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Alle verehren den stigmatisierten Padre Pio

Von Giovanni Facchini

Politik

Rom - Zwei Jahre nach dem Heiligen Jahr wird Rom am kommenden Sonntag wieder aus allen Nähten platzen. Denn Papst Johannes Paul II. spricht Padre Pio (1887 bis 1968) heilig, der von Millionen Katholiken insbesondere in Italien verehrt wird. Mindestens 600.000 Pilger werden zu der größten Heiligsprechungsfeier aller Zeiten erwartet.


Da nicht für alle Verehrer Padre Pios in Rom Platz ist, wird die Heiligsprechung auch nach San Giovanni Rotondo übertragen, wo der 1968 im Alter von 81 Jahren gestorbene Kapuzinermönch gewirkt hatte. Mittlerweile ist der Ort im süditalienischen Apulien zu einem der weltgrößten Wallfahrtsorte aufgestiegen. Mit mehr als sieben Millionen Pilgern pro Jahr könnte es sogar den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes bald in den Schatten stellen. Sogar der Bau eines eigenen Flughafens ist schon diskutiert worden.

Auf der Apennin-Halbinsel wird Padre Pio - mit bürgerlichem Namen Francesco Forgione - längst wie ein Nationalheiliger verehrt. In vielen Geschäften, Autos und Wohnungen sind Bilder des vollbärtigen Ordensmannes zu finden, in keinem Dorf fehlt eine Statue Padre Pios oder ein nach ihm benannter Gebetskreis. Von den eigentlichen Nationalheiligen Franz von Assisi oder Katharina von Siena spricht kaum jemand mehr: Padre Pio ist hingegen "in". TV-Programme über ihn zur besten Sendezeit sind Straßenfeger. Der Staatssender RAI hat sogar einen Film über das Leben des heiligen Mannes produziert - mit Michele Placido, dem Star aus der Serie "Allein gegen die Mafia", als Padre Pio.

Angesichts der immer größer werdenden Anhängerschar hatte der Vatikan vor drei Jahren Padre Pio selig gesprochen. Ohne den Druck von unter wäre Padre Pio, der am 25. Mai 1887 in Pietrelcina, einer kleinen Stadt in der Nähe von Benevento in Süditalien, als achtes Kind einer Bauernfamilie zur Welt kam, vielleicht niemals zu den Ehren der Altäre aufgestiegen. Zu Lebzeiten galt der Pater mit dem ernsten Blick den Entscheidungsträgern im Vatikan als höchst suspekt. Bereits kurz nach dem Eintritt ins Kloster sollen an seinen Händen und Füßen die "Wundmale Christi" aufgetreten sein. Während viele Gläubige bald begannen, zu dem frommen Mönch zu pilgern, bei ihm zu beichten und um Rat zu suchen, galt er in Rom als Schwindler. Es wurde ihm verboten, die angeblichen Wundmale in der Öffentlichkeit zu zeigen. Eine Zeitlang durfte er nicht die Messe lesen, weil er einen vom Vatikan entsandten Bischof schroff abgewiesen hatte. Die Wundmale bereiteten Padre Pio große Schmerzen, er fühlte sich dadurch wie Christus am Kreuz. Der Pater galt zwar als verschlossen und eigenbrötlerisch, doch sein missionarischer Eifer war grenzenlos.

Die innerkirchliche Wende zu Gunsten Padre Pios brachte Johannes Paul II. Als Erzbischof von Krakau hatte Karol Wojtyla einmal Padre Pio besucht - hartnäckig hält sich das Gerücht, wonach ihm dieser vorausgesagt habe, dass er eines Tages den Stuhl Petri besteigen werde.

Padre Pio hatte sich zu Lebzeiten auch als großer Spendensammler bewährt. Mit dem Geld wurde in San Giovanni Rotondo ein Krankenhaus erbaut, das heute als eines der besten in Italien gilt. Viele der Padre Pio zugerechneten Wunder sollen sich auch dort ereignet haben, auch die Heilung eines Knaben von einer schweren Gehirnhautentzündung, die für die Heiligsprechung anerkannt wurde.