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Allerwelts-Urlaubsland Österreich

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Andere Länder mögen sich mit Zielgruppen-Tourismus plagen. Das macht Österreich zwar auch, jedoch konzeptlos und ohne Konsequenz - allerdings zu seinem eigenen Vorteil. | Alle Jahre strickt die Österreich-Werbung an einem neuen Tourismuskonzept. Ein gewisses Werbepotenzial scheint neuerdings in den Waldbränden gesucht zu werden, die die Urlauber aus Südeuropa nach Österreich vertreiben könnten.


Momentaufnahme im hochsommerlichen Panhans am Semmering. Ach Gott Semmering, ach Gott Panhans - aber der Hotelkasten, der nach seiner Hochblüte zur Jahrhundertwende (der von 1900!) immer um starke 20 Jahre hinter seinen Ansprüchen zurück bleibt, ist ausgebucht bis auf das letzte seiner 113 Zimmer. Das Grandhotel mit offenen Toren nach Osteuropa hat keine typische Zielgruppe mehr, das gibt Panhans-Direktor Eduard Aberham unumwunden zu. Die Durchschnittsverweildauer der Gäste beträgt gerade mal 2,1 Tage - da soll jemand ein langfristiges Tourismuskonzept erfinden.

Die Zielgruppen geben einander die Klinke in die Hand. In dem zum Wintergarten aufgemotzten Frühstücksraum ist die Frequenz fast im Stundentakt zu beobachten. Da ist das Reichenauer Festspielpublikum, auf der Flucht vor der Gewalt der Wiener Theaterregisseure. Es ist erkennbar an den Jahresringen und an der nervösen Hektik am Abend, wenn Essenszeit und Theaterbeginn synchronisiert werden müssen. Am nächsten Morgen kommt es vor, dass an manchem Frühstückstischen eine vom Seelen-Anatom Arthur Schnitzler gespeiste suizidale Stimmung Platz greift.

Plötzlich drängt dynamische Jugendkraft herein, füllt den Raum mit Turnsaalgeruch und leert das Büffet: Mehrere Dutzend Fahrrad-Besessene aus Belgien, Deutschland und Österreich sind angekommen. Was heißt Fahrrad! Hochtechnisierte Geräte für Dirts, Singletrails, Drops, Speedjumps, Felsabfahrten und Wallrides werden angeschleppt, klar?

Die Mountainbike-Strecke am Hirschenkogel verleiht dem noch immer schwächeren Sommertourismus einen Kick. Den haben auch die Biker. Sie unterschreiben für einen internationalen Radverleiher in grammatikalischer und inhaltlicher Unbekümmertheit ein "Testrad-Einverständnis", in dem es heißt: "Hiermit enthebe ich die Specialized Europe B.V., seine Mitarbeiter und Repräsentanten von jeder Verantwortung persönlicher Verletzungen oder gar Todesfall."

Die goldbestückte Lady, Marke 19. Jahrhundert, verschüttet beim Blick auf das Schuhwerk der Fun-Generation vor Aufregung den Kaffee und lässt sich eine neue Tasse bringen. Immerhin, sie hat nicht "Garcon!" gerufen, sondern "Herr Ober!"

Am Wochenende ist Ferrari-Fest, der "Semmering Hillclimb". An dem für die rote Luxusflotte reservierten Parkplatz kommentieren Teilnehmer und andere Kundige die Ankunft der Autos. Später sitzen sie beim Festbankett und starren auf eine riesige Projektionswand. Was bewegt sich dort? Ferraris, was sonst. Am nächsten Tag hat sich die geschlossene Ferrari-Welt verflüchtigt. Massagebedürftige und ganzkörperschönheitsbewusste Kurgäste - zwei weitere Zielgruppen - haben wieder ihren Parkplatz.

Jetzt noch rasch große Hochzeit mit 200 Gästen. Morgen wird alles anders sein, aber da hat auch der Autor dieser Zeilen seine 2,1 Aufenthaltstage konsumiert und kann nicht mehr berichten. Ach ja, da war doch anfangs die Rede von einem Tourismuskonzept. Es gibt keines, aber so lange genügend Tourismus-Teilmengen nach Darwins auch für den Fremdenverkehr gültigen Zufallsregeln ankommen, ist es erfolgreich.