Zum Hauptinhalt springen

Allein gelassen im neuen System

Von Martyna Czarnowska

Politik

Die Euphorie, die Kapitalismus und freie Marktwirtschaft ausgelöst hatten, ist verflogen. Die Vorzüge des jahrzehntelang bekämpften Sozialismus hingegen erstrahlen angesichts der tristen ökonomischen Lage in verklärtem Glanz. Zwölf Jahre nach der demokratischen Wende hat Polen sein Gleichgewicht noch nicht gefunden: weder in politischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht und ebenso wenig im Bewusstsein vieler Menschen. Es ist nach wie vor ein Land im Umbruch, dessen Entwicklungstempo so manchen Einwohner überfordert - und anderen bisher nie da gewesene Chancen bietet.


Die Straßen Warschaus sind bunter geworden in den letzten Jahren. Blinkende Schriftzüge säumen die Plätze und Häuser; riesige Werbeplakate preisen Markenartikel an, die vor 20 Jahren lediglich in ausgesuchten Geschäften, meist nur für Dollar zu erwerben waren. Hektisches Treiben dominiert die Innenstadt von früh bis spät.

Polens Hauptstadt unterscheidet sich kaum von anderen europäischen Metropolen: Die schmucken renovierten Bürgershäuser des alten Zentrums ziehen massenweise TouristInnen an, die Plattenbauten der Randbezirke sind unwesentlich hässlicher als jene der Vororte von Paris oder Rom. Doch den Freuden des Kapitalismus, der nach 1989 so vielversprechend Einzug hielt, können nicht alle frönen. Größer als in Westeuropa ist immer noch die Kluft zwischen arm und reich sowie die Gruppe derjenigen, die am oder unter dem Existenzminimum leben.

Zusatzverdienst zur Rente

Auf einem Klapphocker, an die Hauswand gelehnt sitzt Maria P. Vor ihr ausgebreitet liegen ein paar getrocknete Blumen, in der Hand hält sie ihr Strickzeug. Die wachen, fast schelmisch dreinblickenden Augen verleihen ihr ein wesentlich jüngeres Aussehen. Kaum zu glauben, dass sie schon 86 Jahre alt ist. Jeden Tag fährt sie mit dem Autobus und zwei Straßenbahnen in die Innenstadt, wo sie die Blumen aus ihrem Garten verkauft. Ein Zusatzverdienst sind die Socken. Heute war kein schlechter Tag: Sie hat eine Bestellung für drei Paar bekommen.

"Meine Zeit zum Sterben ist noch nicht gekommen", seufzt sie und lächelt gleichzeitig kaum merklich. Die Rente ihres verstorbenen Mannes reicht nicht einmal für die Medikamente aus. "Aber ich darf mich nicht beklagen. Ich habe eine gute Nachbarin, die sich um mich sorgt", erzählt sie - und bittet kein Foto von ihr zu machen. Allzu oft wollte sie die Polizei von ihrem Platz vertreiben. "Was soll ich denn tun?" hat sie dann jedes Mal gefragt. "Soll ich betteln? Da arbeite ich lieber redlich."

Unternehmergeist gefragt

Sie verstehe es, dass viele Leute frustriert sind, meint Hania R., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität. Sie fühlten sich nämlich im neuen System allein gelassen. Denn neben all den Behinderungen wie Zensur oder der so gut wie nicht vorhandenen Reisefreiheit hatte der Sozialismus auch Züge eines Wohlfahrtsstaates an sich. Das Gesundheits- und das Bildungswesen waren staatlich finanziert, Arbeitslosigkeit war nach offiziellen Angaben ein unbekanntes Phänomen (wie im Übrigen auch Prostitution und Drogenabhängigkeit). Die neu erlangte Demokratie hingegen verlangt ein größeres Maß an Eigenverantwortung und Bereitschaft zu unternehmerischem Handeln. Und dies war beinahe einer ganzen Generation verwehrt geblieben.

Schokolade auf der Post

Die Unterschiede liegen oft im Detail. Hania verdeutlicht dies anhand eines Urlaubserlebnisses: "Als wir in der Schweiz waren, hat mein Sohn auf dem Postamt Schokolade gesehen. Sie ist einfach so dort aufgelegen, jeder hat sie nehmen können. Er hat sich alle Taschen damit vollgestopft." Ihre zwei Kinder haben gefragt, ob sie nicht in der Schweiz bleiben könnten.

Es ging dabei nicht darum, dass Süßigkeiten für polnische Verhältnisse etwas unerreichbares wären. Die Läden sind voll davon; die Zeiten, wo es ab und zu einmal eine Lieferung von bitterer Kochschokolode gab, gehören der Vergangenheit an. Doch Hanias Kinder sahen in dem anderen Land einfach ein Leben, das durchgängig in geordneten Bahnen zu verlaufen schien.

Es ist besser geworden, in Polen, ist Hania dennoch überzeugt. Es gibt nun mehr Verdienstmöglichkeiten, ein Urlaub wird für viele leistbar, der Lebensstandard hebt sich. Doch die Bevölkerung muss ihren Beitrag dazu leisten. So wurde vor zwei Jahren im Rahmen einer Reform des Gesundheitswesens ein Krankenkassensystem eingeführt, das von den ArbeitnehmerInnen mitgetragen wird. Früher war das anders.

Sehnsucht nach früher?

