Zum Hauptinhalt springen

Alles andere als nobel

Von Judith Belfkih

Kommentare
Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Es ist die Zeit, in der die literarischen Buchmacher Hauptsaison haben, wird doch traditionell Anfang Oktober der Literaturnobelpreisträger gekürt. Nicht so heuer. Die Preisträger in den naturwissenschaftlichen Kategorien bestreiten ab Montag gewohnt die ersten Tage der Nobelpreisewoche. Um die Literatur aber wird es - zumindest nach außen - ruhig bleiben. Die bisher stets mit dem Beinamen ehrwürdig versehene Nobelpreisakademie ist ja über ihr eigenes, gar nicht so ehrwürdiges Benehmen gestolpert, hat den Preis für 2018 im Frühjahr abgesagt - und scheint sich auch weiter hinter den Kulissen alles andere als nobel zu verhalten. Der zweite Donnerstag im Oktober wird also ein betreten stiller sein. Nicht, weil es keine Kandidatinnen gegeben hätte. Die interne Shortlist soll vor dem Skandal um undurchsichtige Fördergeldvergaben, undichte Löcher in Bezug auf Preisträger und inakzeptables Verhalten im Umfeld der Mitglieder bereits fertig gewesen sein.

Die Akademie hat also derzeit andere Sorgen als Listen, gilt es doch, die gebeutelte Institution zu konsolidieren. Ganz entwirrt scheint das Knäuel noch nicht - trotz geänderter Statuten und vieler Debatten. Das Vertrauen der teils aus Protest passiven Mitglieder zueinander scheint nach wie vor erschüttert. Keine gute Basis, um das Vertrauen der Welt in die Akademie wieder herzustellen. Zu lange Zeit lassen sollte die Jury sich nicht. Schon formieren sich Gruppen, die einfach einen alternativen Preis stiften wollen - um zumindest die Literatur aus dem unnoblen Strudel zu befreien.