Alle Schönheit muss zerfallen

Von Rudolf Bretschneider

Reflexionen

Jean Giraudoux war Autor, Diplomat und Verfechter einer menschenfreundlichen Stadtgestaltung.


In der "Testamentsänderung", die der Politiker-Schriftsteller Jean Giraudoux anlässlich des "Waffenstillstands vom 23. Juni 1940" seinem Sohn (damals schon im Londoner Exil im Stab von Charles de Gaulle) schickte, heißt es:

"Ich hatte ein großes Erbe für meinen Sohn; ein Land, das eines der schönsten und angenehmsten Europas war; Städte in allen vier Windrichtungen, Länder an allen Meeren ... ein Vaterland, leuchtend vor Ruhm, vergegenwärtigter Zukunft und gegenwärtiger Vergangenheit ... Die Erbschaft meines Sohnes ist zerstückt ... Aber keiner unserer ehrgeizigen Wünsche ist angetastet! ... Ich vermache ihm mit dieser Wunde die Aufgabe, den Überdruss am Leben in der Welt zu beseitigen."

Vielleicht war das trotz oder wegen zweier Weltkriege, die er mitmachen musste, sein eigenes Lebensprogramm, das er in Romane, Essays und Theaterstücke verkleidete. Der Schriftsteller im Außenministerium am Quai d’Orsay, mit den Wurzeln der französischen Klassik ebenso vertraut wie mit der Kultur seines geliebten Limousin, Deutschland- und Amerika-erfahren, ein weltgereister Europäer, vielgespielt und vielgeliebt, galt vielen als "glücklicher Dichter".

"Klarheit", "Reinheit", "Unschuld", "Diskretion", "Höflichkeit" sind wiederkehrende Begriffe in seinem Werk, die - ebenso wie "Ironie", "Verzauberung", "Phantasie" und "Esprit" - seinen Bewunderern und Kritikern gleichermaßen zur Charakterisierung seines Werkes dienten.

Urbane Ökologie

Spricht er von sich, wenn er eine seiner Figuren dies sagen lässt?: "Ich sehe das alte Inventar der Welt, wie Adam es sah, Bäume und Teiche ohne den Makel der Erbsünde, und ich sehe das moderne Inventar der Welt - Telefon, Kino und Auto - in seiner Göttlichkeit. Ich bin ein kleiner Messias für die kleinen Dinge und Tiere ... Nur ich kann hie und da ein Wesen, ein Insekt, einen Sonnenfleck erkennen, die als einzige ihrer Gattung der Verdammung entgangen sind. Ich bin ein kleiner Messias für die Sonnenflecken." Das war 1923.

Viele seiner Kritiker stießen sich an seinen Sprachoberflächen, die reich mit Metaphern ausgestattet sind. Er glaubt - in ganz ähnlichem Sinn wie Hugo von Hofmannsthal -, dass man die Menschen und Dinge an ihrer Oberfläche erkennen soll. "Ich finde genug Tiefe in der Oberfläche der Welt", heißt es in einem frühen Roman.

Die Schönheit des Äußeren sucht er nicht nur in sprachlicher Eleganz und in der menschlichen Erscheinung, er tritt für sie auch in der Stadtarchitektur ein. Zusammen mit Freunden gründet er 1928 die "Urbane und rurale Liga für Umweltplanung", verfasst ein "Manifest zur Verteidigung von Schönheit und Gesundheit von Paris" und verteilt Lob und Tadel für geglückte Stadtgärten beziehungsweise Bausünden.

Zu seiner Charakterisierung des Menschlichen gehört "der Respekt anderer Arten, des Planeten und damit der Zukunft". Im Drama "Die Irre von Chaillot" findet sich die dramatische Umsetzung seines urban-ökologischen Engagements (und natürlich auch seiner politischen Haltung): Die "Irre" ist der Feind der Ölsucher, Beschützerin der Tiere und Bewahrerin der historischen Bausubstanz.