"Viele haben vergessen, was früher sonst noch war: das stundenlange Anstellen in der Warteschlange, die Lebensmittelkarten", vermutet Hania. Ob damit der neuerliche Wahlsieg der Postkommunisten bei der Parlamentswahl im September zu erklären sei? Das Gespräch beginnt sich um Politik zu drehen. Das Wahlergebnis wird von polnischen Kommentator-Innen oft als Ausdruck der Antihoffnung bezeichnet. Die Reformversprechen, mit denen Solidarnosc und Freiheitsunion angetreten sind, sehen viele als nicht eingelöst an. Die geringe Wahlbeteiligung - unter 50 Prozent - signalisiert unter anderem Resignation.

Dass nun die Sehnsucht nach der "Kommune" wieder wächst, hält Maciej G. - darauf angesprochen - für "westliches Denken". Der junge Anwalt hat den Bund der Linksdemokraten (SLD) gewählt, "damit endlich wieder jemand regiert". Die Koalition ist im Vorjahr nicht zuletzt an persönlichen Streitigkeiten gescheitert; eine stabile Regierung hat es in Polen nach 1989 nur selten gegeben. Was seine eigenen Lebensumstände anbelangt, möchte er sich nicht beklagen. Die Kanzlei, in der er arbeitet, hat einen ausgezeichneten Ruf, die Wohnung ist abbezahlt, seine Frau kümmert sich um die zwei kleinen Kinder. Weiteren Karrieresprüngen steht nichts im Weg - wie bei vielen jungen, gut ausgebildeten Menschen, vor allem wenn sie weltoffen sind.

Weltoffenheit macht jedoch auch Angst. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union wird immer stärker thematisiert und - nach dem Einzug dreier EU-skeptischen Parteien ins Parlament zu schließen - von einer größer werdenden Gruppe abgelehnt.

"Wir hier trauen niemandem", erzählt Roman O. Mit hier meint er Trzcianka, eine kleine Ortschaft knapp 80 Kilometer von Warschau entfernt. Eine Gruppe von JournalistInnen besucht die 12-Hektar-Landwirtschaft seines Nachbarn. "Wer erzählt uns denn etwas über die EU?" fragt Roman. Er wisse nicht, ob er bei einem Beitritt zur Union gewinnen oder verlieren würde. "Ich weiß, dass es Geld für die Landwirtschaft geben soll, aber wieviel davon werden tatsächlich wir erhalten?" Sein Nachbar, Waldemar M., hält sich mit Zukunftsprognosen zurück. Er weiß, wie es jetzt ausschaut: "Es ist schwierig, das zu verkaufen, was produziert wird, und wenn es verkauft werden kann, dann um einen schlechten Preis." Im freien Wettbewerb mit anderen Staaten könnte sich die Situation noch verschärfen.

Doch nicht alle begegnen der EU mit Misstrauen. Wenige Kilometer von Trzcianka entfernt, in Sobolew, führt Marian K. durch seinen Betrieb. Auch er verdient mit der Milchwirtschaft, allerdings umfasst sein Land 350 Hektar. Seine persönliche Kooperation mit der EU hat er bereits geschlossen: Im Rahmen eines Förderprogramms erhält er für jeden Liter Milch 40 Groschen (rund eineinhalb Schilling) zusätzlich.

"Man muss sich zu helfen wissen", erzählt er. Dabei hätten ihn die Leute, als er vor dreißig Jahren einen Kredit aufgenommen hat, für verrückt erklärt. Mit Obstbau hat es begonnen; sukzessive hat er sein Land vergrößert; die Milchproduktion hat immer mehr Raum eingenommen. Mittlerweile ist die Landwirtschaft ein Kleinunternehmen; sieben Personen sind darin beschäftigt, Marian K. reist nach Deutschland und Holland, wo er seine Kühe kauft. Vor kurzem war das deutsche Fernsehen da, erzählt er. "Ich habe sie in den Stall geführt, und sie haben sich geweigert, zu filmen. So etwas haben wir auch bei uns, haben sie gesagt." Dem Kamerateam war der moderne Stall, in dem dreißig an Melkmaschinen angeschlossene Kühe stehen, zu wenig "typisch". "Sie wollten einen kleinen Bauernhof sehen, mit dem Hahn auf dem Mist und dem Bauern hinter dem Handpflug. Und das zeigen sie dann im Westen."

Die Mär vom reichen Westen

Vor stereotypen Vorstellungen sind Menschen weder im Westen noch im Osten gefeit. "Im Westen ist alles einfacher", ist in Polen oft zu hören. Die Bereitschaft, weg zu ziehen, ist allerdings wesentlich geringer, als in Deutschland oder Österreich von einigen befürchtet. Die Zahl der SaisonarbeiterInnen, die für einige Monate ins Ausland gehen, um Geld zu verdienen, sinkt ebenfalls.

Henryk D. sieht weiterhin gerade die finanziellen Vorzüge des "Pendelns". Seit Jahren fährt er nach Niederösterreich, in die Nähe von Tulln, um dort bei der Weinlese zu helfen. Sein Arbeitgeber sei mit ihm als Vorarbeiter hoch zufrieden; deswegen habe er sich auch darum bemüht, den Polen legal beschäftigen zu können. Doch die Trennung von der Familie macht oft zu schaffen, auf die Dauer möchte Henryk nicht im Ausland bleiben. Nur noch ein wenig, dann steht das Haus in der Nähe von Warschau, etwas Geld ist zur Seite gelegt. Dann will er in Polen sein eigenes "Geschäft" machen. Der Vertrieb von importierten Ziersträuchern schwebt ihm vor.

Die Arbeit im Ausland wird unrentabler. Früher konnte mit dem Verdienst vom Bau oder aus der Obsternte ein Haus erworben werden. Heute reicht es für einen Fernseher. Das Leben wird immer teurer, seufzen viele. Auch in diesem Punkt werden die Unterschiede zu Westeuropa immer geringer.