus dem Schottland-Ministerium die "Nachricht" verbreitet, Sturgeon habe in einem Gespräch mit Frankreichs Botschafterin Miliband als "minderwertiges Material als Regierungschef" verworfen und erklärt, sie sähe lieber Cameron weiter im Amt. Das ist von der Botschafterin ebenso wie von Sturgeon dementiert worden - wiewohl es natürlich auch im SNP-Lager die Kalkulation gibt, dass der Verbleib der Tories an der Regierung in London den Nationalisten in Schottland stärkeren Auftrieb geben würde.

Sturgeon jedenfalls will nicht ausschließen, dass sie bei einem erneuten SNP-Wahlerfolg im nächsten Jahr, bei den dann anstehenden Wahlen zum schottischen Parlament in Edinburgh, sich ein Mandat für ein erneutes Unabhängigkeits-Referendum holen möchte. Eine Entscheidung darüber steht noch aus. Fürs Erste will Sturgeon, im kühlen Paradox dieser Tage, der Labour Party in Schottland möglichst viele Sitze abjagen: um anschließend Geburtshelferin für eine Labour-Regierung in London zu sein.