Hinter den Klischees vom "glücklichen Dichter", vom "Theaterzauberer", dem Schöpfer wunderbarer Figuren geraten die politischen Seiten dieses Werks aus dem Blick. Ja, sie werden - als seien sie vom ästhetischen Zauber absorbiert - geradezu negiert. Offensichtlich sucht und vermisst man das sichtbare, leicht erkennbare Engagement. So zum Beispiel Jean-Paul Sartre, der 1940 von diesem "diskreten, sich in seinem Werk verbergenden Schriftsteller" fordert, er möge über sich sprechen.

Giraudoux tat es in seinen politischen Stücken und in seinen Essays. "Bella", ein früher Roman, enthält treffende Bilder Raymond Poincarés, Aristide Briands und Philippe Berthelots. In seinem "Siegfried"-Zyklus (im Roman, 1922, und im Theaterstück, 1928) wirbt er um ein deutsch-französisches Verhältnis, dessen Klärung er für die entscheidende Frage Europas hält. "Der Trojanische Krieg findet nicht statt" - übersetzt von Annette Kolb, aufgeführt im Theater in der Josefstadt 1936 im Beisein des Autors - beschwört die Friedensmöglichkeit, an die der Autor wohl nicht mehr glaubt, ironisiert die Rolle der Diplomatie, die er von innen kennt.

In "Sodom und Gomorrha" (1943) nutzt er die vergebliche Suche des Engels nach einem glücklichen Paar, um der französischen Nation ihre Zerfallenheit vor Augen zu führen. In "Littérature" und "La France sentimentale" kreist sein metaphernreiches Denken immer wieder um die mögliche Rolle einer, nicht nur seiner, Nation - aus der Perspektive eines Menschen, "der einmal an Nationen geglaubt hat".

In "Pleins Pouvoirs" (1939) und "Sans Pouvoirs" (posthum 1946) reflektiert er die eigenen Rollen; die des hohen Beamten, verantwortlich für die Auslandskultur, die des "Sprechers ohne Macht", des der Tradition und der Zukunft Verantwortlichen, der weiß, dass er letztendlich nur über die Macht der neubelebten Worte verfügt.

Deren sehr relative Effizienz erlebt er als "Generalkommissar für Information" (Juli 1939 bis Juni 1940) in der Regierung Daladier. Er ist in dieser Rolle in gewisser Weise Gegenspieler von Joseph Goebbels - "ein zartes Florett gegen eine Posaune", wird gespottet.

Ästhetik & Hygiene

Giraudoux, der mit deutscher Kultur sehr vertraut war und sie liebte, betont in seinen Radioansprachen, dass der kommende Krieg nicht mit dem Ziel geführt werde, Deutschland zu vernichten, sondern Hitler zu besiegen. Schon zu Beginn des Krieges dachte er (öffentlich) über einen künftigen Waffenstillstand nach, der die Fehler von 1918 nicht wiederholen dürfe ("Le futur armistice", November 1939). Und er half mit seinem Team, so gut er konnte, Emigranten bei Aufenthalt und Weiterreise (unter anderen Alfred Polgar, der in Paris ziemlich mittellos gestrandet war).

Neben seiner literarischen Tätigkeit setzte er auch im Krieg - de facto bis an sein Lebensende 1944 - die Arbeit an seinem Urbanismusprojekt fort. Als weitgereister Diplomat hatte er viele Städte gesehen, deren Wohnungswesen und Gartenanlagen, Sportstätten und sanitäre Einrichtungen ihn beeindruckt hatten. In den Vororten von Paris hingegen sah er "Elendsquartiere und vielerorts Stadtzerstörung".

Es war sein Ziel, immer mehr verantwortliche Menschen für die Verbesserung des urbanen Lebensrahmens zu gewinnen: Mediziner, Hygieniker, Verwaltungsbeamte, Architekten. Gesündere Stadtverhältnisse seien eine Voraussetzung für glücklichere Menschen und eine bessere Kultur: Er kämpfte für "Schönheit im öffentlichen Raum" - und die schloss nicht nur Ästhetik, sondern auch Hygiene mit ein.

Sein langjähriges Engagement für Verbesserungen im städtischen Leben mögen auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, obwohl "Schönheitsmanifeste" auch anderswo von Schriftstellern getragen wurden (etwa von Jörg Mauthe und Günther Nenning in Wien). Bei Giraudoux ist es nur eine andere Seite seiner Tätigkeit: Er glaubt an die Macht der Schönheit.

