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Alles dem Krieg unterworfen

Von Karin Leukefeld

Gastkommentare
Karin Leukefeld ist freie Journalistin und Buchautorin. Sie war persönliche Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten der PDS und in der Organisations- und

Das Beispiel Irak zeigt: Nicht Berichte über die Folgen von Krieg für Mensch und Umwelt, der Krieg selbst erhöht die Einschaltquote. Und die Medien machen munter mit.


Im Irak hat die niederländische Friedensorganisation PAX jüngst einen neuen Bericht über die Folgen von abgereicherter Uranmunition (U-238) im Irak veröffentlicht. Die Zivilbevölkerung sei noch immer radioaktiver Verseuchung und giftigen Schwermetallen ausgesetzt, heißt es darin. Das betreffe vor allem den Süden des Landes, der die größte Last der drei Irak-Kriege - 1980 bis 1988, 1991 und 2003 - zu tragen habe.

Verantwortlich für die anhaltende Gefahrensituation für Mensch und Umwelt seien die irakische Regierung und die Staaten, die die Munition eingesetzt hatten, aber auch die Vereinten Nationen, denn niemand unternehme etwas, um die Schäden zu beseitigen. Die damals Krieg führenden Staaten verweigerten die Auskunft, wo und in welchen Mengen U-238-Munition eingesetzt worden war, niemand tue etwas für deren Beseitigung oder für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung.

Da der Irak gerade erneut in den Schlagzeilen ist, wäre das eine gute Gelegenheit, das weitgehend vergessene Thema wieder in den Vordergrund zu rücken. Das Interesse am gefährlichen Erbe der panzerbrechenden Munition außerhalb des Irak ist aber überschaubar, die aktuelle Katastrophe im Irak ist für das Publikum wohl schlimm genug.

Nun, irakische Familien, Ärzte und Politiker sprechen schon seit Mitte der 1990er Jahre über die Uran-Munition-Tragödie, doch niemand hört ihnen zu. Für sie sind das tägliche Sterben ihrer Kinder an Krebs und diverse Fehlbildungen seit mittlerweile zwei Jahrzehnten "aktuelles Geschehen".

Nicht Berichte über die Folgen von Krieg für Mensch und Umwelt, der Krieg selbst erhöht die Einschaltquote. Nicht die Bilder der Opfer noch Jahrzehnte später, sondern Mord und Totschlag heute machen sich bezahlt. Krieg treibt die Medien vor sich her, und immer öfter schüren die Medien selber den Krieg, um auf dem Markt zu bestehen.

Die Kämpfer des "Islamischen Staat im Irak und in der Levante/Syrien" (Isil/Isis) haben das gut erkannt. Mit kleinen Videoclips zeigen sie ihre Waffen, Kämpfer verbreiten Propaganda. Minikameras, am Helm oder um den Hals getragen, dokumentieren ihre Grausamkeit und werden über YouTube, Blogs, Facebook oder andere "soziale Medien" im Internet fast in Echtzeit verbreitet.

So funktioniert unsere schöne neue Welt, Angebot und Nachfrage sichern das Geschäft. Jeder Anschlag rekrutiert neue Kämpfer, mehr Geld und Waffen.

Gern auch als "vierte Gewalt" beschrieben, sollten die Medien diesem Trend eigentlich entgegenwirken - wenn die Politiker es schon nicht tun. Doch wenn es um Krieg und Frieden geht, unterwerfen sich alle dem Krieg. Quote machen diejenigen, die heute im Irak und anderswo töten. Dabei wäre es viel wichtiger, aus vorherigen Kriegen zu lernen.

Der Irak leidet bis heute am giftigen und gefährlichen Erbe eines im Westen schon beinah vergessenen Krieges.