Doch tatsächlich sind das Glück und die Schönheit, um die sein Schreiben kreist, immer gefährdet, das Lächeln ist oft ernst, die Höflichkeit ein Akt der Beschwörung. Sein Werk ist "randvoll angefüllt mit Darstellungen der Kristallisation oder des Zerrinnens von Glückssituationen" (Hans Mayer). Immer gibt es die hellsichtigen Zeugen, die den Zerfall, die Auflösung, das Verschwinden des Glücks in den Phasen der Stabilität und der scheinbar ewigen Dauer voraussagen: Kassandra, den "Gärtner", den "Erzengel" in "Sodom und Gomorrha".

1935 schrieb Giraudoux das Stück über den unvermeidlichen Krieg. Das mögliche Zerbrechen scheinbar festgefügter Zustände ist dem Dichter-Diplomaten ein begleitendes Weltgefühl, das so gar nicht zum Ruf der Leichtigkeit passt, an dem er durch Stil- und Metaphernwahl gearbeitet hat. So sehr er sich um die Poetisierung des Alltäglichen und um die Wiederverzauberung der Welt (auch der technischen) bemühte, der apollonische Zauberer weiß auch immer um die Schatten. Aus privilegierter Stellung, von einer sonnenbeschienenen Terrasse aus schaut er auf eine, auf seine zerbrechende Welt.

"Plötzlich, in wenig Stunden, greift die Krankheit die gesündesten, die ausgezeichneten glücklichen Gebilde an. Es ist dann die Krankheit der Staaten und Reiche. Sie ist tödlich. Alles Gold liegt aufgehäuft in den Banken; aber Groschen und Heller haben ihre Kraft verloren. Kühe, Ochsen und Hämmer gibt es in Fülle; aber es herrscht Hungersnot. Im Sommer brennt dann der Schatten, im Winter spaltet sich der Stein ... Dort gerade tritt die Krankheit auf, wo man sie auf ewig gebannt zu haben glaubte." ("Sodom und Gomorrha")

Eine Klasse für sich

© Matthes & Seitz

Wie Jean Paul Sartre und andere ihm eine unpolitische Haltung unterstellen konnten, ist angesichts von Giraudouxs Rollen (der Plural ist angebracht) im politischen und gesellschaftlichen Leben Frankreichs schwer nachvollziehbar. Wahrscheinlich hatte man allzu rasch das Klischee vom "glücklichen Dichter" an der Schreibhand, das man mit dem Stereotyp von "engagierter Literatur" verglich. Seine Einordnung in Schulen oder gar Parteien fiel schwer. "Europäische Schriftsteller" - und ein solcher war er, darin vergleichbar Paul Valéry, Hugo von Hofmannsthal, Ernst Robert Curtius oder Stefan Zweig - stellten keine lautstarke Kategorie dar.

Dass seine Stücke weitgehend von den Spielplänen verschwanden, mag das Geheimnis der Theaterdirektoren und Dramaturgen bleiben. Seine Texte verlangen ein hohes Maß an sprachlicher Konzentration und Intelligenz (auch vom Publikum) und eine besondere Art von Aufmerksamkeit für das Wort, das in unserer Bilder- und Illustrierten-Welt allzu vielen fehlt. Den grellen Stückezertrümmerern und ihren modischen Apologeten jedenfalls. Einen fernen Klang jener für Giraudoux notwendigen Schauspielkunst kann man in den Filmen von Louis Jouvet spüren ("Hotel du Nord", "Nachtasyl") und auf Tonträgern hören.

Vielleicht ist es nicht untypisch, dass ihn Rainer Maria Rilke geschätzt hat ("Er gehört zu den ganz seltenen Prosaisten, die die Feder gebrauchen wie einen Zauberstab; sie verwandeln", so Rilke 1926). Und Marcel Proust hat ihn bewundert und aus seiner Bewunderung kein Hehl gemacht.

Rudolf Bretschneider, geboren 1944, ist Sozialforscher. Er war von 1973 bis 2007 Geschäftsführer und anschließend Konsulent von GFK-Austria.